Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben


„Der Whisky war wirklich gut“

19. Juni 2012 | Von | Kategorie: Stadt 

Vor 30 Jahren ließ Joseph Beuys die Stadt „verwalden“

Beuys-Eichen in der Mitte der Ludwig-Mond-Straße. Foto: Mario Zgoll

Beuys-Eichen in der Mitte der Ludwig-Mond-Straße. Foto: Mario Zgoll

Ja, dieser Beuys. Der mit dem Hut. Filz und Fett. Offenbar ein Mensch mit Bedeutung, denn seit kurzem heißt eine Straße nach ihm, die zwischen der Nordseite des Hauptbahnhofs und dem Polizeipräsidium, das hätte ihm vielleicht gefallen, sie ist ein bisschen schmuddelig, aber (Geheimtipp:) man kriegt dort immer einen Parkplatz und muss nichts dafür bezahlen, denn da wird nie kontrolliert. Bei vielen Kunstexperten gilt der „Professor aus Düsseldorf“ als einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, und was er hier vor dreißig Jahren begann, das Projekt „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“, bei dem siebentausend Bäume in der Stadt gepflanzt wurden, jeder mit einer Basaltstele neben sich, halten Volker Stockmeyer und Hans-Ulrich Plaßmann vom Vorstand der Stiftung 7000 Eichen in Kassel für das „bedeutendste Außenkunstwerk des 20. Jahrhunderts weltweit“.

Bei den meisten von uns Laien dürfte so manche Beuys´sche Aktion zumindest ein Kopfschütteln ausgelöst haben, vielleicht Belustigung, mitunter auch Empörung. Bei der ersten Geschichte, die mir über ihn zu Ohren kam, stellte er irgendwas aus Filz und Fett in der Neuen Galerie aus, und als abends die Putzfrau kam, hielt sie das für Müll, warf es in denselben und wischte auf. Keine Ahnung, ob das überhaupt stimmt, aber es passt. Als Typ wahrgenommen habe ich Beuys zum ersten Mal pünktlich zur documenta 7 vor 30 Jahren, als alle sich über einen riesigen Haufen aus lauter Geröll aufregten, die Beuys auf den Friedrichsplatz hatte kippen lassen (genau im Blickfeld des namensgebenden Landgrafen, dessen weißes Marmorgesicht auch missbilligend zu gucken schien, aber der soll mal nicht meckern, der hat schlimmeren Dreck am Stecken). Bei dem Geröll handelte es sich in Wahrheit um siebentausend Basaltstelen verschiedener Form und Größe, die neben den zu pflanzenden Bäumen aufgestellt werden sollten. Im selben Jahr hopste der Künstler, ein ulkiger älterer Herr in Hut und Mantel, ungelenk auf einem Video herum und keuchte melodiefrei „Sonne statt Reagan“, seine Idee von einem Protestsong. Selbst Wolfgang Niedecken, sonst den Schrillheiten anderer Rheinländer eher wohlgesinnt, meinte kopfschüttelnd: „Das war so schlecht, dass es fast schon wieder gut war.“

7000 war einfach naheligend, gerade noch machbar
Singen konnte er also nicht, doch als nach fünf Jahren, pünktlich zum Beginn der nächsten documenta am 12. Juni 1987 der Haufen aus siebentausend Basaltstelen abgetragen war und Sohn Wenzel Beuys den letzten Baum pflanzte, hatte der im Jahr zuvor verstorbene Joseph Beuys der Stadt ein grandioses Geschenk hinterlassen. Da wird es langsam Zeit, mal ein paar Legenden abzuräumen. Zunächst mal, wieso 7000 Eichen, hat das irgendwas Magisches, gar Heidnisches? Überhaupt nicht, es war eben d7, siebzig wäre lächerlich gewesen, auch siebenhundert noch ein bisschen popelig, und siebzigtausend hätte den bisherigen Baumbestand im Stadtgebiet von etwa sechzigtausend mehr als verdoppelt, das ging also nicht. Siebentausend, das war einfach das Naheliegende, gerade noch Machbare.

Eigentlich sind es nur zur Hälfte Eichen
Dann die Sache mit dem Geld. „Noch heute“, erzählt Volker Stockmeyer, „sagen mir manche Leute, mit dem Geld hätte die Stadt doch was Sinnvolleres anfangen können. Dabei hat Beuys alles selbst finanziert oder Sponsoren besorgt, und das hat ihn fast in die Pleite getrieben. Die Stadt hat ihn natürlich bei der Planung unterstützt und kümmert sich heute um die Baumpflege, aber sonst hat sie nichts bezahlt.“ Stockmeyer weiß, wovon er redet, er ist Jurist und hat früher das Finanzamt geleitet. „Dafür sind aus früher baumlosen Straßen wunderschöne Alleen geworden.“ Davon kann an sich etwa in der Bodelschwinghstraße selbst ein Bild machen. Doch mit dem Geld haperte es lange Zeit, und Beuys tat alles, um welches aufzutreiben. Noch zur d7 etwa verflüssigte Beuys hoch auf seinem Geröllhaufen eine gestiftete Kopie der goldenen Zarenkrone Iwans des Schrecklichen und goss das flüssige Gold in die Form eines Schokoosterhasen; der goldene „Friedenshase“ war einem Sammler die passende Summe von 777.000 alten DM wert. In Japan trat er in einem Werbespot für japanischen Whisky auf, was eine weitere knappe halbe Million in die Kasse brachte; natürlich hatte er sich vorher höchstselbst überzeugt, dass japanischer Whisky nicht nur trinkbar, sondern „wirklich gut“ sei.

Eine andere Legende liegt im Titel. Die 7000 Eichen sind nicht alle Eichen, sondern nur etwa zur Hälfte, die andere Hälfte sind Platanen, Linden und anderes, die Bäume in der erwähnten Bodelschwinghstraße heißen Robinien. „Das Problem“, sagt Hans-Ulrich Plaßmann vom Vorstand der Stiftung, „lag darin, dass sich so viele Setzlinge nur von Eichen gar nicht so schnell auftreiben ließen“.

Es hätte, fährt Plaßmann fort, etwa „bis zur Jahrtausendwende gedauert“, bis die Kasseler Bürger Beuys’ Geschenk wirklich ins Herz geschlossen hätten. „Heute ketten sich manchmal Leute an die Bäume, wenn welche gefällt werden müssen.“ Dann wird selbstverständlich für Ersatz gesorgt. Und die Idee der „sozialen Skulptur“ als Baumpflanzungen in Stadtzentren wurde weltweit aufgegriffen. Irgendwann wohnte ich mal für zwei Wochen im Chelsea Hotel in New York, West 23rd Street, marschierte eines Tages die West 22nd Street entlang, und worüber stolperte ich da? Genau: Frisch gepflanzte Bäume, mit Basaltstelen daneben, Beuys zu Ehren.

Termin:
Fotoausstellung: 7000 Eichen im Vorderen Westen
Eröffnung 12. Juni, 18 Uhr, bis 14. Juli
gestochen scharf, Dörnbergstr. 12, Kassel

„30 Jahre Joseph Beuys – 7000 Eichen“
160 Seiten, 18 Euro, plate & plate GmbH

www.7000eichen.de


Tags: , , , , , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar