Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Seid umschlungen!

23. September 2015 | Von | Kategorie: Stadt 

Vom Manager zum Buchhändler

Lothar Röse hat die vor der Schließung stehende Hofbuchhandlung Vietor übernommen. Auf einmal kennt er jeden, und alle kennen ihn. Wie macht der das?

Lothar Röse ist ein freundlicher, zugänglicher Mensch, der gern Stories erzählt, aber auch gut zuhören kann. Selbst wenn ihm Mist erzählt wird. Ich war dabei, als ihm irgendwer völlig abgedrehten Kram andrehen wollte. Geduldig hörte Röse zu, das nette Lächeln blieb immer am Platz. Erst als der Mann abgezogen war, wandte er sich mir zu, weiter lächelnd: „Totaler Spinner, oder?“

Lothar Röse ist in typischer Haltung zur Welt: „Ich bin halt immer neugierig auf Menschen und für alles offen, das spüren die Leute." Foto: Mario Zgoll

Lothar Röse ist in typischer Haltung zur Welt: „Ich bin halt immer neugierig auf Menschen und für alles offen, das spüren die Leute.“ Foto: Mario Zgoll

Kassels älteste und schönste Buchhandlung
In anderer Sache hatte ich gerade, wie der eine oder andere vielleicht mitbekommen hat, mit Elisabeth Niejahr von der ZEIT zu tun, was ich beiläufig erwähne (man gerät bei Röse leicht in Versuchung, Sachen zu erzählen). Röse nickt wissend: „Das ist die Freundin vom Klaus Stern“, unserem berühmten Dokumentarfilmer, erklärt er zu meiner Verblüffung. Davon hat sie mir nichts erzählt, also erzähle ich es ihr. Hinter ihrer schwarzen Hornbrille werden Elisabeth Niejahrs Augen groß: „Woher will denn ein Buchhändler sowas wissen?“ Denn es stimmt, zwar ist sie nicht die, aber eine Freundin vom Klaus Stern.

Tja, woher?

Natürlich von Klaus Stern selber, mit dem er per Du ist und der zu einer Festivität in der Hofbuchhandlung Vietor aufschlägt. Ich frage Klaus Stern und unsere direkt gewählte Bundestagsabgeordnete Ulrike Gottschalck, wie lange kennt ihr diesen Typen schon? Seit ungefähr einem Jahr, antworten beide. Seither macht er Kassels älteste und schönste Buchhandlung zum kulturellen Treffpunkt.

Staatstheater-Intendant Thomas Bockelmann kommt mit dem Fahrrad, nackte Füße in Sandalen, und umarmt Röse. Mit documenta-Leiter Adam Szymczyk bespricht er Projekte bei Rotwein. Der totale Kontakt-Typ. Sie wollen was von irgendeinem Promi? Lothar Röse ist per Du, seit ungefähr einem Jahr, und lässt Ihr Anliegen „mal im Gespräch einfließen. So macht man das“. Schließlich war er jahrzehntelang erfolgreicher Manager.

„Ich war so eine Art Troubleshooter“, erzählt der 59-Jährige. „Wenn es irgendwo brannte, kriegte ich einen Anruf und war dann für zwei, drei Jahre irgendwo Chef. Ich war Bauleiter, habe Hotels geführt, war Geschäftsführer verschiedener Autofirmen.“ Aber der Erstwohnsitz war immer in Kassel, wo er Frau und Sohn hat. „Spinnst du?“, sagte seine Frau, als er sein Leben ändern und in Kultur machen wollte.

Erst jetzt entspannt sich das langsam – denn es klappt. Zwar fährt Lothar Röse noch volles Risiko, aber der zuvor ziemlich runtergewirtschaftete Laden – „die ältesten Einträge im Kundenregister waren noch in Sütterlin“ – läuft nicht nur wieder, entwickelt sich auch zum kulturellen Zentrum, und Röse steckt noch voller Ideen.

Ein Citoyen dieser Stadt
„Ich bin halt immer neugierig auf Menschen und für alles offen, das spüren die Leute. Aber ich bin kein Schulterklopfer, Selbstdarsteller oder Ranschmeißer. Sondern ein Citoyen in dieser Stadt mit der Devise: nicht meckern, machen. Thomas Bockelmann hab ich zufällig im Kaufhof an der Kasse kennengelernt, wir kauften das gleiche Rasierwasser. Dann hab ich ihm vorgeschlagen, den Büchertisch im Theater wiederzubeleben, erst im Schauspielhaus, ab der nächsten Saison auch im Opernhaus.“ Am 3. November liest Ulrich Wickert im Staatstheater, Veranstalter: Lothar Röse, Büchertisch: Vietor.

Im Buchhandel ist allerhand los, Hugendubel verschwindet im September aus Kassel, Thalia macht keine Veranstaltungen mehr und ist der einzige Verlustbringer des Besitzers, der ihn gerüchteweise loswerden will. Aber keine Bange, da gibt es ja jetzt diesen neuen Typ, seit ungefähr einem Jahr (inzwischen eher anderthalb).

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