Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Tolle Type mit Gangsterlimo

1. April 2014 | Von | Kategorie: Stadt 

Ein Mann macht Bücher. Nein, er schreibt sie nicht (mit Ausnahme einiger Fachpublikationen), er verlegt sie nicht, er druckt sie nicht – er entwirft und gestaltet Bücher in seinem Büro hoch über den Dächern von Kassel.

Manche nennen ihn den „Schriftgott aus Kassel“: Friedrich Forssman. Foto: Mario Zgoll

Und zwar gestaltet er nicht etwa nur den Umschlag, wie ich glaubte, als ich an der Tür des schönen alten Hauses oben in Wilhelmshöhe klingelte. Friedrich Forssman ist Typograph und Buchgestalter, er gestaltet das ganze Buch, vom Einband über die Papiersorte, Schrifttypen und Satzspiegel bis zur Art der Bindung. Das Ergebnis nennt sich „Buchkörper“. Und dieser Buchkörper ist im besten Fall nicht irgendwas, in dem wir schmökern, sondern ein Kunstwerk. Wenig überraschend, dass sich unter den von Friedrich Forssman hervorgebrachten Kunstwerken keine der üblichen Bestseller finden: Deren Umschläge sind oft klasse, aber die Buchkörper, na ja, die sind so wie alle anderen des jeweiligen Verlages auch, immer dasselbe Papier, dieselbe Schrift, derselbe Satzspiegel: Massenware eben, die Geld bringen soll.

Nicht, dass Forssman etwas gegen die Existenz von Bestsellern hätte. Wie alle, die im Kulturbereich etwas Besonderes machen, glaubt er an Querfinanzierung: Das Geld, das die Masse bringt, soll wenigstens zum Teil in das Seltene fließen; eine Idee, die vor lauter Renditegläubigkeit leider in den Hintergrund getreten ist. Im Suhrkamp Verlag zum Beispiel in die komplett von Forssman gestaltete Kritische Gesamtausgabe der Werke von Walter Benjamin – acht Bände sind bisher erschienen, 21 sollen es werden. Oder die Neugestaltung sämtlicher Bücher der legendären gelben Reihe von Reclam. Übrigens hätte er gar nichts dagegen, auch mal einen Bestseller zu machen, es gab auch Anfragen und Gespräche – aber da Forssman nun mal darauf bestand, das ganze Buch zu machen, schüttelten die Manager entgeistert die Köpfe.

Keinen Abschiedsschmerz von der Jugend
Was ist das nun für ein Typ (oder eine Type, pun intended), der über die Eigenarten von Schrifttypen reden kann wie ein Molekularbiologe über das Verhalten von Mikroorganismen? Ein weltabgewandter Sonderling? Nun ja … Jungenhaftes Gesicht, jungenhafter Haarschopf, schlanke Gestalt – intellektuelle Brille, brauner Dreiteiler (richtig, mit Weste), raucht Pfeife. Er hat mit seinen fast 49 Jahren (Geburtstag hat er wenige Tage nach Erscheinen dieser Ausgabe) „keinen Abschiedsschmerz von der Jugend, ich kleide mich erwachsen“, sondern eine sechsjährige Enkelin. Weil er sich nämlich auf der Fachhochschule in eine Klassenkameradin verliebte, die bis heute seine Frau ist. „Als 20-Jähriger habe ich die Schule abgeschlossen mit Ehefrau und Tochter.“

Schwede, Finne, Litauer Russe – aber immer Deutscher
Der ungewöhnliche Name Forssman ist schwedisch, er stammt ab von Deutschsprachigen, die sich über Generationen in Skandinavien, im Baltikum und in Russland tummelten. „Mein Großvater war Schwede, Finne, Litauer, Russe – aber immer Deutscher. Das Konzept der Einheit von Sprache und Nation auf begrenztem Raum ist ja eine verhältnismäßig neue Idee – und keine gute.“ Büchernarr war er schon immer und ist er bis heute, ein manischer Vielleser. Aber er las anderes als die meisten, schon als Halbwüchsiger nahm er sich den ganzen Arno Schmidt vor, inklusive dem Hauptwerk „Zettel’s Traum“, ein Konvolut von anderthalb Tausend Seiten, das es gar nicht als Buch gab, nur als Kopie eines höchst verworren wirkenden Schreibmaschinen-Typoskripts, weil kein Mensch wusste, wie man das setzen sollte. Student Forssman beschäftigte sich in seiner Abschlussarbeit damit – kriegte seinen ersten Job und gestaltet seither alle Publikationen der Arno Schmidt Stiftung.

An irgendwen erinnert dieser Forssman mich. Den jungen Herbert Wehner? Er formuliert etwas stockend, man kann ihm sozusagen beim Denken zusehen, aber was dann herauskommt, ist absolut druckreif: „Nicht wenige Gestalter nehmen bei einer Aufgabe gar nicht bewusst wahr, dass sie in einer historischen Linie stehen, sondern sind gefangen in einem ewigen Jetzt.“ Daher: „Wer keine Freude an der Überlieferung empfindet, sollte kein Buchgestalter sein.“ Noch immer schwärmt er für seinen Mentor, den Mainzer Professor für Typographie und Buchgestaltung Hans Peter Willberg, der mit seinen Studenten „geradezu sokratische Frage- und Antwortspiele“ veranstaltete: „Aufgrund einer gewissen begründeten Selbstherrlichkeit kann man eine wirklich ehrliche Bescheidenheit entwickeln.“ Und zitiert in diesem Zusammenhang Konfuzius: „Der Große wirkt aus der Ferne ehrfurchtgebietend und aus der Nähe freundlich.“

In bewährte Rechtschreibung verfaßt
Forssman liebt das Alte und findet es toll, in einem alten Haus zu leben: „Es muss knarzen.“ Das Neue lehnt er nicht grundsätzlich ab, „ich bin kein Nostalgiker“, der Computer zum Beispiel ist hochmodern, aber manchmal polemisiert er schon ganz gern. Die neuen Apartmenthäuser mit eigener Tiefgarage, die in Wilhelmshöhe an die Stelle abgerissener Kleinodien gebaut wurden, sind für ihn „sterbegerechte Investorenruinen“. Er betreibt eine Website (http://kassel-wilhelmshöhe.de) mit detaillierten Beschreibungen und vielen alten Fotos dessen, was war. Auf der eigenen Website (www.friedrichforssman.de) findet sich der Satz: „Sämtliche Bücher, an denen FF mitgeschrieben hat, sind in bewährter Rechtschreibung verfaßt und in keinem der stochastischen Verfallsstadien des Konformismus-Flächenversuchs mit dem irreführenden Namen ,Neue Rechtschreibung’.“ In der Zeitschrift buchreport hat er mit einer wüsten Polemik gegen das E-Book mit voller Absicht soeben eine Art kleinen Shitstorm losgetreten. Auf die Nachfrage, wie E-Books aussehen müssten, damit sie ihm gefielen: „Sie müssten auf Papier gedruckt und fadengeheftet werden.“ Um hinzuzufügen: „Klebegebundene, festeingebundene Bücher“ – also das, was unsereins so hauptsächlich in den Regalen stehen hat – „sind überaus ärgerlicher Talmi.“ Friedrich Forssman, kurz gesagt, bewegt sich auf einer geringfügig anderen Umlaufbahn als Sie oder ich.

Da überrascht es beinahe, dass er ein Auto besitzt. Was da für ein Wagen in der Garage überwintert, sollte eigentlich nicht mehr überraschen, aber es ist ein echter Hammer: Ein schwarzer Oldtimer, Citroen Traction Avant 11 CV, mal das modernste Auto der Welt, aber das war 1934. Diese Karosse hier ist Baujahr 1954, Vorderradantrieb, ideale Straßenlage, bekannt auch als Gangsterlimousine, sie soll wegen ihrer überdurchschnittlich guten Fahreigenschaften bei Verbrechern als Fluchtfahrzeug beliebt gewesen sein. Jedenfalls fährt das Ding immer noch (und erregt öfter Aufruhr), Forssman und Familie sind damit letztens bis ins Baltikum geschippert, auf den Spuren der Vorfahren. Und ein Nostalgiker ist er doch. Der Nachfahre des Traction Avant 11 CV, der Citroen DS, die berühmte Göttin, mein Lieblingsauto, ist ihm viel zu modern …

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