Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Neuer Glamour: Traditionshotel Reiss hat wieder geöffnet

28. Februar 2012 | Von | Kategorie: Stadt 
Erstrahlt wieder in neuem Glanz: das legendäre Hotel Reiss. Foto: Mario Zgoll

Erstrahlt wieder in neuem Glanz: das legendäre Hotel Reiss. Foto: Mario Zgoll

Erinnerungen an die frühen Achtziger: Der vorletztes Jahr verstorbene Jerome-Autor Klaus Becker war neuer Pressesprecher der Reiss-Kinokette, gemeinsam mit Geschäftsführer Gerhard Theurich versuchte er, die Tradition der Filmpremieren mit anwesenden Stars in Kassel wiederzubeleben. Bloß gab es zu der Zeit kaum deutsche Filme, die der Rede wert waren. Miki Lazar, damals Design-student, heute Chef der Firma Makom und vermutlich Kassels prominentester Israeli, und ich gehörten zu der Truppe junger Typen, die Klaus im Schlepptau hatte. Mitunter stand ich mit einer Rolle Freikarten vor der Kaskade und beschwatzte Leute, reinzugehen, damit´s drin nicht so leer aussah. Bei einem dieser Filme von Klaus Lemke mit Cleo Kretschmer, Wolfgang Fiereck und Dolly Dollar war wegen des Busens letzterer Dame immerhin das Haus voll. Hinterher ging´s mit ein bisschen Kasseler Prominenz an gaffenden Leuten vorbei die Königsstraße runter zum obligatorischen Essen im Dubrovnik am Stern. Dort fackelte die Münchener Schickeria nicht lange und bastelte Tüten, und ich beobachtete staunenden Auges, wie der Polizeipräsident höflich Joints weiterreichte. Meistens verdrückte der Klaus sich irgendwann. Und tief in der Nacht oblag es dann Leuten wie Miki oder mir, torkelnde Filmgrößen zurück in ihr Hotel zu bringen. Das war natürlich immer das Hotel Reiss am Bahnhof.

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Aushängeschild bekrabbelt sich wieder
Fast zwei Jahrzehnte lang war das Hotel Reiss ein leerer, verfallender Schandfleck. Jetzt erstrahlt es wieder in neuem Glanz. Noch ist die Gegend drumherum, das muss man zugeben, eher trist, es gibt viel Leerstand, Dönerbuden, Tattooshops und Spielhallen in diesem Viertel, das einmal das Aushängeschild der Stadt für Besucher war, die mit dem Zug kamen. Jetzt bekrabbelt es sich langsam wieder. Das neueröffnete Hotel Reiss ist ein erster Glanzpunkt.

Möglich gemacht hat das Moshe Sand, ein Projektentwickler aus Israel. Bei der feierlichen Eröffnung begrüßt er jeden der geladenen Gäste mit Handschlag und einem fröhlichen „Welcome“, dann hält er eine kurze Ansprache. Sein Englisch ist typisch israelisch: In jeder Hinsicht perfekt, nur der Sound stimmt irgendwie nicht, so rau, fast krächzend (nun ja, Sie müssten mal hören, wie teutonisch ich herumstottere). Dies ist erst das „small opening“, sagt er und verspricht, das „big opening“ kommt im April, „when we open the ballroom“. Kurze Führung durch die Zimmer, alle todschick. Bisher sind etwa die Hälfte der 97 Zimmer fertig, darunter zehn Suiten. Spätestens zur documenta will man alle anbieten können. OB Bertram Hilgen ist begeistert: Hier werde „ein Stück Kasseler Herzblut wieder zum Leben erweckt, und das fast aus Ruinen“. Daran hätte er in den letzten Jahren „fast schon nicht mehr geglaubt“. Architekt Matthias Tunnemann vom federführenden Kasseler Büro Sprengwerk erzählt, bei der Entrümpelung hätten sie „Hunderte von Containern Müll rausgetragen, auch Taubendreck. 4600 Quadratmeter Betondecken sahen aus wie ein Schweizer Käse, nachdem der Estrich raus war.“ Ganz so wie früher wird es jedoch nicht: Die legendäre „Hessenklause“ wird zu einem von drei Konferenzräumen, was aus der Disco unter dem 400 Quadratmeter großen Ballsaal wird, weiß Moshe Sand noch nicht, und das genauso große Theater darüber bleibt vorerst geschlossen. Dafür wird es ein Restaurant „Kaiserhof“ mit mediterranen Köstlichkeiten geben, und wenn es wärmer wird, macht im neu gestalteten Innenhof ein Biergarten auf.

Erinnerungen an große Tage
Hinterher entwickelt sich eine kleine Party an der Bar. Leise Musik im Hintergrund, Sekt, Wein und Häppchen, Miki Lazar, der für die Ausstattung kreative Ideen beisteuerte, Regionalmanager Holger Schach, documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld, die neue Kassel-Marketing Chefin Angelika Hüppe tauschen angeregt Erinnerungen an große Tage aus. Moshe Sand, sein Freund Chaim Mor aus dem Kreis der Investoren, Hotelmanagerin Catharina Dickel und Pressesprecherin Kristina Bloem haben sich über die Geschichte schlau gemacht. Vor dem Krieg stand hier das Hotel Kaiserhof mit den Kaisersälen, in denen rauschende Galas und Maskenbälle stattfanden, Operetten und Varietés aufgeführt wurden. Es war die erste Adresse in Kassel für Kunst, Kultur und Unterhaltung. Nach der Zerstörung eröffnete Georg Reiss das vom unvermeidlichen Paul Bode neuerbaute Haus zur Bundesgartenschau und ersten documenta 1955. Da Reiss außerdem die zweitgrößte Kinokette Deutschlands gehörte, stiegen allerhand zu Premieren in der Kaskade angereiste Stars hier ab: Nadja Tiller und Walter Giller, die Kessler-Zwillinge, Pierre Brice, Heinz Rühmann, Dieter Borsche, Marita Rökk. Im Ballsaal veranstaltete Reiss-Geschäftsführer Gerhard Theurich einige Jahre einen großen Filmball, bis der in den Mathäser-Palast nach München verlegt wurde. Zu hoffen bleibt, dass die Investoren darüber nachdenken, wie sie ein bisschen was von dieser Show, dem Glitter und Glamour in ihr schön renoviertes Haus holen können.

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