Jérôme Kassel

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22. September 2014 | Von | Kategorie: Stadt 

Das AktionsTheaterKassel sucht kreative Abenteuer

Wir sind flexibel, und wir schonen uns nicht“, sagt Werner Zülch über das AktionsTheaterKassel. Einmal baute die Gruppe um die Theatermacher Helga und Werner Zülch bei einer Hessen-Tournee ein riesiges Baustellenzelt auf – nichts für Menschen mit Höhenangst. Und während der documenta 2012 war sie mit einem Piaggio-Transporter unterwegs. Werner Zülch täuschte eine Panne vor, mitten im stärksten Verkehr, worauf Schauspielerinnen, die am Straßenrand zur Stelle standen, den Wagen anschoben. Die Damen entledigten sich dann ihrer Regenmäntel, unter denen sie Dessous trugen. Das Motto hätte nicht besser eingelöst werden können, denn es hieß: „Irritazioni momentanee – Attenzione!“

Ein starkes Duo: die Theater- macher Werner und Helga Zülch. Foto: Mario Zgoll

Ein starkes Duo: die Theater- macher Werner und Helga Zülch. Foto: Mario Zgoll

Bereits diese Beispiele zeigen, dass Helga und Werner Zülch unter Theater viel mehr verstehen als den bloßen Dialog auf der Bühne. Performances, Text-Collagen und Experimente kommen hinzu bei ihren Arbeiten. In unterschiedlichen Gewichtungen prägen Poesie, Absurdität, Melancholie und Komik die Stücke des Aktionstheaters. Doch bei aller Vielfalt bewegen sie sich immer an der Schnittstelle zwischen darstellender und bildender Kunst.

Eine weitere Besonderheit der freien Theatergruppe: Das Aktionstheater hat keinen festen Raum, es sucht sich vielmehr die passende Umgebung für jede Produktion. So hat es unter anderem schon im Waschsalon gespielt, im Ballsaal, in der Fußgängerzone, im Autohaus, im Klassenzimmer – oder neulich auf dem Campingplatz in Trendelburg.

Gastspiele in Trendelburg und Vorarlberg

Wenn eine Familie Urlaub macht: das Stück „Gras“ der niederländischen Autorin Esther Gerritsen. Foto: Aktionstheater Kassel

Wenn eine Familie Urlaub macht: das Stück „Gras“ der niederländischen Autorin Esther Gerritsen. Foto: Aktionstheater Kassel

Dieser Ort passte ausgezeichnet zu dem Stück „Gras“ der niederländischen Autorin Esther Gerritsen, ging es doch um eine Familie auf Campingurlaub. Unter Helga Zülchs Regie spielten Kate Fierley, Leoni Selina Bäcker, Michael Werner und René Spitzer eine teils komische, teils beklemmende Groteske um eine dominante Mutter, eine selbstbewusste Tochter, einen kleinlauten Vater und einen verstörten Sohn. Mit „Gras“ gastierte das Aktionstheater im Juli zudem bei „Luaga & Losna“ im österreichischen Vorarlberg, einem Festival, bei dem auch Autoren aus den deutschsprachigen Ländern ihre neuen Texte vorstellten. Ein anderes Stück des Aktionstheaters lief gerade erfolgreich im Kasseler Kulturhaus Dock 4: „Lola rast“ nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Wilfried von Bredow und Anke Kuhl, eine zeitgenössische „Struwwelpeter“-Variante mit „schrecklichen“ Geschichten, ein Kindertheater, das auf turbulente wie schaurig-schöne Weise auch andere Altersgruppen unterhielt.

Da radelte Tina Machulik als Lola mit Höllentempo ihrem Ende entgegen – getreu der lapidaren Moral „Ja nun, die Ampel stand auf Rot. Wer weiter rast, ist eben tot.“ Da wurde die junge Schauspielerin als fernsehsüchtiger Lukas von der Glotze verschluckt. Wie in „Gras“ spielten Kate Fierley und Michael Werner die Eltern, während Machulik ihren fulminanten Einstand beim Aktionstheater gab. Helga Zülch führte Regie, Werner Zülch baute das Bühnenbild, eine Riesenpuppenstube.

Feste Größe in der freien Szene

Spielen eine  groteske Familie: Michael Werner, René Spitzer,  Kate Fierley und Leoni Selina  Bäcker (v.l.). Foto: Mario Zgoll

Spielen eine groteske Familie: Michael Werner, René Spitzer, Kate Fierley und Leoni Selina Bäcker (v.l.). Foto: Mario Zgoll

Heute ist das AktionsTheaterKassel bei aller Ungebundenheit und Flexibilität eine feste Größe in der freien Theaterszene Hessens. Gegründet wurde es 1976 von dem aus Bad Arolsen stammenden Künstler und Regisseur Teja Piegeler (1942–2003). „Wir haben anfangs Handke gespielt und viel absurdes Theater gemacht, sagt Helga Zülch, die 1983 die Leitung übernahm. Ihr Mann Werner sei sporadisch dabei gewesen und immer mehr ins Aktionstheater hineingewachsen. Er selbst sagt: „Helga ist der Kern, wir arbeiten zusammen und ergänzen uns, aber manchmal mache ich auch eigene Projekte im Aktionstheater.“

Neue Produktion im Herbst

Aufmerksamkeit garantiert:  Piaggio-Projekt 2012. Foto: Aktionstheater Kassel

Aufmerksamkeit garantiert: Piaggio-Projekt 2012. Foto: Aktionstheater Kassel

Idealismus und die Lust auf kreative Abenteuer und gegebenenfalls auch Irritationen – diese Mischung scheint jung zu halten. Für ein Jahr hat das Aktionstheater nun ein 400 Quadratmeter großes Domizil im Brandthaus in der Erzbergerstraße, gesponsert von der Gerhard-Fieseler-Stiftung und der cdw Stiftungsverbund gGmbH. Dort beginnen im August die Proben für die neue Produktion mit dem Stück „Die Tonleiter“ des spanisch-französischen Dramatikers Fernando Arrabal, der gerne mit Franz Kafka, Antonin Artaud und dem Marquis de Sade verglichen wird. Man darf gespannt sein auf die Premiere im Oktober. www.aktionstheaterkassel.com

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