Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



„Heute ist man ewig jung“

12. Januar 2015 | Von | Kategorie: Stadt 

Gespräch mit dem Hamlet-Darsteller Peter Elter

Peter Elter wurde in Cottbus geboren und studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock. Seit der Spielzeit 2007/2008 ist er festes Ensemblemitglied am Staatstheater Kassel, wo er unter anderem als Peer Gynt, in der Hauptrolle des Wilhelm in Tom Waits‘ Freischütz-Adaption „The Black Rider“ und als junger Faust im „Urfaust“ zu sehen war. 2009 erhielt Elter den Nachwuchspreis der Fördergesellschaft des Staatstheaters. Seit dem 13. Dezember spielt er die Titelrolle in William Shakespeares „Hamlet“. Wir trafen ihn während einer Probenpause zu einem Gespräch.

Der Schauspieler Peter Elter brillierte schon oft am Staatstheater, nun macht er sich bei Shakespeare Gedanken über Sein oder Nichtsein. Foto: Mario Zgoll

Der Schauspieler Peter Elter brillierte schon oft am Staatstheater, nun macht er sich bei Shakespeare Gedanken über Sein oder Nichtsein. Foto: Mario Zgoll

Jérôme: Herr Elter, haben Sie „Hamlet“ schon in der Schule gelesen?

Peter Elter: Nein, das Stück war nicht dabei. Ich finde es ehrlich gesagt ein bisschen zeitig, wenn man „Hamlet“ oder „Faust“ in der Sekundarstufe II durchnimmt. Es fängt damit an, dass man Zitate und biblische Bilder nicht erkennt. Man versteht wahrscheinlich nur die Geschichte: Da ist einer, der will seinen Vater rächen und bringt dann alle um am Schluss. Ich glaube, das bleibt hängen bei „Hamlet“ im ersten Moment. Mehr ist es nicht. Und das ist nur die Oberfläche.

Jérôme: Kann es sein, dass Sie die Schüler da ein wenig unterschätzen?

Elter: Ich arbeite seit sechs Jahren mit Jugendlichen im Jugendclub des Staatstheaters und weiß ja, womit sie sich beschäftigen. Es gibt genügend Stücke, etwa „Frühlingserwachen“ oder „Romeo und Julia“, die in ihren Stoffen leichter zu verstehen sind, allein schon aus der Biografie der Schüler her. Bestimmt gibt es immer Ausnahmen und tolle Leistungskurse.

Jérôme: Der Dänenprinz ist jung, das könnte Jugendlichen entgegenkommen …

Elter: Nee, Hamlet ist dreißig, so wie ich.

Jérôme: Heute gilt man früh als alt …

Elter: Ich sehe es anders: Heute ist man ewig jung. Aber um auf das Thema zurückzukommen: Selbstverständlich kann eine „Hamlet“-Aufführung alle Altersstufen ansprechen. Und natürlich besteht ein riesiger Unterschied zwischen Lesen und Schauen.

Jérôme: Inwiefern?

Elter: Am Theater versuchen wir Blickwinkel auf das Stück zu werfen, und damit entscheiden wir schon ganz viel. „Hamlet“ hat viele Scharniere, man kann sich für viele Sachen entscheiden: Lieben die einen sich, lieben sie sich nicht? Kriegt der das mit Absicht mit, kriegt er es nicht mit? Und so weiter. Da gibt es viele Möglichkeiten. Jeder sieht darin etwas Anderes, und das ist eine Qualität dieses Stücks. Peter Zadek zeigte zum Beispiel einen Hamlet, der nur gut ist und an seiner Moralität scheitert.

Jérôme: Wie ist der Blickwinkel in der Kasseler Inszenierung von Gralf-Edzard Habben?

Elter: Wir gehen beispielsweise davon aus, dass Gertrude und Claudius sich lieben, dass es eine Hochzeit aus Liebe war und dass Hamlets Vater eine idealisierte Figur ist. Er war nicht der liebe, nette Vater, den Hamlet wahnsinnig liebte. Wenn wir es ins Heute bringen, dann wäre Hamlet ein Student in England seit sechs, sieben Jahren. Und sein Vater, vielleicht ein Chefarzt, hat ihn ohnehin kaum gesehen.

Jérôme: Gibt es eine Aktualisierung?

Elter: Nein, aber es gibt verschiedene Assoziationen, die den Raum öffnen. Der Zuschauer könnte glauben, dass Claudius ein Arzt ist, trotzdem bleibt Claudius ein König. Zeitlos ist das beste Wort für die Ästhetik dieser Inszenierung.

Jérôme: Wie oft proben Sie momentan?

Elter: Jeden Tag zwei Mal, es sei denn ich habe Vorstellung.

Jérôme: Und was spielen Sie gerade?

Elter: „Floh im Ohr“, „Fräulein Julie“ und „Ausgesetzt. Ein wildes Kind“ – mehr spiele ich gerade nicht.

Jérôme: Sehr viel, wie mir scheint …

Elter: Das ist ein Thema, das in jedem Interview kommt (lacht). Ich bin nicht müde, folgendes Beispiel zu zitieren: Wenn man in die Küche geht, weiß man, was man da zu tun hat. Wenn man auf die Toilette geht, weiß man, was man da zu tun hat, und im Schlafzimmer auch. Anders gesagt: Man vermischt die Texte nicht, das sind klare Vorgänge, die sind im Körper drin.

Jérôme: Schauen Sie sich YouTube-Videos von anderen „Hamlet“-Darstellern an?

Elter: Ich mache das nur aus Spaß und Neugier. Als Spieler bringt es mir nichts. Ich kann davon nichts benutzen, weil der Vorgang aus einem selber heraus funktionieren muss: Ich muss Hamlets Gedanken selber denken und sie zu meinen eigenen machen. Wenn man jemanden kopiert, wäre das kein gutes Theater. www.peter-elter.de

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