Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Effizienz-Papst trifft Bundespräsidenten

25. Dezember 2014 | Von | Kategorie: Stadt 

Sie werden mit einem schlechten Gewissen nach Hause gehen!“ Der Satz von Moderatorin Katrin Bauerfeind hatte bei einer ehrwürdigen Veranstaltung wie der Verleihung des Deutschen Umweltpreises gesessen – und sie legte noch einmal nach: „Sie werden denken, dass Sie immer noch nicht viel für die Umwelt tun.“

Die Gäste in der voll besetzten Kasseler Stadthalle – unter ihnen das deutsche Staatsoberhaupt, Bundespräsident Joachim Gauck – bekamen dann mit Hubert Weinzierl den „Grandseigneur“ der deutschen Umwelt- und Naturschutzszene zu sehen, wie ihn Dr. Heinrich Bottermann, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), nannte. Der 78-jährige Weinzierl erhielt den bisher nur dreimal vergebenen DBU-Ehrenpreis für sein lebenslanges Engagement. Bottermann lobte den Preisträger als einen „Vordenker und Visionär“ sowie als „einen der profiliertesten Naturschützer Deutschlands“.In ihrer Laudatio ging Rednerin Christina Gräfe noch weiter: „Er hat die Natur nicht nur geliebt, sondern geschützt, indem er sich zwischen Hühnerstall und Plenarsaal bewegt hat und das Thema in die Politik trug“, so Gräfe. Mit Blick auf seine 60 Jahre währenden Tätigkeiten – darunter 33 Jahre als Vorsitzender des Bayrischen Naturschutzbundes, zehn Jahre als Präsident des Deutschen Naturschutzringes und Teilnehmer zahlreicher internationaler, politischer Konferenzen – ergänzte die Laudatorin: „Seine Arbeit ist so eindrucksvoll, dass man eher fragen müsste, warum er den Preis bisher noch nicht bekommen hat.“

Ehrenvolle Runde: Bundespräsident Joachim Gauck mit den Preisträgern Prof. Peter Hennicke, Prof. Gunther Krieg sowie Hubert Weinzierl und seiner Frau Beate Seitz-Weinzierl (v.l.). Foto: Markus Frohme

Ehrenvolle Runde: Bundespräsident Joachim Gauck mit den Preisträgern Prof. Peter Hennicke, Prof. Gunther Krieg sowie Hubert Weinzierl und seiner Frau Beate Seitz-Weinzierl (v.l.). Foto: Markus Frohme

Preisträger zeigen sich entschlossen wie eh und je
Hubert Weinzierl selbst wirkte gerührt von den vielen lobenden Worten, zeigte sich zugleich aber entschlossen wie eh und je, nannte den Umgang mit der Natur einen „finsteren Krieg“. Er schloss seine Dankesrede mit seinem Wunsch von einer Gesellschaft, „die zu einer anderen Philosophie als die des Wachstums kommt, eine Kultur der Nachhaltigkeit und der des Schutzes unserer Umwelt“.

Neben dem Visionär und Vordenker Weinzierl standen in der Kasseler Stadthalle auch die Verleihungen der jeweils mit 250.000 Euro höchstdotierten Umweltpreise Europas auf der Tagesordnung. Eine Ehrung ging an Professor Peter Hennicke. In der Laudatio auf den 72-Jährigen lobte Professor Rainer Grießhammer, DBU-Preisträger von 2010, Hennicke als „Effizienz-Papst der Energiewende“, der es auf den Punkt gebracht habe: „Es ist billiger, einfacher und schneller, eine Kilowattstunde einzusparen statt neu zu produzieren.“ Mit dem Buch „Energiewende ist möglich“ vertrat der Wissenschaftler Hennicke bereits 1985 eine revolutionäre These – und das ein Jahr vor dem Atomreaktor-Unglück von Tschernobyl.

Prof. Peter Hennicke gab sich bescheiden und betonte, dass es ein toller Moment sei. „Nicht nur für mich, sondern ich sehe es als Auszeichnung für die Energiewende.“ Schließlich sei er nicht der Papst, es gäbe viele Päpste. Auch diese könnten die Aussage weitertragen, dass es eine „groteske Fehleinschätzung ist, zu sagen, die Energiewende sei zu teuer“.

Moderatorin Katrin Bauerfeind führte erfrischend und amüsant durch den Abend. Foto: Markus Frohme

Moderatorin Katrin Bauerfeind führte erfrischend und amüsant durch den Abend. Foto: Markus Frohme

Zwischen Doppeldeutigkeit und Hoffnung
Moderatorin Katrin Bauerfeind, die mit lockeren Zweideutigkeiten und einer erfrischend unkomplizierten Art für einen kurzweiligen, amüsanten Abend sorgte, konnte einen weiteren Lacher verbuchen. Bei der Laudatio auf den dritten Preisträger Prof. Gunther Krieg verlor Redner Herman Josef Schulte vollkommen den Faden und musste sich mit einer vollgekritzelten Karteikarte behelfen. Moderatorin Bauerfeind nahm ihm die Karte ab, hielt sie in die Kamera und merkte an: „Da hätte ich meinen roten Faden auch nicht wiedergefunden.“ Schulte überspielte die Situation geschickt und lobte den Beitrag Kriegs zur Ressourcenschonung durch das von ihm entwickelte Verfahren zur Ermittlung von Verunreinigungen im Recyclingkreislauf von Mehrwegflaschen.

Der Gelobte erklärte das Verfahren, bei dem ein Laser die Verunreinigungen aufspürt. „Durch dieses System können wieder reine Stoffe aus dem Recyclingverfahren gewonnen werden.“ Außerdem könnten Chemikalien genauer dosiert und erdölbasierte Komponenten eingespart werden.

Bundespräsident Joachim Gauck trat nicht mit einem schlechten Gewissen ans Rednerpult, wie Moderatorin Bauerfeind zu Beginn der Verleihung prognostiziert hatte, sondern zeigte sich hoffnungsvoll. „Ich staune, ich lerne. Und vor allem: Ich bin ermutigt von den Preisträgern.“ Die drei ausgezeichneten Persönlichkeiten hätten gezeigt, dass Dinge anders gemacht werden können, wo vermeintlich eherne Sachzwänge walteten.

Gauck fordert Bewusstsein für die Weltgemeinschaft
Dann zitierte das deutsche Staatsoberhaupt den Ehrenpreisträger Hubert Weinzierl. Dieser habe gesagt, dass jeder Mensch eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzen müsste: die seines Staates und die der Weltgemeinschaft. Gauck: „Handeln sollten wir jedenfalls in diesem doppelten Bewusstsein und mit dem Bewusstsein, dass wir auch die Mittel dazu haben.“

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