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Kassel und Kurhessen königlich erleben



Trendsport Klettern – „Als ich anfing, hatte ich wahnsinnige Höhenangst“

5. August 2011 | Von | Kategorie: Sport 
Foto: Mario Zgoll

Foto: Mario Zgoll

Kletterwände finden sich heutzutage auf Spielplätzen, auf Schulhöfen und in Turnhallen. Auch die Anzahl von Kletterzentren steigt. Klettern als Sportart wird immer beliebter. Allein der Deutsche Alpenverein (DAV), dem bundesweit rund 893.000 Mitglieder angehören, unterhält in Deutschland mehr als 200 Kletteranlagen. Eine davon ist das Kletterzentrum Nordhessen, das der Deutsche Alpenverein Sektion Kassel e.V. betreibt. Seit der Eröffnung der Anlage vor eineinhalb Jahren verzeichnet die Kasseler DAV-Sektion etwa 1.000 neue Mitglieder. Der größte Kasseler Sportverein hat derzeit mehr als 4.000 Mitglieder. „80 Prozent der Neumitglieder kommen über die Kletterhalle zum Verein“, sagt Christina Leitschuh, Pressesprecherin der DAV-Sektion Kassel.

So auch Alexander Würtz. Der 36-jährige Contoller aus Kassel klettert seit eineinhalb Jahren. Ein Freund hatte ihn damals zu einem Probekurs mitgenommen. Seit dem hat er das Kursangebot ausgeschöpft. Dazu gehören etwa ein Einstiegs-, ein Vorstiegs- und ein Technikkurs. Zwei- bis dreimal in der Woche klettert der Mountain-Biker und Rennrad-Fahrer in der Halle. „Man wird sehr vielseitig gefordert, muss sowohl körperlich als auch geistig fit sein“ – so beschreibt er den Reiz der Sportart. Das Risiko und die Gefahr seien zudem nochmal ein besonderer Kick. Aber das ist eine reine „Kopfsache“. Denn jeder Kletterer wird stets durch einen Partner am Boden gesichert.

Schritt für Schritt die Grenzen verschieben
Christina Leitschuh klettert seit acht Jahren. „Als ich anfing, hatte ich wahnsinnige Höhenangst“, gesteht sie. Auf eine Leiter zu steigen, war schon ein Problem für sie. Durch das Klettern hat sie diese Angst besiegt. Schritt für Schritt hat sie ihre Grenzen weiter nach oben verschoben. „Irgendwann kapiert man, dass einem nichts passieren kann, weil man ja gesichert wird“, sagt sie. Zur Überwindung ihrer Höhenangst sei das Klettern eine gute Therapie gewesen.

Für Alexander Würtz stand von Anfang an der sportliche Reiz im Vordergrund, sei es beim Klettern oder beim Bouldern. Während man beim Klettern stets durch einen Partner und mit Sicherungsgurt und -gerät gesichert ist, ist beim Bouldern keine Sicherung notwendig. Man klettert ausschließlich in Absprunghöhe, der Boden ist mit weichen Matten ausgelegt. Bouldern ist eine eigene Sportart innerhalb des Klettersports und laut Leitschuh bei den Kletterern ebenso beliebt wie die 14 Meter hohen Kletterwände mit Seilsicherung. „Bouldern ist kraftaufwändiger, beim Klettern kommt es eher auf die Ausdauer an“, erklärt Alexander Würtz.

Die zunehmende Beliebtheit des Sports erklärt sich Leitschuh dadurch, dass es eine Sportart für Jedermann ist, für die keine besonderen Vorkenntnisse nötig sind. „Man braucht im Grunde nur ein paar Kletterschuhe und kann loslegen“; sagt sie. Schuhe, Sicherungsgurt und -gerät kann man zudem ausleihen. Bei den sogenannten „offenen Klettertreffs“ von 17 bis 23 Uhr steht zudem in jedem Fall ein zweiter Partner zum Sichern zur Verfügung. In der Regel muss man sich den selbst organisieren. Abgesehen vom sportlichen Reiz hat das Hallen-Klettern für Alexander Würtz auch den Vorteil, dass man die Sportart unabhängig von Wetter und Tageszeit betreiben kann. „Und es ist ein sehr kommunikativer Sport, man trifft einfach viele Menschen“, ergänzt Leitschuh.

Das größte Interesse an dem Sport sieht die DAV-Sprecherin bei Menschen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren und bei Familien. Aber im Grunde ziehe sich das Interesse am Klettern quer durch alle Altersschichten. Das bestätigt auch Götz Wiechmann. Seit zwölf Jahren ist er Inhaber des Kletterzentrums Kassel Vertical World GmbH in der Lilienthalstraße. „Die Altersspanne reicht vom Dreijährigen bis zum 80-Jährigen quer durch alle gesellschaftlichen Schichten“, sagt er. Die Nordhessen seien in Bezug auf neue Entwicklungen allerdings etwas zurückhaltend. „In anderen Städten, vor allem in den Ballungsgebieten, boomt der Sport mehr“, sagt Wiechmann. Er hat viele Stammkunden, unter anderem vom Alpin Club Kassel, ebenfalls eine Sektion des Deutschen Alpenvereins, die knapp 300 Mitglieder zählt.

Auch in den Schulsport und in die Physiotherapie hat das Klettern mittlerweile Einzug gehalten. Das DAV Kletterzentrum Nordhessen beispielsweise kooperiert mit zwei Kasseler Schulen, an denen das Klettern in den Sportunterricht eingebunden ist. Laut Leitschuh wird die Sportart auch in die Therapie von Schlaganfallpatienten eingebunden, um das Körpergefühl und den Gleichgewichtssinn zu schulen.

Weitere Informationen
www.kletterzentrum-nordhessen.de, www.verticalworld.de

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