Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Genutzte Chancen

12. September 2017 | Von | Kategorie: Stadt 

Mit der Amtszeit Bertram Hilgens endete eine Ära
Vielleicht musste jemand aus der konservativ-katholischen Rhön zu uns kommen, um uns Kasselern, Kasselanern und Kasselänern, uns Mährmäulern, in den letzten zwölf Jahren ein Stück Selbstbewusstsein und auch Lebensfreude rüberzubringen“, sagte Kassels neuer Oberbürgermeister Christian Geselle anlässlich der Verabschiedung Bertram Hilgens Ende Juni im Kongress Palais.

Verabschiedete sich nach einer erfolgreichen Zeit vom Amt des Oberbürgermeisters: Bertram Hilgen Foto: Mario Zgoll

Verabschiedete sich nach einer erfolgreichen Zeit vom Amt des Oberbürgermeisters: Bertram Hilgen Foto: Mario Zgoll

Hilgen stammt aus Tann in der Rhön, wo sein Vater selbst 34 Jahre lang Bürgermeister war. Nach seinem Studium der Rechts- und Politikwissenschaften in Marburg hatte Bertram Hilgen als junger Mann den Weg nach Kassel gefunden.

Von Kassel lernen
Hilgen, der am 9. Februar 63 Jahre alt geworden ist, habe in seiner Amtszeit viel erreicht, erklärte Geselle und verwies auf 25.000 Studierende an der Uni Kassel, die Entwicklungen des Gewerbeparks Niederzwehren am Langen Feld, die Sanierung des Auestadions und der Bäderlandschaft, den Abbau der Schulden um 290 Millionen Euro und vieles mehr. Wenn man heute in der ZEIT lesen könne „Von Kassel lernen“, sei das sicherlich auch Bertram Hilgen zu verdanken.

Auf kultureller Ebene habe sich Bertram Hilgen ebenfalls verdient gemacht: um den Welterbestatus 2013, den Ausbau der Museumslandschaft, den Bau der GRIMMWELT, die Sanierung und Erweiterung des Stadtmuseums, die Sicherung des documenta-Archivs und den erneuten Anlauf zur Kulturhauptstadt 2025. Bonbon in seiner Amtszeit sei stets die documenta gewesen – auch die aktuell laufende d14 habe er als Aufsichtsratsvorsitzender eröffnet.

„Die Ära Hilgen wird in die Geschichte der Stadt als Zeit des Nutzens von Chancen, der Weiterentwicklung und der Begründung neuen städtischen Selbstbewusstseins eingehen“, sagte Geselle.

Zum Ende seiner Amtszeit sprach Jérôme mit Betram Hilgen über die zurückliegenden Jahre, Loslassen und Künftiges.

Jérôme: Nach zwölf Jahren Bertram Hilgen als Oberbürgermeister der Stadt Kassel gibt es einige Menschen, die das gar nicht anders kannten. Für viele ist das ein Einschnitt. Wie geht es Ihnen dabei?

Bertram Hilgen: Ich bin jetzt dreiundsechzigeinhalb. Wäre ich noch mal angetreten und hätte man mich noch mal gewählt, wäre ich zum Ende meiner Amtszeit fast 70 Jahre alt. Gemeinsam mit meiner Frau habe ich überlegt, ob ich das machen soll. Ich bin niemand, der nach der Hälfte aufhört – und so wären mir weitere sechs Jahre eine zu lange Zeit gewesen. Nach meinem zweiten Staatsexamen war ich 37 Jahre lang in anspruchsvollen Positionen beruflich tätig. Ob ich Referent bei OB Hans Eichel war, Rechtsamtsleiter, Abteilungsleiter der Staatskanzlei, Regierungspräsident, Geschäftsführer vom KGRZ oder Oberbürgermeister – das waren keine Jobs, bei denen ich mich jemals gelangweilt hätte.

Jérôme: Wie ist das Gefühl, dass Ihre berufliche Laufbahn jetzt endet?

Hilgen: Zwei Drittel Freude auf das was jetzt kommt, nämlich nicht mehr einen so eng getakteten Kalender zu haben, der auch viel zu selten selbstbestimmt war, sondern meist durch Notwendigkeiten diktiert wurde. Und ein Drittel sind schon ein bisschen Abschiedsschmerz und Wehmut. Es wäre auch komisch, wenn das anderes wäre. Aber es ist meine Entscheidung, insofern kann ich mit dieser Situation sehr gut leben.

Jérôme: Was hätten Sie gerne noch umgesetzt?

Hilgen: Den Bau einer Multifunktionshalle für Sport und Veranstaltungen. Wir haben vieles unternommen um das Thema voranzutreiben, zuerst auf den Giesewiesen und dann bei Salzmann. Es ist uns nicht gelungen, obwohl wir sehr weit waren. Das Schicksal der Stadt hängt nicht daran, aber trotzdem hätte es mich gefreut, wenn’s gelungen wäre. Und es hat mich geärgert, dass es nicht gelungen ist.

Jérôme: Was unterscheidet Kassel von anderen Städten ähnlicher Größenordnung?

Hilgen: Jede Stadt ist ein eigener Organismus. Im Präsidium des Deutschen Städtetages habe ich Kollegen aus ganz unterschiedlichen Städten wie München, Hamburg und Köln getroffen, oder eben auch kleineren Großstädten, vergleichbar mit Kassel – jede Stadt hat ihren eigenen Lebensnerv und ihre eigenen Regeln nach denen sie arbeitet, denkt und fühlt. Um eines jedenfalls, glaube ich, haben mich alle meine Kollegen beneidet: die documenta zu haben und alle fünf Jahre im Fokus derjenigen zu sein, die sich für moderne Kunst interessieren. Das ist eine zunehmende Zahl. Zur Pressekonferenz in diesem Jahr hatten sich 3.500 Journalisten angemeldet. Sowas kommt auch in den größeren Städten eher selten vor.

Jérôme: Wie sehr haben Sie das Amt geprägt und wie sehr das Amt Sie?

Hilgen: Das können andere sicher besser beurteilen. Ich habe jedenfalls versucht, zwischen dem Menschen Bertram Hilgen und dem Amt des Oberbürgermeisters immer noch ein bisschen Abstand zu bewahren. Es macht einen Unterschied, ob ich sage ich bin Oberbürgermeister oder mein Beruf ist Oberbürgermeister. Ich habe es immer als Beruf sehen wollen, um mit dem Ende des Amtes nicht auch ein Stück von mir selbst zu verlieren.

Jérôme: Geht das so einfach?

Hilgen: Ob mir das gelungen ist, wird sich zeigen. Zum Beispiel, wenn ich jetzt zu Recht zu vielem nicht mehr eingeladen werde, weil ich nicht mehr Oberbürgermeister bin. Es ist einfach eine Frage, ob man das als persönliche Kränkung oder professionell als Veränderung in seinem Leben begreift. Ich bin ziemlich guter Dinge, dass ich das professionell sehen kann.

Jérôme: Kann man als Oberbürgermeister klar zwischen Beruf und Privatleben trennen? Man ist ja nie richtig privat.

Hilgen: Zwischen meiner Seele und meinem Beruf gibt es eine kleine Sperre. Der Beruf darf einen nicht auffressen und man darf auch seine Einflussmöglichkeiten und Bedeutung nicht überschätzen. Kassel ist 1.100 Jahre alt geworden und ich war zwölf Jahre Oberbürgermeister. Das ist knapp mehr als ein Prozent.

Jérôme: Welchen Moment Ihrer Amtszeit werden Sie nie vergessen?

Hilgen: Da gibt es schon einige, aber eine Situation hat mich besonders angefasst. Das war am letzten Tag des Hessentages 2013, ein wunderbarer Sommertag: Der Umzug stand bevor, der Höhepunkt eines wunderbaren Hessentages. Mit einem Fernsehteam des Hessischen Rundfunks waren wir am Schloss und haben eine Aufnahme gedreht für den Fall, dass Kassel mit den Wasserspielen Weltkulturerbe werden würde. Gesendet werden sollte der Beitrag im Erfolgsfall. Wir wussten ja noch nicht, wie die Kommission an diesem Tag entscheidet. Als der Bericht aufgenommen war, habe ich mich ins Auto gesetzt und meinen Fahrer gebeten, mich in die Stadt zu fahren. Kurz darauf rief die Pressestelle an und erklärte, dass Kassel Welterbe ist. Wir waren gerade unterhalb des Schlosses und ich habe den Fahrer gebeten anzuhalten, bin ausgestiegen und habe auf die Stadt geschaut. Da habe ich mir gesagt: „Junge, das sind 1.100 Jahre Kassel, das ist ein erfolgreicher Hessentag und jetzt sind wir Weltkulturerbe“. Da haben wir richtig lange für gearbeitet und so eine Ballung der Ereignisse und dieser Blick, morgens um halb 10 auf die Stadt, das war klasse.

Jérôme: Man soll ja aufhören, wenn es am besten ist und das wäre wahrscheinlich in keiner späteren Amtszeit zu toppen gewesen. Wie sieht es mit Fehlern aus? Welchen hätten Sie gerne nicht gemacht?

Hilgen: Ob das Fehler waren, kann ich nicht sagen. Was mich bewegt hat, war dieser Rieseneinsatz, den wir für die Multifunktionshalle gezeigt haben, auch für das technische Rathaus mit Salzmann. Möglicherweise hätte man den Umstand, dass das nichts wird ein bisschen früher erkennen können. Die Hoffnung, die letzte Chance zu nutzen, hat vielleicht den Blick auf die Realität etwas verzögert. Den Schnitt früher zu machen hätte uns viele Diskussionen und viel Arbeit erspart. Und das treibt einen schon ein Bisschen um.

Jérôme: Wie verbringen Sie Ihren Ruhestand?

Hilgen: Ich gehe in keine Rechtsanwaltskanzlei und kein Beratungsbüro oder so. Ich verdiene also kein Geld mehr. Und ich werde in diesem Jahr auch kein Ehrenamt mehr übernehmen, weil ich erst mal mein Leben und den Alltag neu sortieren muss. Später habe ich aber vor, mich für die Menschen zu engagieren, denen es auf der Welt wirklich schlecht geht. Ich könnte mir ein Engagement zum Beispiel bei „Brot für die Welt“ vorstellen oder bei Amnesty International. Ich bin kein Arzt und auch kein Brunnenbauer, aber es kann ja sein, dass die jemanden brauchen, der sich mit Verwaltung auskennt. Vielleicht auch in anderen Ländern.

Jérôme: Können Sie sich vorstellen, Ihren Lebensmittelpunkt zu verlagern?

Hilgen: Nein. Ich bin Kasseler, mehr werde ich auch nicht. Das ist meine Heimat und so eine schöne Stadt finden Sie so schnell nicht wieder.

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