Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Nutzen aus dem Wandel ziehen

18. September 2017 | Von | Kategorie: Region 

MoWiN.net-Geschäftsführerin Dr. Astrid Szogs über Digitalisierung und Logistik
Industrie 4.0 ist kein Thema der Industrie allein. Einst als Marketingbegriff durch die Bundesregierung kreiert, übt dessen Bedeutung auch auf andere Branchen Faszination und Handlungszwang aus. Ja, Handlungszwang. Denn es geht hier um nicht weniger als die Wettbewerbsfähigkeit. Unternehmen stehen vor anspruchsvollen Aufgaben, die für ihren Erfolg zunehmend elementar werden. Dem muss man sich stellen, auch und insbesondere in der Logistik, denn sie ist stark mit der Industrie verbunden. Was die Digitalisierung für die Branche bedeutet und welche Chancen es gibt, darüber sprachen wir mit der Geschäftsführerin des nordhessischen Mobilitätswirtschaftsnetzwerks MoWiN.net, Dr. Astrid Szogs.

MoWiN.net-Geschäftsführerin Dr. Astrid Szogs. Foto: Markus Frohme

MoWiN.net-Geschäftsführerin Dr. Astrid Szogs. Foto: Markus Frohme

Jérôme: Für Industrie 4.0 gibt es keine einheitliche Definition. Wie lautet Ihre?

Dr. Astrid Szogs: Der Begriff Industrie 4.0 steht für die vierte industrielle Revolution und bezeichnet eine neue Stufe der Organisation und Steuerung der gesamten Wertschöpfungskette über den Lebenszyklus von Produkten. Dabei wird von „intelligenten Wertschöpfungsketten“ gesprochen, da alle an der Wertschöpfung beteiligten Maschinen und Instanzen miteinander vernetzt sind und selbstständig untereinander kommunizieren können. Dies ermöglicht neben einem automatisierten Waren- und Bestellfluss und der Einbeziehung von Kunden und Geschäftspartnern in Geschäftsprozesse auch die „production on demand“, also die Herstellung maßgeschneiderter Produkte nach individuellen Kundenwünschen.

Jérôme: Welche Bedeutung haben die Veränderungen durch Industrie 4.0 für die Logistikbranche?

Dr. Szogs: Die Veränderungen in der Logistik werden grundlegend sein, denn Sensorik, Big Data, Elektrifizierung und durchgehende Vernetzung von Fahrzeugen und Waren betreffen hier sämtliche Bereiche. Beispielsweise werden die Lieferketten durch zunehmende Mengen an Daten gesteuert. Hersteller versuchen sie vollständig zu digitalisieren, um alle Vorgänge und Abläufe so detailliert wie möglich vorab planen zu können und gegen eventuell unvorhersehbare Störungen gut gerüstet zu sein. Je nach Branche werden sich die Veränderungen durch Industrie 4.0 also sowohl auf das Produkt als auch auf den Prozess auswirken. Alle Bereiche der Wertschöpfungskette sind eingebunden. Bei den Automobilherstellern gehören zum Beispiel In- und Outbound-Verkehre dazu, eine standortübergreifende Programmplanung, Produktion, Logistik und die Steuerung der Supply-Chain.

Jérôme: Wie sieht das konkret aus?

Dr. Szogs: Genauer darstellen lässt sich dies mit einem spannenden Projekt, das sich mit der Integration dieser Bereiche beschäftigt; das Projekt „Connected Supply Chain“ von BMW. Der Münchener Autobauer steht jeden Tag vor der Herausforderung, an 31 Produktionsstandorten 9.000 Neufahrzeuge zu produzieren. 30 Millionen Teile müssen dafür täglich minutengenau in die Montage gehen. Ziel von „Connected Supply Chain“ ist es, eine vollständige Datentransparenz entlang der kompletten Lieferkette zu erschaffen. Dadurch besteht die Möglichkeit, sofort auf alle Ereignisse angebracht reagieren zu können. Ähnlich ist das bei VW, dort soll über das Portal „Discovery“ Transparenz über alle Inbound-Logistk Transportprozesse geschaffen werden.

Jérôme: Welche Chancen birgt das für Logistiker und deren Kunden?

Dr. Szogs: Als illustratives Beispiel kann hier die zunehmende Digitalisierung des Transports genannt werden. Wir sind inzwischen schon so weit, dass Trailer alle Daten sammeln, die für einen Transport wichtig sind und diese mit Fahrzeug, Fahrer, Disponenten, Werkstatt, dem Versender und Empfänger aktiv austauscht. Das hat zur allgemeinen Prozessoptimierung für alle Beteiligten viele Vorteile. Der Trailer informiert in Echtzeit über den eigenen Zustand und den seines Fahrers und kann zudem auch über den Laderaum informieren. So wird beispielsweise die Temperatur von Kühltransporten überwacht. Man verfeinert das immer weiter, zukünftig misst der Trailer auf Millimeterniveau den Laderaum aus und zeigt weitere Zuladungsmöglichkeiten an. Das sind wiederum zentrale Informationen für das „Internet of Transport“ – hier organisiert die Ware ihren Transport selbst, indem Algorithmen die wirtschaftlichste Abwicklung der Ware von der Produktion bis zur Auslieferung beim Kunden errechnen.

Jérôme: Sie sensibilisieren Unternehmen in der Region für das Thema. Warum liegt Ihnen das am Herzen?

Dr. Szogs: Es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass das Thema des digitalen Wandels in Nordhessen angekommen ist. Eine Gruppe von Unternehmen zieht schon heute großen Nutzen aus der Digitalisierung, die sogenannten digitalen Innovatoren. Sie sind in allen Branchen, Größenklassen und Altersgruppen zu finden. Die meisten mittelständischen Unternehmen in Deutschland beobachten jedoch zunächst die digitalen Entwicklungen in der eigenen Branche. Sie reagieren gegebenenfalls ad hoc auf Kundenanforderungen und nehmen damit eine eher passive und abwartende Haltung ein.

Als Geschäftsführerin eines Branchennetzwerkes ist es mir wichtig, dass insbesondere unsere Mitglieder informiert sind über aktuelle Trends, bevorstehende Veränderungen und Potentiale, um wettbewerbsfähig und weiterhin von großer Bedeutung für die Region zu bleiben. Mit dem Thema Innovation beschäftige ich mich inzwischen seit 15 Jahren und finde es total spannend, die Dynamiken der digitalen Transformation zu beobachten.

Um den eigenen Wettbewerbsvorteil des Unternehmens und den Wettbewerbsvorteil der Region Nordhessen sowie Deutschland am internationalen Markt sicherzustellen, muss man sich nicht nur mit den Möglichkeiten der Industrie 4.0 auseinandersetzen, sondern in die konkrete Umsetzung gehen.

Jérôme: Gibt es dafür einen Königsweg?

Dr. Szogs: Die Unternehmenslandschaft ist zu vielfältig und die Prozesse sind zu individuell, um eine pauschale Anleitung für die Umsetzung von Industrie 4.0 zu geben. Es bleibt vielmehr Aufgabe jedes einzelnen Unternehmens, eigene Ideen und Ziele zu entwickeln und herauszufinden, wie Potenziale der Digitalisierung optimal genutzt werden können.

Jérôme: Welche Grundvoraussetzung sollten Entscheider in Unternehmen für ein Gelingen erfüllen?

Dr. Szogs: Meiner Meinung nach sollten sie offen für Veränderungen sein, offen für Neuerungen – dies ist eine Frage der Mentalität und Einstellung Innovationsprozessen gegenüber. „Wie haben wir das beim letzten Mal gemacht?“ funktioniert da nicht. Dies erfordert den Mut zu organisatorischem Wandel in der eigenen Organisation genauso wie zu digitaler Experimentierfreudigkeit. Dann ist eine Grundvoraussetzung geschaffen um Erfolg in den Märkten der Zukunft zu haben.

Jérôme: Wo finden Unternehmen Hilfe und Rat?

Dr. Astrid Szogs: Unterstützung für Unternehmen im Digitalisierungsprozess kann man an verschiedenen Stellen einholen. Auf unterschiedlichsten Plattformen kommen Unternehmen, Verbände, Wissenschaft und Politik zusammen um Informationen und Handlungsempfehlungen für alle Akteure auszuarbeiten. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) fördert eine Reihe von Industrie 4.0 Vorhaben durch mehrere Förderinitiativen (www.mittelstand-digital.de). Auf der Homepage findet man viele aktuelle Hinweise nicht nur zu Fördermöglichkeiten, sondern auch vielen Fachveranstaltungen und Veröffentlichungen zum Thema. Auch sehr interessant und hilfreich für Unternehmen ist der Industrial Data Space (IDS), eine Initiative des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik. Der IDS ermöglicht Erfahrungsaustausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft im Umgang mit der Nutzbarkeit von Daten, steht für Fragen bezüglich Sicherheitsbestimmungen und Zugriffsrechten bereit und vernetzt mit ähnlichen Initiativen und Kooperationen.
Startups gefragt

In Deutschland befasst sich jede zweite Start-up Gründung mit dem Thema Logistik (DVZ, 07.04.2017). Hier gibt es viele Vorhaben um beispielsweise Gütertransporte und Frachten komplett zu digitalisieren. MoWiN.net bietet Startups gute Möglichkeiten, mit etablierten Firmen in Kontakt zu treten. Infos unter: www.mowin.net

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