Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Die Grimms waren große Verzettler

27. August 2015 | Von | Kategorie: Stadt 

Susanne Völker und der gelungene Balanceakt der GRIMMWELT
Der imposante Bau der GRIMMWELT thront wie eine moderne Burg auf dem Weinberg. Auch der Ausblick auf die Kasseler Südstadt und darüber hinaus in das Kasseler Umland ist königlich. Ein angemessenes Ambiente also um das vielfältige Werk der Brüder Grimm zu präsentieren.

Froteufel und Dornenhecke
Im Inneren weisen Begriffe aus dem Grimm’schen Wörterbuch den Weg. Alle 26 Buchstaben sind vertreten, wenngleich nicht alphabetisch geordnet. Es gehe darum, das komplexe und vielschichtige Werk der Grimms systematisch aufzuarbeiten, betont GRIMMWELT-Geschäftsführerin Susanne Völker. Die einzelnen Themenbereiche stellen die Grimms in all ihren Facetten dar – nicht nur als Märchensammler, sondern auch als Kulturwissenschaftler, Sprachforscher, Juristen und Politiker. Dies geschieht zugleich spielerisch. Die Bereiche tragen Titel wie „Froteufel“, „Holzwurzel“ oder „Dornenhecke“.

Foto: Mario Zgoll

Foto: Mario Zgoll

Geheimnisse im Hexenhaus
Die Präsentation beginnt im Untergeschoss mit Z wie „Zettel“. „Die Grimms waren große Verzettler“, erklärt Völker. Alles wurde zuerst auf Zetteln notiert und später sortiert. Von hier aus erschließt sich dem Besucher wahrlich eine eigene Welt. Und es zeigt sich, dass die Ausstellung an sich schon ein Gesamtkunstwerk ist. Inhalte werden hier nicht einfach präsentiert, sondern erlebbar gemacht. Ein Zauberwald lädt etwa zum Durchstreifen ein, ein Hexenhaus birgt Geheimnisse, die es zu erkunden gilt.

Metaebenen
Es solle eben nicht nur das Offensichtliche gezeigt werden, betont Völker, denn darauf kämen die Menschen üblicherweise von selbst. So umfasst das Gesamtkonzept auch Metaebenen, die sich auf raffinierte Weise in das Bewusstsein des Besuchers einschleichen. Auf den Treppenstufen zwischen den Geschossen findet sich etwa eine Etymologie des Wortes „Treppe“. Die Architektur der Präsentation selbst erinnert an Bücher, zwischen deren Deckeln sich die verschiedenen Themenbereiche verbergen.

Unterschiedliche Denkrichtungen
Sie selbst habe schon immer eine Affinität zu Zwischenbereichen gehabt, sagt Völker. Die gebürtige Dresdnerin studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Jura in Hamburg und Wien – kombinierte also bereits im Studium unterschiedliche Denkrichtungen. Bevor sie nach Kassel kam, leitete sie die Städtischen Museen im baden-württembergischen Calw, darunter an zentraler Stelle das Hermann-Hesse-Museum in der Geburtsstadt des Literaturnobelpreisträgers.

Aktive Auseinandersetzung
Bereits dort lag Völkers Schwerpunkt auf Literaturvermittlung. Sie finde es spannend, Lösungen zu entwickeln, um komplexe Sachverhalte, die auf den ersten Blick nicht zum Illustrativen einladen, anschaulich zu machen, so die 36-Jährige. Literatur auszustellen sei durchaus nicht ganz einfach. „Ein Buch ist nicht unbedingt inhaltlich selbsterklärend. Man hat erst einmal ein Objekt – und wenn es einfach in der Vitrine liegt, ist der Inhalt schon ganz schön weit weg“, so Völker. Ihr sei daran gelegen Inhalte so zu vermitteln, dass man sich aktiv mit ihnen auseinandersetzen kann.

Bezug der Jetztzeit
Eine solche aktive Auseinandersetzung findet sich in der GRIMMWELT zum Beispiel unter dem Buchstaben R wie „Rotkappe“. Vorgestellt wird hier ein Projekt mit Schulklassen, in dem sich Schüler mit ebenjenem Märchen auseinandergesetzt haben. Genau gesagt mit der Frage, ob sie selbst schon einmal – ähnlich dem Rotkäppchen – vom Weg abgekommen sind und wenn ja, mit welchen Konsequenzen. In dem Projekt gehe es darum, einen Bezug zur Jetztzeit herzustellen, sagt Völker. Denn das Thema sei natürlich noch immer aktuell.

Netzwerk
Dieses Projekt steht exemplarisch für eine der größten Leistungen der GRIMMWELT: Sie schafft den Balanceakt zwischen Tradition und Moderne, zwischen historischen Inhalten und zeitgemäßer Vermittlung. Sie erreicht alle Generationen in gleichem Maße. Dass dies gelingt liegt laut Völker an einem gutfunktionierenden Netzwerk von Projektbeteiligten und Unterstützern. „Wir haben hier ja vor zwei Jahren noch auf der grünen Wiese gestanden“, sagt Völker. Seitdem haben Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen ganze Arbeit geleistet und einen weiteren international bedeutsamen Anziehungspunkt in Kassel geschaffen.

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