Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



60 Jahre documenta

5. März 2015 | Von | Kategorie: Stadt 

Das internationale Aushängeschild von Kassel feiert Geburtstag
Im Juli 2015 feiert die documenta ihr 60-jähriges Jubiläum. Die alle fünf Jahre stattfindende documenta gilt heute als weltweit wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Anlass für einen kurzen Rückblick: Ihre Existenz verdankt die documenta der kühnen Initiative des Kasseler Künstlers und Professors Arnold Bode. Am 15. Juli 1955 eröffnete er die documenta zum ersten Mal. Geplant war sie als einmalige Veranstaltung – parallel zur Bundesgartenschau. Welche Tragweite die mit der Wortschöpfung „documenta“ verbundenen Ausstellungen haben würden, konnte Bode kaum erahnen – weder hinsichtlich der Kontinuität noch der Bedeutung. Dass Dank der documenta herausragende Kunstwerke des 20. Jahrhunderts, wie etwa Joseph Beuys’ „7.000 Eichen“ einmal den Kasseler Stadtraum prägen oder Kassel als documenta Stadt international ein Begriff sein würde, hätte er 1955 wohl kaum geglaubt.

Internationales Symposium: Unter dem Motto documenta 1997–2017 kommen die künstlerischen Leiter der letzten vier documenta-Ausstellungen, der künstlerische Leiter der kommenden documenta 14 und internationale Theoretiker und Künstler zusammen, um zentrale Fragen zu heutigen Großausstellungen zu diskutieren – so auch Carolyn Christov-Bakargiev (Künstlerische Leiterin der documenta 13) und Adam Szymczyk (Künstlerischer Leiter der documenta 14). Foto: Nils Klinger

Internationales Symposium: Unter dem Motto documenta 1997–2017 kommen die künstlerischen Leiter der letzten vier documenta-Ausstellungen, der künstlerische Leiter der kommenden documenta 14 und internationale Theoretiker und Künstler zusammen, um zentrale Fragen zu heutigen Großausstellungen zu diskutieren – so auch Carolyn Christov-Bakargiev (Künstlerische Leiterin der documenta 13) und Adam Szymczyk (Künstlerischer Leiter der documenta 14). Foto: Nils Klinger

Ein Beginn in schwierigsten Zeiten
Umgekehrt lässt sich aus heutiger Sicht schwer begreifen, wie wagemutig Bodes Idee aus damaliger Sicht war: Bode konzipierte inmitten der vom Krieg zerstörten Stadt Kassel eine Überblicksaus-stellung Moderner Kunst. Es ging darum, jene Kunst zu zeigen und zu rehabilitieren, die während der nationalsozialistischen Diktatur als „entartet“ verfolgt worden war. Bode selbst litt in dieser Zeit unter einem Malverbot und der Entlassung aus dem Werklehrerseminar in Berlin. Ort der Ausstellung war das ebenfalls stark vom Krieg gezeichnete und nur provisorisch wiederhergestellte Museum Fridericianum. Die Reaktionen sowohl der Besucher als auch der Presse waren überwältigend. In nur 100 Tagen besuchten mehr als 130.000 Menschen die Ausstellung in Kassel. Der immense Erfolg ebnete den Weg für die Fortsetzung der documenta.

Die kontinuierliche Neuerfindung prägt die Geschichte von 60 Jahren documenta
Was die documenta darüber hinaus aber in den 60 Jahren ihres Bestehens kennzeichnet, ist vor allem eines: Ihre kontinuierliche Neuerfindung, ermöglicht durch die uneingeschränkte Freiheit, die jeder künstlerische Leiter bei der Konzeption der Ausstellung hat. Immer wieder hat die documenta das Verständnis von Kunst und Ausstellungen entscheidend weiter entwickelt und geprägt. Jede Ausgabe der documenta gibt einen Überblick über die aktuelle Kunst und ist zugleich eine kritische Befragung der Gegenwart. Während sich der Fokus anfangs noch auf Europa und Nordamerika richtete, waren mittlerweile Künstler, Philosophen, Wissenschaftler, Schriftsteller oder Filmemacher aus allen Kontinenten in Kassel vertreten. Mit jeder neuen Ausstellung zog die documenta mehr Besucher an. Knapp eine Million Menschen sahen die documenta 13 (2012). Die documenta 14 findet 2017 unter der Leitung von Adam Szymczyk statt.

Die Zukunft der documenta in Kassel
Natürlich ist die fünfjährig stattfindende Ausstellung die tragende Säule der Zukunft. Aber zwei weitere Leitthemen beschäftigen die Macher rund um die documenta und stehen ganz weit oben auf der Zukunftsagenda: Bereits 1961 hat die Stadt Kassel auf Initiative Arnold Bodes das documenta Archiv gegründet. Heute ist es eine der bedeutendsten Spezialbibliotheken zur Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts und beherbergt darüber hinaus wertvolle Materialen, Fotos und Korrespondenzen aller bisherigen documenta-Ausstellungen. In einem symbolischen Akt erfolgt am 15. Juli 2015 die Übergabe des documenta Archivs unter das Dach der documenta und Museum Fridericianum Veranstaltungs-GmbH. Ziel der damit einhergehenden besseren finanziellen Ausstattung des Archivs ist es, einen größeren Handlungsspielraum zu ermöglichen und die internationale Bedeutung des Archivs zum Tragen kommen zu lassen. Der Wunsch, die documenta-Gastprofessur an der Kunsthochschule in eine ordentliche Professur zu wandeln, soll die weitere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem documenta-Archiv festigen. Neben den Ausstellungen und dem Archiv wird an einem visionären Konzept gearbeitet: Die im Laufe der Zeit angekauften Kunstwerke der vergangenen Ausstellungen sollen eine stärkere Verwurzelung in der Stadt erfahren und in einem eigenen Ausstellungskonzept mehr an Raum und Bedeutung gewinnen – finanzielle Herausforderungen, die sich auf eine konzentrierte Positionierung der documenta auszahlen werden.

Die Ausstellung im neuen Turm des Stadtmuseums Kassel zeigt Projekte, die aus technischen, finanziellen oder organisatorischen Gründen nicht verwirklicht werden konnten. Foto: KBMK

Die Ausstellung im neuen Turm des Stadtmuseums Kassel zeigt Projekte, die aus technischen, finanziellen oder organisatorischen Gründen nicht verwirklicht werden konnten. Foto: KBMK

Ein Bürgerfest für alle
60 Jahre documenta sind ein Grund zu feiern: Aus Anlass des Jubiläums werden das Fridericianum, die Kunsthochschule Kassel, das documenta Archiv und das Kulturamt der Stadt Kassel unter dem Dach der documenta und Museum Fridericianum Veranstaltungs-GmbH erstmals ein gemeinsames Rahmenprogramm präsentieren: Beginnend mit einer hochkarätigen Einzelausstellung von Marcel Broodthaers und einem internationalen Symposium mit den künstlerischen Leitern der letzten vier documenta-Ausstellungen wird am 19. Juli 2015 ein großes documenta-Fest unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Bertram Hilgen für alle Bürgerinnen und Bürgern aus Kassel und der Region gefeiert. Zahlreiche Kunst- und Kulturinstitutionen der Stadt beteiligen sich an einem vielfältigen Festprogramm. In Rundgängen, Stadtführungen, Ausstellungen, Filmvorführungen, Lesungen und Konzerten werden einzelne Aspekte der 60-jährigen documenta-Geschichte aufgegriffen und zugänglich gemacht. Das Jubiläumsjahr wird mit einer Ausstellung im Stadtmuseum Kassel schließen: UTOPIE documenta – Unverwirklichte Projekte aus der Geschichte der Weltkunstausstellung. Die documenta ist insbesondere auch durch ihre eigens für die documenta-Stadt Kassel entwickelten Kunstwerke international bekannt geworden. Einige Projekte konnten aus technischen, finanziellen oder organisatorischen Gründen nicht oder nur rudimentär verwirklicht werden.

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