Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Eine Akropolis für unsere Olympier

26. November 2015 | Von | Kategorie: Stadt 

Nach nur zwei Jahren Bauzeit wurde die neue Grimmwelt im September feierlich eröffnet

Da erhebt sich jetzt tatsächlich eine kleine Akropolis auf dem Weinberg, und die Brüder Grimm waren viel mehr als Märchensammler und -erzähler, eben Olympier, wahre Geistesgrößen. Ein Bericht vom Festakt der Eröffnung

Unsere Akropolis besteht aus hellem Naturstein, wie auch das alte Henschel-Haus, das bis zum Krieg an dieser Stelle stand. Das Gebäude setzt die Terrassen-Landschaft des Weinbergs als begehbare Skulptur fort. Besonders toll ist die auch Nicht-Besuchern des Museums zugängliche Dachterrasse, von der man einen Blick bis zum Hohen Meißner hat (nachts schillert orange das VW-Werk in Baunatal).

Gemeinsam eröffneten Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur die Grimmwelt auf dem Weinberg. Foto: Mario Zgoll

Gemeinsam eröffneten Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur die Grimmwelt auf dem Weinberg. Foto: Mario Zgoll

Gedrängte Menge
Gekommen war praktisch die gesamte nordhessische Regionalprominenz zur feierlichen Eröffnung, auch die ehemalige wie der frühere Kulturdezernent Thomas-Erik Junge, der das Projekt damals angeschoben hat und jetzt in Lübeck lebt. Die Weinbergstraße war für den normalen Verkehr gesperrt, damit die Karossen Platz hatten. Nicht nur der Oberbürgermeister war da (klar, er musste ja eine Rede reden), auch seine Vorgänger Wolfram Bremeier und Hans Eichel, Regierungspräsident Walter Lübcke, Landrat Uwe Schmidt, selbst der hr-Intendant Helmut Reitze hat den Weg in seine Heimatstadt gefunden, seine hagere Gestalt überragte das sitzende Publikum. Alle äußersten sich begeistert.

Das sitzende Publikum war allerdings nicht sehr zahlreich, die wenigen Stühle alle mit Namenszetteln für Leute solchen Kalibers gepflastert. Dahinter und darum drängte sich die zum Stehen verdonnerte Menge, auch die zahlreichen Reporter aller großen Blätter, darunter Christoph Dieckmann von der ZEIT, von dem die Überschrift geklaut ist.

Großzügig und detailverliebt präsentiert sich die Grimmwelt im Innern. Foto: Andreas Weber

Großzügig und detailverliebt präsentiert sich die Grimmwelt im Innern. Foto: Andreas Weber

Wozu es Museen gab, gibt und geben wird
OB Bertram Hilgen betonte in seiner Ansprache, dass Zeitplan und Kostenrahmen exakt eingehalten wurden, wozu allerdings auch zwei milde Winter beigetragen haben. Trotzdem sei es außergewöhnlich, dass eine Stadt in diesen Zeiten noch so etwas baut. Das Land Hessen wart nicht durch den Ministerpräsidenten oder den Wissenschaftsminister vertreten, sondern lediglich durch eine Staatssekretärin, ausgerechnet aus dem Finanzministerium. Dr. Bernadette Weyland hielt eine Art kulturphilosophischen Vortrag, wozu es Museen gab, gibt und geben wird. „Sie sind eine Herausforderung an den Betrachter, sich vor dem Bild artikulieren zu können.“ Dr. Weyland artikulierte sich mit ziemlicher Anstrengung. Erschöpfter Applaus. Rainer Sörries, Direktor vom benachbarten Museum für Sepulkralkultur, wisperte mir ergrimmt zu: „Vielleicht werden auch mal die Mittel aufgestockt, damit wir das alles leisten können!“ Ja, ich darf zitieren.
Zum Schluss bedankte sich die von Dieckmann als „prinzessös“ bezeichnete Museumsleiterin Susanne Völker bei den über 180 beteiligten Firmen und Ämtern. „Es ist vollbracht und kann beginnen.“

Foto: Andreas Weber

Foto: Andreas Weber

Museum und Erlebnispark
Zeit für einen Rundgang, bevor die Mädels und Jungs mit den obligatorischen Häppchen anrücken. In der oberen Ebene wird die wissenschaftliche Arbeit der Brüder Grimm präsentiert, sie waren ja Germanisten, akribische Wortsammler. Jeder Raum ist einem Buchstaben gewidmet, aufgehängt an einem Begriff aus dem Deutschen Wörterbuch, „Von Ärschlein bis Zettel“, wie das Lese- und Bilderbuch zum Museum heißt. Man wandert zwischen Buchseiten und diversen Installationen, etwa aus Notizzetteln oder den 14 Bildkästen zur Geschichte des Wörterbuchs von Alexej Tchernyi, herum. Die untere Ebene ist den Märchen gewidmet, als Märchenwald mit vielen schönen Ideen. Insgesamt, um noch einmal Christoph Dieckmann zu zitieren, ein „schöner Kompromiss aus Literaturmuseum und Erlebnispark“.

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