Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Ein Sommerfestival mit viel Amore

6. Juli 2015 | Von | Kategorie: Stadt 

Das Kulturzelt Kassel bietet vom 10. Juli bis zum 23. August eine Liebeserklärung an die zeitgenössische Musik.
Man stelle sich vor, ein Typ mit Zigarette in der Hand und mit zerrissener Hose schlendert und tänzelt durch die nächtliche Kulisse einer italienischen Stadt und singt von einer inzestuös angehauchten Liebe. Er legt mit einem Geständnis los: „Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen, obwohl ich gerne würde, aber ich trau mich nicht!“

Wanda. Foto: Flo Senekowitsch und Wolfgang Seehofer

Wanda. Foto: Flo Senekowitsch und Wolfgang Seehofer

Diese Vorstellung wirkt verschroben, aber genau damit hat die österreichische Band Wanda einen enormen Erfolg. Das Lied „Bologna“ und das dazugehörende Video sind Hits, und die Gruppe gilt als die „augenblicklich beste Wiener Band der Welt“, wie eine österreichische Zeitung launig bemerkte. In diesem Sommer kommen Wanda ins Kulturzelt an der Drahtbrücke.

Wilde Wanda
Woher der Bandname stammt? Nun, es handelt sich um eine Anspielung auf eine gewisse Wanda Kuchwalek, die in den Siebzigern unter dem Spitznamen „Wilde Wanda“ als Wiens einziger weiblicher Zuhälter bekannt war. Kein schlechter Name für diese Combo: Mit unwiderstehlichem Charme lassen Wanda die nach Falcos frühem Tod in Vergessenheit geratene Wiener Pop-Dekadenz rauschhaft hochleben.

Ein Verbindungsglied zwischen Austropop und Indie-Rock wurde Wanda genannt. Die Musiker selbst nennen ihr Genre indes „Popmusik mit Amore“, und in dem erwähnten Lied heißt es beschwingt: „Tante Ceccarelli hat in Bologna Amore gemacht! Amore, meine Stadt.“ Ein echter Knaller, wie Frontmann Marco Michael Wanda diese Zeilen in verwegener Rockermanier grölt.

Stanley Clarke. Foto: Steven Parke

Stanley Clarke. Foto: Steven Parke

Momente reinen Glücks
Das Interessante bei alledem: Die Melange aus eingängigen Melodien und verspielt-nachdenklichen Texten versetzt auch das deutsche Indie-Pop-Herz in helle Aufregung. Als Wanda im Februar in Berlin waren, schwärmte die Süddeutsche Zeitung: „Wer könnte sich da nicht Hals über Kopf verknallen? Wanda kamen aus dem Nichts, jetzt spielt die Wiener Band drei ausverkaufte Konzerte in Berlin. Am ersten Abend gibt es Kippen, Schmäh – und Momente reinen Glücks.“ Ob es mit den Glückmomenten auch in Kassel klappen wird, kann man am 29. Juli nachprüfen, denn da geben sich die vielgepriesenen Österreicher die Ehre im Kulturzelt.

Das könnte richtig „leiwand“ (so der Wiener Dialektausdruck für klasse) werden, doch mit viel Amore, um in der Wanda-Diktion zu bleiben, ist auch die ganze Saison im Kulturzelt zusammengestellt. An einem Abend ein Jazzclub, am nächsten eine elektronische Dancehall – das Programm des von Angelika Umbach und Lutz Engelhardt geleiteten Sommerfestivals ist nichts weniger als eine Liebeserklärung an die zeitgenössische Musik in allen möglichen Facetten und Klangfarben.

Nina Attal, die als neue große Soulstimme Frankreichs gilt und dazu noch Pop, Blues, Funk und Jazz in ihre Musik mixt, macht am 10. Juli den Auftakt. Bis zum 23. August gastieren dann noch viele weitere Größen in dem lauschig gelegenen, temporären Konzertsaal. Um nur einige zu nennen: der amerikanische Jazzsänger Kurt Elling mit Deutschlands Startrompeter Till Brönner als Special Guest (11. Juli), der Ausnahme-Bassist Stanley Clarke (20. Juli), die durch ihren 80er-Jahre-Hit „Twist in my Sobriety“ bekannte Sängerin Tanita Tikaram (24. Juli), die Hamburger Band Tocotronic (31. Juli) oder die skandinavischen Songwriterinnen Tina Dico (6. August) und Rebekka Bakken (20. August).

 Weltmusik mit Barockstar
Sogar ein international gefeierter Star der Barockszene kommt diesmal ins Kulturzelt: Der Countertenor Andreas Scholl präsentiert am 7. August gemeinsam mit dem israelischen Komponisten und Musiker Idan Raichel eine betörende Klangwelt, in der die verschiedenen Stile zur Weltmusik verschmelzen. Zu hören ist dabei auch die israelische Pianistin und Cembalistin Tamar Halperin, die im Vorjahr mit Michael Wollny und der hr-Bigband im Kulturzelt begeisterte.

Auf bewährte Weise geht das Festival dann am 23. August zu Ende. Die 17 Hippies servieren eine bunte Berliner Mischung von osteuropäischer Folklore bis zur Zappa-Coverversion. Das wird sicher ein rauschendes Finale, ein Hippie-Haus-Tanz. Doch wie heißt es in einem Hit von Wanda: „Auseinandergehen ist schwer.“

www.kulturzelt-kassel.de

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