Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Schlafende Schönheiten

25. April 2013 | Von | Kategorie: Stadt 

Zwei Nordhessen heben den letzten Schatz der Automobilgeschichte

Holen einzigartige Automobile wie diesen Bugatti T 251 Formel 1-Wagen aus dem Jahr 1955 nach Kassel: Dr. Dietrich Krahn und Heinz W. Jordan. Foto: Mario Zgoll

Holen einzigartige Automobile wie diesen Bugatti T 251 Formel 1-Wagen aus dem Jahr 1955 nach Kassel: Dr. Dietrich Krahn und Heinz W. Jordan. Foto: Mario Zgoll

Auf den Industrieampeln und Hallenuhren liegt der Staub aus Jahrzehnten. Wie das ölbefleckte Stirnholzpflaster, das einst die Vibrationen der Maschinen aufnahm, die kargen Wände und die patinierten Fensterscheiben erzählen sie die Geschichte von Halle 19 im Unternehmenspark Kassel (UPK). Die Halle gehörte einst zur Spinnfaser AG, die 1936 als größte Zellwolleerzeugungsstätte Europas galt. Mit ihrer Historie und charmant-abgewetztem Flair bildet sie den perfekten Rahmen für eine Ausstellung, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat: „Schlafende Automobilschönheiten der Collection Schlumpf“. Zwei nordhessische Oldtimer-Enthusiasten holen sie nach Kassel.

Die Geschichte von Frankreichs nationalem Automobilmuseum, übrigens dem größten der Welt, ist alles andere als gewöhnlich. Mit der privaten Fahrzeugsammlung der Brüder Fritz und Hans Schlumpf nimmt sie ihren Anfang. Den Tuchfabrikanten aus Kassels Partnerstadt Mulhouse war es zwischen den 30er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gelungen, in Frankreich das Monopol für gekämmte Garne aufzubauen. Und weil nicht nur Not erfinderisch macht, ließen sich die beiden Brüder durch ihren wirtschaftlichen Erfolg dazu inspirieren, eine unglaubliche Sammlung historischer Fahrzeuge, vornehmlich Bugattis, aufzubauen. Für ihre Begeisterung belasteten die Brüder ihr Unternehmen so sehr, dass es in den 70er Jahren zahlungsunfähig wurde. Rund 2.000 Beschäftigte verloren ihre Arbeit. Unter Polizeischutz flohen Fritz und Hans Schlumpf 1976 ins Schweizer Exil und ließen ihre Sammlung zurück.

Zum Teil erbärmlicher Zustand
Erste Einblicke nach dem Eintreffen der Schlafenden Automobilschönheiten am 12. April. Foto: Mario ZgollZunächst von der ehemaligen Schlumpf-Belegschaft besetzt und als „Museum der Arbeiter“ weitergeführt, später durch eine Eigentümervereinigung übernommen, wurde aus der Sammlung in der ehemaligen Fabrik die heutige „Cité de l’Automobile – Musée national – Collection Schlumpf“. „Von insgesamt rund 400 Fahrzeugen werden heute etwa 250 ausgestellt“, erklärt Heinz W. Jordan; 150 weitere Automobile im Orginalzustand befänden sich in verschiedenen Gebäuden des Areals. Diese Fahrzeuge seien zum Teil in einem erbärmlichen Verfallszustand. Verrostete Karosserien, marode Innenausstattungen, zerfetzte Reifen, schmutzig und voller Spinnweben. Unterstützt durch Museumsleiter Richard Keller holen Jordan und sein Freund Dr. Dietrich Krahn 40 der Fahrzeuge nun nach Kassel. Unter ihnen ein Peugeot 16 aus dem Jahr 1898, ein Mercedes W 154 Silberpfeil und ein im Zweiten Weltkrieg zum Krankenwagen umgebauter Bugatti 46. „Das ist der letzte noch zu hebende Schatz der Automobilgeschichte“, verspricht Heinz W. Jordan.

Gewachsene Beziehung
2007 hatten Krahn und Jordan erstmals mit dem französischen Automobilmuseum zusammenge- arbeitet, das damals ein Fahrzeug für das von den beiden Nordhessen mitorganisierten Herkules-Bergrennen zur Verfügung stellte. 2009 halfen ihnen die Franzosen bei der großen Bugatti-Ausstellung in der documenta-Halle. Im Jahr des großen Kassel-Jubiläums will man nun alles bisher Dagewesene toppen. Entstanden war die Idee beim Abendessen.

Erste Einblicke nach dem Eintreffen der Schlafenden Automobilschönheiten am 12. April. Foto: Mario Zgoll„Dietrich Krahn und ich waren 2010 nach Mulhouse eingeladen und haben dort nach einer Rallye-Fahrt bei gutem Essen und gutem Wein mit Richard Keller zusammengesessen“, sagt Heinz W. Jordan. „Aus einer Laune heraus haben wir gefragt, ob wir mal einen Blick in die Hallen werfen dürfen, in denen die nicht ausgestellten Fahrzeuge stehen“, erinnert er sich. „Wir wussten ja, dass da kein Mensch rein darf. Umso überraschter waren wir, als er uns tatsächlich Zugang gewährte.“

Wie in einem Traum
Ausgestattet mit Taschenlampen hätten Krahn und er die nur zum Teil beleuchteten Hallen und Keller erkundet und nicht fassen können, was es zu entdecken gab. Ein Bugatti T 251 Formel 1-Wagen aus dem Jahr 1955 sei dabei gewesen, ein Mercedes 770 K, der größte Mercedes-Pkw, der jemals gebaut worden ist, oder auch ein noch vor der Gründung seiner eigenen Marke von Ettore Bugatti entwickelter Peugeot BB. „Und wir haben Autos gesehen, von denen selbst wir als Kenner der Szene nicht wussten, dass sie überhaupt existieren“, sagt Heinz Jordan. Viele seien schon in den 30er Jahren abgestellt und nie mehr angerührt worden. „Das war wie in einem Traum.“

40 für Kassel ausgesucht
Erste Einblicke nach dem Eintreffen der Schlafenden Automobilschönheiten am 12. April. Foto: Mario ZgollJordan und Krahn beschrieben Richard Keller ihre Idee, einen Teil der Fahrzeuge im Rahmen des Kassel-Jubiläums 2013 auszustellen und erhielten das Angebot, sich 40 „Schlafende Automobilschönheiten“ für ihr Vorhaben auszusuchen – immerhin zehn Prozent des Gesamtbestandes. Seither ist viel passiert. Jordan und Krahn gründeten eine GbR, gewannen Volkswagen und andere Sponsoren, fanden die Ausstellungshalle, holten Dienstleister ins Boot, schlossen Verträge mit Personal, erstellten mit Hilfe eines ehemaligen Französischlehrers ein Buch zur Ausstellung, bezogen Hotels mit ein und die Presse und machten auch vor den Verkehrsministern beider Länder nicht Halt, Ramsauer und Cuvillier, die die Schirmherrschaft übernahmen.

Debatte anstoßen
Mit Spezialtransportern werden die Exponate, die sich in unterschiedlichen Verfallsstadien befinden, von Mulhouse nach Kassel gebracht. „Wir wollen sie genau so zeigen, wie wir sie in Frankreich vorgefunden haben, mit allem Staub, Dreck und Rost“, erklärt Jordan. Angestoßen soll mit der Ausstellung auch eine Debatte, ob automobile Funde dieser Art restauriert oder in ihrem Originalzustand belassen werden sollten.

Das breite nationale und internationale Medieninteresse unterstreicht den Stellenwert dieser Ausstellung, für die sich auch prominente Besucher wie VW-Chef Martin Winterkorn und Ferdinand Piëch angekündigt haben.

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