Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Traumjob oder Nightmare on Elm Street?

28. September 2011 | Von | Kategorie: Porträt 
Der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Jürgen Gehb ist seit einem Jahr Chef der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) in Bonn  Traumjob oder  Nightmare on Elm Street?  Als Vorstandssprecher der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben ist der „Kasseler Junge“ nun dabei, für den größten Immobilienbesitzer des ganzen Landes ein „Einheitliches Liegenschaftsmanagement (ELM)“ mit zu gestalten. Foto: Mario Zgoll

Der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Jürgen Gehb ist seit einem Jahr Chef der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) in Bonn Traumjob oder Nightmare on Elm Street? Als Vorstandssprecher der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben ist der „Kasseler Junge“ nun dabei, für den größten Immobilienbesitzer des ganzen Landes ein „Einheitliches Liegenschaftsmanagement (ELM)“ mit zu gestalten. Foto: Mario Zgoll

Man hatte mich vorgewarnt, Dr. Jürgen Gehb würde Wert auf den Titel legen, doch der große bullige Mann mit dem breiten Lachen begrüßt mich gutgelaunt ganz ohne Titel in seinem schönen, aber gar nicht protzigen Haus in Wilhelmshöhe. Seit über zwanzig Jahren wohnen die Gehbs hier, und sie wollen nicht mehr weg. Er macht auch gar nicht den Eindruck, als sei er jemand, dem seine akademischen Weihen übertrieben wichtig wären. Gehb (um den Doktor von nun an wegzulassen) trägt eine Jeans und ein Sweatshirt. Er hat Urlaub und gerade noch im Garten gearbeitet. Dort setzen wir uns unter eine von Rosen und Glyzinen umrahmte Pergola und genießen den herrlichen Blick auf die Vielfalt von Bäumen, Sträuchern und allerlei Blumen.

Über 28.000 Liegenschaften
„ELM“ sagt er grinsend, „das ist das Wort, das bei uns in der BImA am häufigsten fällt. Aber wie das `Einheitliche Liegenschaftsmanagement´ in den unterschiedlichsten Bundesinstitutionen dann ganz konkret aussieht, richtet sich nach deren Besonderheiten und Belangen“. Den Film (ein Horror-Klassiker von 1984, dem mehrere Fortsetzungen und eine TV-Serie folgten) kennt er übrigens nicht, und sein nicht mehr ganz neuer Job als BImA-Chef hat sich auch als alles andere als ein Alptraum herausgestellt, obwohl man das annehmen könnte. „Sie müssen sich das mal vorstellen: Uns gehören über 28.000 ganz unterschiedliche Liegenschaften, von Sahnestücken bis zu Ladenhütern, mit denen Sie wenig anfangen können.“ Jürgen Gehb war schon in seiner Zeit als Kasseler Bürgermeister und Bundestagsabgeordneter berühmt (bei manchen berüchtigt) für seine kräftige Ausdrucksweise. „Insgesamt 400.000 Hektar und 44.000 Wohnungen Immobilienbesitz sowie über 600.000 Hektar Wald und Offenlandflächen, die vom Bundesforst naturschutzfachlich betreut und bewirtschaftet werden. Die Gebäude fast sämtlicher Bundesbehörden, von den Ministerien bis zu den Gerichten, gehören uns oder werden uns demnächst gehören und müssen von uns in Schuss gehalten werden. Die Sache ist ungeheuer vielfältig, wir machen alles Mögliche. Verwalten, vermieten, verkaufen, den Wald pflegen, und Bauherr sind wir auch noch. Für das neue Bundesinnenministerium in Berlin zum Beispiel. Gerade ist der Auftrag für den Neubau des Ministeriums für Bildung und Forschung rausgegangen. Und manchmal passiert auch Undenkbares, wie zum Beispiel als für den Neubau der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes ein paar geheime Pläne geklaut wurden.“ Also doch ein Alptraum? „Nee“, meint Gehb, „mir hätte gar nichts besseres passieren können. Der neue Job ist mir gleichsam auf den Leib geschneidert, sonst hätte ich ja nicht darauf verzichtet, in den Deutschen Bundestag nachzurücken. Oft muss ich nach Berlin um für die BImA vor dem Rechnungsprüfungs- oder dem Haushaltsausschuss Rechenschaft abzulegen; das bereitet mir großen Spaß. Ich kenne die Leute in diesen Gremien ja fast alle, ich weiß, wie die ticken, ich spreche deren Sprache. Außerdem sind wir ein Bundesunternehmen, das Geld an den Haushalt abführt und nicht an dessen Tropf hängt. Wir werden dieses Jahr wohl eine halbe Milliarde Euro abführen.“

Auf Landesliste einst hoch platziert
Der für die BImA zuständige Bundesfinanzminister Schäuble hatte offenbar das richtige Händchen, als er dem früheren Fraktionskollegen aus Kassel das Angebot machte, nach Bonn zu wechseln. „Natürlich war ich enttäuscht, als ich vor zwei Jahren nicht wieder in den Bundestag gewählt wurde. Man tritt ja nicht an, um nicht gewählt zu werden. Aber ich wusste schon ein Jahr vorher, dass die Schwäche der hessischen SPD mir bei den folgenden Bundestagswahlen zum Verhängnis werden könnte.“ Wieso? „In Hessen ist es nun mal so, dass im Süden die Schwarzen und im Norden die Roten sämtliche Direktmandate holen.“ Jürgen Gehb, Doktor der Jurisprudenz und rechtspolitischer Sprecher seiner Fraktion, war auf der Landesliste höher platziert als je ein Kasseler CDU-Kandidat vor ihm und holte eine Menge Stimmen, aber die CDU bekam so viele Direktmandate, dass kein Kandidat über die Liste zum Zuge kam. „Danach hätte ich bei einer der großen international tätigen Anwaltskanzleien einsteigen können. Der fast neunzigjährige Lothar Haase“ (ein berühmter ehemaliger Kasseler Abgeordneter) „hat mich aber gewarnt: Willst Du Dir da mit Deinen fast sechzig Jahren von einem fünfunddreißigjährigen Schnösel sagen lassen, was Du zu tun hast?“ Und Lobbyist zu werden wie viele andere Ex-Politiker, das schmeckte ihm nicht.

Politisches Gespür und Durchsetzungskraft
Als Jürgen Gehb dann vor einem Jahr Chef der BImA wurde, hagelte es die üblichen Kommentare, vor allem im Internet: Da ist wieder einer versorgt worden. „Was für ein Quatsch“, brummt Gehb. „Mich musste keiner versorgen, ich war schon versorgt.“ Schließlich war er jahrelang Richter am hessischen Verwaltungsgerichtshof in Kassel ehe er Bürgermeister der Nordhessen-Metropole wurde. Schäuble hat einfach jemanden mit politischem Gespür und Durchsetzungskraft für den Job gesucht. Für den Erfolg der BImA muss auf dem politischen Parkett auch gefochten werden, und da ist es nicht schlecht, einen zu haben, der sich auf diesem Parkett auch gut bewegen kann.

Vom Tischtennis-Ass zum Abgeordneten
Der „Kasseler Junge“ kommt übrigens gar nicht aus Kassel, sondern kam nach dem Studium als Referendar hierher. Trotzdem ist der Begriff nicht falsch: „Mir geht jedes Mal das Herz auf, egal aus welcher Richtung ich in die Stadt komme, wenn ich den Herkules sehe.“ Er war früher ein Tischtennis-Ass; ein beim ESV Jahn Kassel engagierter Richter bot ihm eine Referendarstation an, wenn er dort Tischtennis spielt. Mit dem Verein schaffte Gehb es bis in die Bundesliga – bis der Rücken nicht mehr mitspielte und der Richter, der er inzwischen geworden war, plötzlich ein bisschen viel Freizeit hatte. „Meine Frau sagte: Du tötest uns allen noch den letzten Nerv. Mach irgendwas!“ Also machte Gehb irgendwas, nämlich Politik, und da er das mit seiner üblichen Vehemenz betrieb, wurde er schnell Bürgermeister und dann Abgeordneter.

Manchmal schwere Brocken
Und nun also oberster Immobilienchef der Republik. Gibt´s da wirklich keine Probleme? „Doch, klar, wie überall. Nicht alles ist so ein Selbstläufer wie die frühere Hindenburg- und Wittichkaserne hier in Wilhelmshöhe, jetzt bekannt als Marbachshöhe. Alles, was sehr abgelegen ist, das sind Brocken, die uns manchmal schwer im Magen liegen. Das größte Kopfzerbrechen bereitet mir zurzeit das `Bombodrom´ in Brandenburg. Hier, im Herzen der Kyritz-Ruppiner Heide, befand sich schon zu DDR-Zeiten ein Truppenübungsplatz der Russen, den die Bundeswehr nun nicht mehr benötigt. Dort findet man im Boden so ziemlich alles, was das Waffenarsenal der Roten Armee im Kalten Krieg beinhaltete. Allein die Maßnahmen zur Beseitigung der allerschlimmsten Gefahren kosten uns rund achtzig Millionen. Wenn wir aber in die Tiefe gehen würden, müssten wir mindestens eine Milliarde ausgeben.“

Riesiges Liegenschaftsvermögen
Überhaupt musste sich der BImA-Sprecher an solche Größenordnungen erst gewöhnen. Immerhin ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben einer der größten Immobilienbesitzer Deutschlands und verfügt über ein Liegenschaftsvermögen im Wert von zirka 14 Milliarden Euro. Perspektive steigend!

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