Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Zwischen den Staaten

10. Juli 2015 | Von | Kategorie: Stadt 

Seit 40 Jahren ist die Arbeitsgemeinschaft Kassel der Deutsch-Israelischen Gesellschaft aktiv
Die Wahlen in Israel wurden mit Spannung verfolgt, aber auch in Kassel stieg die Spannung, als die Deutsch-Israelische Gesellschaft ihren Vorstand neu wählte. Grund genug, uns mit dem ehemaligen und dem neuen Vorstandsvorsitzenden, Manfred Oelsen und Jürgen Menzel-Machemehl, zum Interview zu treffen.

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Im März 2015 hat Manfred Oelsen aus Altersgründen sein Amt an Jürgen Menzel-Machemehl (links) übergeben. Für ihn ist dieser der Garant für eine Fortsetzung der erfolgreichen Arbeit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Kassel. Foto: Mario Zgoll

Jérôme: Herr Oelsen, über 20 Jahre engagieren Sie sich für die DIG und mehr als 13 Jahre fungierten Sie als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Kassel. Warum haben Sie sich in diesem Jahr nicht wieder zur Wahl gestellt?

Manfred Oelsen: In meiner Abschiedsrede anlässlich des Neujahrsempfangs der DIG im Januar 2015 habe ich Mahatma Gandhi zitiert: „Wenn du etwas zwei Jahre lang gemacht hast, betrachte es sorgfältig, wenn du es fünf Jahre lang gemacht hast, betrachte es misstrauisch, wenn du es zehn Jahre lang gemacht hast, mache es anders!“ So betrachtet hatte ich meine „Amtszeit“ mehr als drei Jahre überzogen. Im Ernst: Ich habe mein Amt aus Altersgründen an Jürgen Menzel-Machemehl übergeben. Er ist für mich der Garant, dass sich die erfolgreiche Arbeit in unserer Arbeitsgemeinschaft nahtlos fortsetzt.

Jérôme: Herr Menzel-Machemehl, wir gratulieren Ihnen herzlich zur Wahl des neuen Vorsitzenden. Was bedeutet Ihnen dieses Ehrenamt? Was sind die Aufgaben der DIG der Arbeitsgemeinschaft Kassel?

Jürgen Menzel-Machemehl: Viel Vertrauen in meine Person, eine gut etablierte AG zu übernehmen und so weiterzuentwickeln und zu formen, dass wir den Generationswechsel bestehen. Grundsätzlich: das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel positiv zu gestalten und den Menschen zu zeigen, dass es nicht nur der jüdische Staat ist, sondern ein faszinierendes Land, das viele Facetten von Historie, Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Tourismus bietet mit lebensfrohen Menschen aus der ganzen Welt.

Jérôme: Herr Menzel-Machemehl, Sie waren im März auf Reisen in Israel. Wie haben Sie die Stimmung empfunden?

Menzel-Machemehl: Die Stimmung ist sehr entspannt, lebensbejahend. Und da ich das immer wieder gefragt werde: es ist wahrscheinlicher, auf der Wilhelmshöher Allee in einen Verkehrsunfall zu geraten als in Israel in eine wie auch immer geartete lebensbedrohliche Situation. Oder um es noch bildhafter zu gestalten: Ich gehe in Jerusalem immer nachts an die Westmauer, da man diesen besonderen Ort bei Nacht am intensivsten spürt. Dazu muss man durch die fast menschenleere Altstadt. Ich hab da noch nie ein ungutes Gefühl verspürt, wie ich es hätte, wenn ich nachts alleine durch die Aue müsste.

Jérôme: In einem Interview mit dem Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe, war kürzlich zu lesen, dass mehr als 70 Prozent aller Israelis ein positives Bild von Deutschland hätten. Was empfinden Sie bei einer solchen Aussage?

Menzel-Machemehl: Deutschland ist für viele junge Israelis ein modernes Land mit einer hohen Lebensqualität. Nicht umsonst hat Berlin eine der größten israelischen Communities der Welt. Ich empfinde es als Ansporn, auch weiterhin das Bild Deutschlands im positiven Sinne in Israel zu stärken. Aber jede Medaille hat zwei Seiten: die andere Seite ist der wachsende Antisemitismus in Deutschland, teilweise verpackt in Israelkritik, aber auch ganz offen, wie wir es letzten Sommer auch in Kassel erlebten. Hier sind wir gefragt: immer wieder den Finger in die Wunde legen und letztendlich durch persönliche Kontakte die durch Unwissenheit entstehende Distanz zu einer wissenden freundschaftlichen Beziehung umzukehren.

Oelsen: Die von Herrn Robbe genannten 70 Prozent decken sich absolut mit meinen Beobachtungen. Es ist kaum zu verstehen, dass nach all dem, was in der Vergangenheit geschehen ist, die große Mehrheit der Israelis so viel Sympathie für uns empfinden und das große Prozentzahlen Deutscher erhebliche Vorbehalte gegenüber Israelis haben. Es wird eine sehr wichtige Aufgabe der DIG in Zunkunft sein, das Bild Israels hier bei uns zu korrigieren und zu verbessern.

Jérôme: Herr Oelsen, ein Jahr der Jubiläen – im Jahr 1975 wurde die Arbeitsgemeinschaft Kassel ins Leben gerufen und feiert 2015 ihr 40-jähriges Bestehen. Die Bundesrepublik Deutschland und der Staat Israel nahmen ihre offiziellen diplomatischen Beziehungen vor 50 Jahren auf. Was bedeutet Ihnen persönlich diese Jubiläen?

Oelsen: Ein Jubiläum vergessen Sie – wir feiern in diesem Jahr auch 25 Jahre Städtepartnerschaft Kassel und Ramat Gan. Alle drei Jubiläen bedeuten mir sehr viel. Die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel vor nunmehr 50 Jahren war die Grundvoraussetzung für langsam aber stetig wachsende freundschaftliche Kontakte zwischen den Menschen beider Staaten. Das 40-jährige Jubiläum unserer DIG in Kassel erfüllt mich mit Stolz. Unsere Arbeitsgemeinschaft ist in dieser Zeit ständig gewachsen. Sie liegt heute mit über 160 Mitgliedern an siebter Stelle aller 50 Arbeitsgemeinschaften in Deutschland.

Jérôme: Ein Ausblick in die Zukunft, Herr Menzel-Machemehl: Welche Aufgaben werden zukünftig in den Fokus rücken?

Menzel-Machemehl: Ich sehe drei Säulen – erstens die erfolgreiche Arbeit unserer AG weiter zu führen. Zweitens, und das ist die größte Herausforderung, die Vereinsarbeit auch für junge Menschen interessant zu machen und Veranstaltungsformate zu entwickeln, die die Zielgruppe unter 40 ansprechen. Dabei hat der Jugendaustausch eine Schlüsselrolle. Und drittens, die Deutsch-Israelische Gesellschaft als Servicepartner zu entwickeln. Wir wollen Ansprechpartner für alle Themen rund um Israel sein und gewünschte Kontakte herstellen.

Über die DIG Kassel
Die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) Kassel fördert und gestaltet seit ihrer Gründung im Jahr 1975 den deutsch-israelischen und den deutsch-jüdischen Dialog. Sie pflegt und festigt die inzwischen entstandenen engen Bindungen zu früheren jüdischen Mitbürgern, die heute in Israel oder anderen Teilen der Welt leben. Die DIG Kassel veranstaltet Vortrags- und Diskussionsabende mit politischen, historischen und kulturellen Themen. Darüber hinaus organisiert die DIG Städtereisen, Fahrten in andere Länder, zu Gedenkstätten und Ausstellungen. Ein besonderer Fokus liegt auf der Jugendarbeit und dem -austausch: Im Jahr 2015 sind Schülerinnen und Schüler des Albert-Schweitzer-Gymnasiums und der Elisabeth-Knipping-Schule nach Israel geflogen – aber Kooperationen mit weiteren Schulen sollen folgen. Die Arbeitsgemeinschaft Kassel hat aktuell über 160 Mitglieder. www.digkassel.de

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