Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Vielfalt und Identitäten

21. Juli 2017 | Von | Kategorie: Stadt 

Interview zur Charta für Baukultur Kassel mit Stadtbaurat Christof Nolda
Beim Bauen ist nicht nur die Ähnlichkeit das Prinzip, sondern der Respekt für den Ort, sagt Christof Nolda. Vorhandene Bebauung dürfe man nicht infrage stellen, sondern müsse sie bewerten, bevor man eine neue Arbeit darin positioniert. „So ein Haus wie die GRIMMWELT hatten wir in Kassel noch nie und trotzdem passt es ins Bild“, unterstreicht der Baudezernent. Eine Basis für den Diskurs über die weitere bauliche Entwicklung der Stadt soll die neue Charta für Baukultur darstellen, die ehrenamtliche Akteure aus ganz unterschiedlichen Interessensbereichen auf Initiative des Stadtbaurats gemeinsam formuliert haben. Jérôme sprach mit Christof Nolda über das Dokument und die Hintergründe.

Foto: Mario ZgollJérôme: Was bedeutet eine gute Baukultur?

Christof Nolda: Die Stadt besteht aus Gebäuden, die unterschiedlichen Funktionen dienen. Wenn man sich zwischen ihnen bewegt, tritt man in Auseinandersetzung mit der Stadt, die einen umgibt. Man fühlt sich wohl oder nicht, lässt sich von den Gebäuden Geschichte(n) erzählen oder zum Nachdenken anregen. So ist die gebaute Stadt auch ein kulturelles Ereignis, das immer weiterentwickelt wird. Wenn neue Gebäude entstehen ist die Frage, was ist eigentlich der kulturelle Beitrag? Neues muss sich mit dem Umfeld auseinandersetzen und eine bestimmte Aussage haben. Rückschlüsse aus der bestehenden Bebauung zu ziehen und dann zu entscheiden, ob die neuen Bebauung gut ist, das ist der Prozess, der stattfindet und den eine gute Baukultur ausmacht. Daran beteiligt sind die Menschen, die bauen, aber genauso auch Leute, die das Gebaute wahrnehmen und in der Auseinandersetzung damit stehen.

Jérôme: Bauherren haben unterschiedliche Wünsche und Ansprüche an das, was sie bauen und vielleicht auch nach außen darstellen wollen. Wie kriegen Sie die Interessen unter einen Hut?

Nolda: Dafür ist der kommunikative Bereich wichtig. Kulturelle Themen kommen ohne Kommunikation nicht aus. Ich kann zum Beispiel ein Buch alleine lesen, das ist auch eine Art von Kommunikation, aber die ist einseitig. Sobald ich beginne, mich mit anderen über Bücher zu unterhalten, wird es ein kultureller Vorgang. Und deshalb muss man auch über Baukultur reden. Man darf sich nicht erst dann darüber aufregen, wenn ein Haus steht. Man muss sich bereits innerhalb des Prozesses damit auseinandersetzen. Und zwar auf unterschiedlichen Ebenen.

Jérôme: Warum ist die Charta für Baukultur für Kassel wichtig?

Nolda: Neue Häuser können als Bedrohung empfunden werden. Wir wissen aber, dass es gute Bebauung gibt, die für den jeweiligen Ort eine Bereicherung ist. Das Ziel unserer Charta ist es, zur Diskussion über Baukultur anzuregen und in diesem kulturellen Prozess auch Zielsetzungen, möglichst gemeinsam mit vielen Partnern, festzulegen.

Jérôme: Wie viel Individualismus lässt die Charta zu?

Nolda: Natürlich gibt es beim Bauen immer ein Interesse an Selbstdarstellung. Wenn ein Bauherr zum Beispiel eine Corporate Identity nach außen tragen will oder er einen bestimmten Geschmack hat, dann ist das ja das eine. Das Haus muss dem Bauherrn selber gefallen, sonst wird er es nicht bauen. Das zweite ist aber, wie es in den städtebaulichen Kontext passt. Wenn ein neues Haus eine besondere Größe hat oder eine besondere andere Situation als die Gebäude in der Nachbarschaft, muss es dafür ja einen Grund geben. Nachgewiesen werden muss dann, dass das im Respekt zur Nachbarschaft geschieht.

Jérôme: Wie sehr wirkt sich die Charta als Korsett aus?

Nolda: Die Charta ist eine Selbstverpflichtung zu gutem Planen und Bauen. Wenn ein Haus so dominant ist und die Struktur insgesamt so verändert, dass sie nicht mehr tragfähig ist, muss man sich darüber unterhalten, ob man das will. Die Charta ist kein Regelwerk, sondern ein Beispiel dafür, mit welchen Themen man sich auseinandersetzen muss. Erdgeschosszonen zum Beispiel sind Bereiche, in denen ein Gebäude von besonders vielen Menschen wahrgenommen wird. Da will man nicht nur geschlossene Mauern sehen oder Tiefgarageneinfahrten. Es geht um die Frage, mit welchem Respekt die Bauherren und Architekten durch gute Planung den Leuten begegnen, die an dem Haus vorbeigehen.

Jérôme: Schränkt die Charta Bauherren also in ihrer Gestaltungsfreiheit ein?

Nolda: Das Baurecht macht keine Vorschriften zur Ästhetik eines Gebäudes. Weder die Hessische Bauordnung noch das Bundesbaugesetz sagen etwas darüber. Ob er ein Gebäude schön findet oder nicht, kann letztlich nur jeder Einzelne für sich entscheiden. Wichtig ist: Ein Gebäude muss eine Geschichte erzählen. Bei Neubauten geht es erstmal darum, dass das Haus nicht nur dasteht, sondern auch einen Beitrag für die Umgebung leistet. Und darum dass man als Bauherr und Architekt weiß, dass man in der Verantwortung für das Gesamtbild steht, wenn man in die Stadt eingreift. Das ist nicht selbstverständlich. Die Charta soll deshalb eine Argumentationsreferenz liefern. Wir haben uns gemeinsam auf gewisse Kriterien geeinigt und wollen die künftig konsequenter beachten. Darauf kann man aufbauen.

Jérôme: Worüber wird in der Charta gesprochen?

Nolda: In der Charta sind die wichtigen Bereiche und Aufgaben der Stadt in ihrer Unterschiedlichkeit benannt. Es wird von Dorfkernen gesprochen, von Qualitäten in der Innenstadt, von Reminiszenzen an die barocke Stadt, vom besonderen Landschaftsbezug innerhalb der Stadt und auch darüber, dass in Kassel diese Bereiche, vor allem durch die Entwicklungen des letzten Jahrhunderts, auch immer mal abrupt enden und anders wieder ansetzen. All das ist in der Charta beschrieben. So ist Kassel in seiner baulichen Struktur aus ihr ablesbar und man gewinnt ein Bild von Kassel, an dem man weiterarbeiten kann.

Jérôme: Wie ist die Charta entstanden?

Nolda: Das Erarbeiten der Charta war ein gemeinschaftlicher Prozess über einen längeren Zeitraum, der dem kommunikativen Prozess der Baukultur insgesamt entspricht. Es waren insgesamt gut hundert Leute beteiligt, ein Kern aus rund 30 Ehrenamtlichen hat die Charta dann im Detail formuliert. Ganz unterschiedliche Interessengruppen haben gemeinsam hieran gearbeitet und wir hoffen jetzt, dass die Verantwortung der ganzen Stadtgesellschaft für die bauliche Weiterentwicklung Kassels erkannt wird. Das Engagement an dieser Stelle ist sehr groß und die Akteure sind sehr kompetent. Dafür möchte ich mich bei allen, die mitgearbeitet haben, ausdrücklich bedanken.

Jérôme: Welche Rolle spielt die Charta für die Bezahlbarkeit von Wohnraum?

Nolda: Grundsätzlich keine. Ein Haus, das eine Geschichte erzählt, muss nicht teurer sein als ein anderes. So wie bei einem Buch. Der Buchstabe kostet immer das gleiche, ob die Geschichte gut ist oder nicht.

Jérôme: Gibt es innerstädtische Bauprojekte, auf oder über die Sie sich besonders freuen?

Nolda: Es gibt eine Vielzahl von Investoren, die in Kassel derzeit Bauwerke errichten. Auch an Stellen, die städtebaulich wirksam sind. Ich freue mich, dass die Entwicklung auf dem ehemaligen Martini-Gelände von Planern betreut wird, die intensiv an der Erarbeitung der Charta beteiligt waren. Auch das documenta-Institut ist ein Projekt, das uns in den nächsten Jahren beschäftigen wird, ebenso wie das neue Fraunhofer-Institut am Kulturbahnhof. Ein besonderes Projekt ist auch das Hochhaus in der Westendstraße. Weitere gute Beispiele sind die Sanierungen von 50er-Jahre-Gebäuden am Ständeplatz und am Scheidemannplatz unter hoher Beachtung der historischen Grundaussage, auch die 50er-Jahre-Häuser am Graben gegenüber der Markthalle aus dem Bereich der Alltagsarchitektur fügen sich gut in den Kontext ein.

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