Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



„Dinge müssen immer gelöst werden“

6. Juni 2017 | Von | Kategorie: Sport 

MT-Manager Axel Geerken im Interview

Jérôme: Friesen gelten als Menschen mit Ecken und Kanten aber auch mit einer gewissen inneren Ruhe. Wie viel Friese steckt in Ihnen?

Axel Geerken: Generell sollte man erklären, dass ich eigentlich gar kein Friese bin. Dieser Spitzname hat sich gebildet, als ich 1993 das erste Mal nach Hessen kam. Als ganz junger Spieler zur HSG Dutenhofen/Münchholzhausen. In Hessen geht man davon aus, dass alles nördlich von Osnabrück Friesland ist. Das ist natürlich anders und ich lege schon Wert darauf, dass ich aus Niedersachsen komme. Dennoch ist es so, dass mich durchaus eine gewissere innere Ruhe umgibt und das wohl mit einer Eigenschaft der Friesen übereinstimmt.

Jérôme: Ihr Pressesprecher Bernd Kaiser beschrieb das als eine Ihrer prägendsten Eigenschaften: die Ruhe zu bewahren, wenn’s drauf ankommt.

Geerken: Mittlerweile ja, wahrscheinlich war das nicht immer so. Inzwischen verfüge ich über eine gewisse Erfahrung in dem, was ich tue, und durfte auch schon einige schwierige Situationen erleben. Das hilft mir, Negativem mit der nötigen Gelassenheit zu begegnen, um nach wie vor vernünftige Entscheidungen treffen zu können.

Jérôme: Welche schwierigen Situationen waren das?

Axel Geerken kennt seine Spieler und weiß aus eigener Erfahrung, was auf dem Platz abgeht. Entsprechend fiebert er mit. Foto: Alibek KäslerGeerken: Da gab es einige. Eine schöne Anekdote ist, als ich als Geschäftsführer bei einem Verein angefangen habe und als Begrüßung nicht viel mehr auf meinem Tisch lag als ein Pfändungs- und Überweisungsbeschluss des Finanzamtes in sechsstelliger Höhe. Das war das erste, mit dem ich mich dort auseinandersetzen konnte und in kurzer Zeit merkte ich, dass das nicht das einzige war. Handball ist bei vielen Vereinen nicht einfach, obwohl das langsam besser wird. Aber wenn man nur ein kleines administratives Team hat und dann noch finanzieller Druck dazu kommt, das wird’s schon extrem.

Jérôme: Sie haben Steuerfachgehilfe gelernt und sind Profi-Handballer geworden. Wie hat sich das ergeben?

Geerken: Es war eigentlich nicht mein Ziel, Profi zu werden. Als Handballer war ich eher ein Spätstarter. Ich habe das über viele Jahre einfach zum Spaß gemacht, bis zur A-Jugend hin, und habe nie daran gedacht, dass ich mal in der ersten Bundesliga spielen könnte. Irgendwann bin ich jemandem aufgefallen und wurde in eine Bezirksauswahl berufen. Das war mit 17 Jahren in meinem zweiten A-Jugend-Jahr. Und dann ging’s relativ schnell, auch mit dem Vereinswechsel. Zu dem Zeitpunkt war ich schon in der Ausbildung.

Jérôme: Wie haben Sie Sport und Ausbildung miteinander vereinbaren können?

Geerken: Im Nachhinein betrachtet war das eine enorme logistische Herausforderung. Ich wohnte 20 Kilometer von Oldenburg entfernt, in Oldenburg habe ich meine Ausbildung gemacht und noch mal 60 Kilometer weiter, in Nordenham, habe ich gespielt. Ich hatte noch kein Auto zu dem Zeitpunkt. Also bin ich morgens von zu Hause mit dem Bus losgefahren bis zum Hauptbahnhof, hatte dort ein Fahrrad deponiert und bin damit die drei oder vier Kilometer bis zur Ausbildungsstelle weitergefahren – bei Wind und Wetter. Nach der Arbeit fuhr ich dann wieder mit dem Fahrrad zum Bahnhof und mit dem Zug nach Nordenham zum Training. Von dort ging’s dann wieder mit Zug und Bus zurück und ich hatte Glück, dass mein Wohnort die letzte Station war, weil meine Mutter an die Scheibe klopfen konnte, um mich zu wecken.

Jérôme: Wie ging es mit Ihnen weiter?

Geerken: Ich habe das ein Jahr lang gemacht und bekam in dieser Zeit schon Kontakte zum damaligen Zweitligisten Varel/Altjührden. Von dort kam schließlich ein Angebot und ich habe mit 18 als dritter Torhüter angefangen. Ich habe mich ganz gut entwickelt und wurde zweiter Torhüter. Zwischenzeitlich war ich auch noch bei der Bundeswehr und habe an der Militärweltmeisterschaft teilgenommen. Und irgendwann hat sich einer der damals Verantwortlichen aus Dutenhofen, der in Esens ein Ferienhaus besaß, zufällig ein Spiel der SG Varel/Altjührden angeguckt und mich nach dem Spiel angesprochen. So kam der erste Wechsel zustande.

Jérôme: Und dann ging’s richtig los?

Geerken: Ja. Wir haben damals recht erfolgreich in der zweiten Liga gespielt und sind sogar mal ins Pokal-Final Four eingezogen. Am Ende wurde ich auch für die Nationalmannschaft nominiert. Nach vier Jahren kam der Wechsel nach Großwallstadt und nach einem weiteren Jahr ging es nach Kiel. Beides schon mit meiner späteren Frau, mit der ich nach drei Jahren in Kiel nach Wetzlar zurückkehrte. Da haben wir geheiratet, ein Haus gebaut und die Familie um zwei Kinder erweitert.

Jérôme: Als Sie beim THW Kiel waren, stand in Ihrem Kurzsteckbrief als Berufswunsch Steuerberater. Daraus ist ja nicht wirklich was geworden. Wie ergab sich Ihr Schritt ins Sportmanagement?

Geerken: Zumindest bis zum Wechsel zum THW Kiel habe ich in verschiedenen Steuerbüros immer in Vollzeit gearbeitet. Beim THW wurde es dann langsam schwierig und ich habe ein Gewerbe angemeldet und mich auf Buchhaltung und Lohnabrechnung spezialisiert. Die Firma gibt’s auch heute noch.

Jérôme: Dann war der Schritt nicht ganz falsch.

Geerken: Nein, war nicht ganz falsch. Aber es kam dann doch anders als gedacht. Unser damaliger Manager bei der HSG Wetzlar, Rainer Dotzauer, ist selber Steuerberater, beziehungsweise war zu diesem Zeitpunkt Leiter der Betriebsprüfung beim Finanzamt Wetzlar. Wir hatten von daher schon eine Verbindung aufgrund unserer beruflichen Geschichten. Und er hat mich nach und nach mit der einen oder anderen administrativen Aufgabe im Club betraut. Das hat sich immer weiter verstärkt und gegen Ende meiner aktiven Karriere bin ich dann Geschäftsführer der HSG geworden.

Jérôme: Wie sehr hat das Ihren Blick auf die Dinge verändert?

Geerken: Als Spieler glaubt man immer, alles zu wissen. Aber im Managementbereich muss man doch noch sehr viel lernen. In der Rückschau kann ich sagen, war das eine sehr gute Ausbildung, die ich da genießen durfte. Ich konnte viel Erfahrung sammeln, auch beim VfL Gummersbach, die mir jetzt enorm hilft. Ich bin sehr froh, dass ich das machen darf und vor allem bei der MT. Das sehe ich schon als großes Privileg an, hier gestalten zu dürfen.

Jérôme: Als Sie 2012 nach Nordhessen kamen, sagten Sie, es gebe bei der MT noch viel ungenutztes Potenzial. Was hat sich in den fünf Jahren verändert?

Geerken: Sehr viel. Auch beim sportlichen Ergebnis. Das ist natürlich immer eine Frage der Zielsetzung, aber ich fand, dass damals zu wenig rauskam. Wir haben versucht, die Gründe dafür zu identifizieren und relativ schnell den Kader umstrukturiert. Wir wollten den Fans auch bessere Möglichkeiten der Identifikation geben und waren und sind der Meinung, dass es gut ist, wenn wir eine hohe Kontinuität im Bereich der verantwortlichen Positionen haben. Das haben wir geschafft. Und wir wurden auch sportlich erfolgreich. Darüber hinaus haben wir ganz viele Dinge in der Administration umgestellt und Prozesse optimiert. Vieles, das nach außen vielleicht gar nicht sichtbar war, das wir jetzt aber vielfach im Positiven widergespiegelt bekommen. Wir erhalten häufig die Rückmeldung, dass wir sehr professionell, sehr freundlich und sehr kundenorientiert sind. Das ist eigentlich das größte Lob.

Jérôme: Sie sind zweimal aus dem Managementbereich ins Tor zurückgekehrt, um dort für ausgefallene Kollegen einzuspringen. Als geschäftsführender Torwart wurden Sie dafür gefeiert. Sind Sie jemand, der gerne mit anpackt?

Geerken: Manchmal entstehen Situationen, wo es für mich selbstverständlich ist zu helfen, wenn ich die Möglichkeit habe. Dinge müssen immer gelöst werden. Das liegt mir am Herzen. Und da braucht man dann auch nicht lange überlegen. Machen ist besser als nicht machen.

Jérôme: Ich glaube, in Ihrer Vita einen gewissen Ehrgeiz zu erkennen. Zum Beispiel, als Sie das Zertifikatsstudium zum European Handball Manager als Jahrgangsbester abgeschlossen haben.

Geerken: Letztes Jahr im Juni war die Prüfung dazu. Und davor eben ein Jahr im Selbststudium und mit Präsenzphasen an der Sporthochschule Köln. Unsere Dozenten waren nach der Prüfung der Meinung, dass ich der Jahrgangsbeste sein sollte. Also war das sicher erfolgreich, ja.

Jérôme: Wie kriegt man das alles unter einen Hut? Ein zeitintensiver Job, eine Familie, die im entfernten Wetzlar wohnt, nebenbei noch studieren …

Geerken: Indem man die Ruhe bewahrt und auch ein vernünftiges Zeitmanagement hat. Sicher gehört auch dazu, nicht mehr alles machen zu müssen, was möglich wäre. Es ist schon so, dass ich durchaus priorisiere, wann und wo ich hingehe. Ich vertraue aber auch unsern tollen Mitarbeitern und übertrage ihnen Verantwortung. Das sind ganz wichtige Punkte, um viele Dinge bewältigen zu können.

Jérôme: Wo sehen Sie weiteres Ausbaupotenzial für die MT und was sind Ihre Wünsche für die Zukunft?

Geerken: Da gibt es viele Wünsche. Was die MT speziell betrifft haben wir einen Masterplan entwickelt, den wir verfolgen. Dass wir weiterhin sportlich erfolgreich bleiben wollen, ist sicherlich kein Geheimnis. Aber ich glaube, dass wir auch strukturell noch viel Verbesserungspotenzial haben. Und was uns darüber hinaus ein Anliegen ist, ist auch weiterhin auf die Jugend zu bauen. Wir wollen als MT in der Region verwurzelt sein und in das Bewusstsein und Unterbewusstsein der Leute kommen. Die MT soll Bestandteil des täglichen Lebens möglichst vieler Nordhessen werden.

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