Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Schaurig schön und „ein leichtes Kribbeln“ – Ruinenromantik der Löwenburg

21. Mai 2010 | Von | Kategorie: Porträt 
Der Wiederaufbau des Bergfrieds, des über 30 Meter hohen Turms an der Ostseite der Löwenberg (rechts im Bild), ist der Schwerpunkt der Millioneninvestition. Zentrale Gesellschaftsräume waren hier zu finden. Foto: FKK

Der Wiederaufbau des Bergfrieds, des über 30 Meter hohen Turms an der Ostseite der Löwenberg (rechts im Bild), ist der Schwerpunkt der Millioneninvestition. Zentrale Gesellschaftsräume waren hier zu finden. Foto: FKK

Nein, die legendären Ritter, kampfesmutig und hoch zu Ross, waren hier nie. Zwar zeigt ein neugieriger Blick in die Rüstkammer historische Waffen und Rüstungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Aber dieses Kettenhemd aus nicht weniger als 15000 Metallringen trug hier niemand im Angesicht des Feindes. Auch jene Ritterrüstung – früher 50 Kühe, heute 170000 Euro wert – schützte höchs-tens bei Schaukämpfen. Zumindest hier auf der malerischen Löwenburg mitten im Bergpark Wilhelmshöhe, die ab diesem Jahr für 28,15 Millionen Euro restauriert werden soll.

Als Lustschloss genutzt
Alles nur Schein, weiß Burgverwalter Martin Kohlhaas zu erzählen. Zwar war die Löwenburg von 1793 bis 1801 als romantische Ritterburg von Landgraf Wilhelm IX. erbaut worden. Genutzt hat der spätere Kurfürst Wilhelm I. sie jedoch als Lustschloss für sich und seine Mätresse Karoline von Schlotheim. 31 Jahre dauerte die Verbindung, nicht weniger als 13 Kinder gingen aus ihr hervor.

Einmalige Ruinenromantik
Also eine Liebe in Zeiten des Barock, getarnt in mittelalterlicher Kulisse? Mitnichten. Der Landesfürst, der nur wenige Schritte entfernt in der Burgkapelle zu Grabe liegt, wollte mit dem scheinbar ehrwürdigen Alter der Löwenburg den Herrschaftsanspruch seines Familiengeschlechts legitimieren. Entstanden ist nicht zuletzt eine Ruinenromantik, wie sie seinerzeit auf dem europäischen Kontinent einmalig war.

Schaurig schön und ein bisschen unheimlich wirkt sie – anno dazumal wie heute. Selbst manchmal für Kohlhaas, der seit immerhin 14 Jahren mit seiner Familie in den alten Gemäuern wohnt und über sie wacht. „So ein leichtes Kribbeln“ spüre er immer noch hin und wieder auf seinen einsamen Kontrollgängen, obwohl er jeden Winkel kennt und tagtäglich in zahlreichen Führungen zu erklären weiß. Nicht zu vergessen die nächtlichen Überraschungen durch lärmende Waschbären oder Fledermäuse, die sich schon bei offenem Fenster ins Schlafzimmer verirrt hätten.

Räume originalgetreu wiederherstellen
Kurfürst Wilhelm I. würde es wahrscheinlich freuen. Nicht nur, dass die Aura seiner Ritterburg ungebrochen ist, sondern auch, dass sie jetzt umfangreich saniert wird. Das Augenmerk gilt laut mhk-Architektin Astrid Schlegel nicht nur dem teils maroden Mauerwerk, das von Anbeginn mit künstlichen Rissen und Baufugen versehen worden war und aus Tuffstein besteht, der einst preiswert in den nahen Steinbrüchen gebrochen werden konnte und im Sinne des
Erbauers schnell verwitterte. Auch die historischen Räume im West- und Ostflügel sollen nach dem Inventar von 1816 originalgetreu wiederhergestellt werden, betont Astrid Schlegel und setzt hinzu: „80 Prozent der mobilen Ausstattung sind erhalten.“ Teilweise sei die umfangreiche Einrichtung von Rittersaal, Bibliothek, Waffenkammer, Herren- und Damenbau ausgelagert worden. Die Kunsthistorikerin Dr. Friedl Brunckhorst habe jedoch genau rekonstruiert, wie die Räumlichkeiten einst eingerichtet worden waren, so dass sie originalgetreu nach Sanierungsabschluss zusätzlich als Besuchermagnet dienen können.

Bergfried bald wieder zu besichtigen
Schwerpunkt der Restaurierung in drei Bauabschnitten sei jedoch die Rekonstruktion des Bergfrieds, des einst fünfgeschossigen, über 30 Meter hohen Turms, der an den Verbindungstrakt zwischen Herren- und Damenbau angrenzte. Nur noch dessen Treppenturm sowie die Grundmauern sind nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg erhalten. Im Rahmen der Millioneninvestition wird der Bergfried bis 2014 wieder aufgebaut, sodass in seinem Inneren die zentralen Gesellschaftsräume wie Speisesaal, Bibliothek und Rittersaal sowie die Aussichtsplattform on top zu besichtigen sein werden.

Planungsprozess läuft
„Die Wahrnehmung der Löwenburg wird sich verändern“, ist sich Architektin Astrid Schlegel sicher, denn momentan sei für den Besucher nicht klar zu erkennen, was an der Ruinenromantik bewusst ruinös und was die Folge echter Zerstörung oder Verwitterung sei.

Aktuell laufe der Planungsprozess in Kooperation von Hessischem Baumanagement, der Museumslandschaft Hessen Kassel, dem Landesamt für Denkmalpflege, dem leitenden Architekturbüro sowie Fachplanern, bevor dann Ende 2010 die Sanierung mit Notsicherungsmaßnahmen einsturzgefährdeter Bauteile starten werde.

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