Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



CCA-Zwischenbilanz: Matthias Jahnke im Interview

30. August 2012 | Von | Kategorie: Wirtschaft 
Dr. Matthias Jahnke ist Projektkoordinator des Competence Center Aerospace (CCA). Foto: Mario Zgoll

Dr. Matthias Jahnke ist Projektkoordinator des Competence Center Aerospace (CCA). Foto: Mario Zgoll

Zwischenbilanz Jérôme: Die Förderung des Competence Center Aerospace endet zunächst 2014. Wir haben jetzt praktisch Halbzeit. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Dr. Matthias Jahnke: Bis zum Januar 2014 ist der Förderbescheid datiert, dann enden die ersten drei Jahre. Es gilt bereits als sicher, dass wir einen weiteren Dreijahreszeitraum, von Februar 2014 bis Januar 2017, beantragen. Die Erfolgschancen des Antrags steigen und fallen mit der Performance unseres Netzwerks. In unseren Tätigkeitsfeldern Vermarktung, Vernetzung und Innovation werden wir belegen müssen, aber auch belegen können, dass wir erfolgreich vielfältige Aktivitäten angeschoben haben. Über das CCA-Netzwerk gelingt es uns, wichtige Impulse für die Vernetzung der nordhessischen Luftfahrtunternehmen und ihrer Produktportfolios in die deutsche und europäische Luftfahrtindustrie zu setzen. Wir haben auch Innovationsakzente gesetzt und sind dabei, gemeinsame Technologieprojekte zwischen mittelständischen Unternehmen und Universitäten anzustoßen. Unser Wirken hat dabei durchaus branchenübergreifenden Charakter, denn die CCA-Kompetenzen sind auch für andere High-Tech-Branchen wie Automotive, Railway und Maritime nutzbar.

Jérôme: Gefördert werden Sie von der Europäischen Union und vom Hessischen Wirtschaftsministerium. Wem gegenüber müssen Sie Belege Ihres Erfolges erbringen?

Jahnke: Dem Hessischen Wirtschaftsministerium, beziehungsweise der vom Wirtschaftsministerium beauftragten Hessen Agentur, zu der wir eine konstruktive Arbeitsbeziehung pflegen.Von dort gibt es Signale großer Zufriedenheit und Freude über das, was uns in den 1,5 Jahren, die es das CCA gibt, gelungen ist. Als Zwischenzeugnis mussten wir einen sogenannten Quick-Check durchlaufen und haben mit einer Eins minus abgeschnitten. In der Schule war ich schlechter. Das heißt, wir sehen den Anforderungen an uns gelassen entgegen, aber auch mit einem gewissen sportlichen Ehrgeiz, uns in den nächsten anderthalb Jahren weiter zu verbessern.

Jérôme: Neben HMWVL und Hessen Agentur müssen ja auch die Mitglieder zufrieden sein.

Jahnke: Absolut. Die gerade erwähnten Feedbacks aus der Landeshauptstadt sind natürlich wichtig. Aber am wichtigsten sind uns die Zufriedenheit und der Erfolg der CCA-Mitglieder selbst. Bei dem Aktionsprogramm, das wir zur Zeit fahren und das wir fortsetzen werden, scheinen viele Firmen gewisse Mehrwerte zu erkennen. Nur so erklären wir uns die Bereitschaft unserer Mitglieder zu jährlichen Beitragszahlungen in nicht unerheblicher Höhe, die wir zur Darstellung der regionalen Ko-Finanzierung erheben müssen. Zwischen 1.500 Euro für KMUs und bis zu 6.000 Euro für größere Unternehmen. Das ist schon ganz beachtlich und so in Hessen auch nicht ohne Weiteres wiederzufinden. Allerdings sind und bleiben wir ein von öffentlicher Hand gefördertes non-profit-Projekt, wir arbeiten kostenneutral und erwirtschaften keine Überschüsse.

Jérôme: Wie setzt sich Ihr Budget zusammen?

Jahnke: Das Gesamtprojektbudget des CCA liegt bei 420.000 Euro für die erste Dreijahresphase. Wir kosten Land und EU in dieser Zeit 210.000 Euro. Damit sind wir ein vergleichsweise gering ausgestattetes Netzwerk. Die übrigen 210.000 Euro müssen wir von Beginn an über regionale Ko-Finanzierungsmittel selbst organisieren: durch Mitgliedsbeiträge und Support unserer institutionellen Partner.

Jérôme: Wo sind Sie in der bisherigen Zeit des CCA-Bestehens besonders gut vorangekommen?

Jahnke: Im Bereich der regionalen und überregionalen Vernetzung, was natürlich die originäre Aufgabe eines Netzwerks ist – aber das ist auch leichter gesagt und geschrieben als getan. Wenn man sieht, dass wir inzwischen Mitglieder aus ganz Deutschland haben, zeigt das doch, dass es uns gelungen ist, auch außerhalb der Region auf uns aufmerksam zu machen und für Interesse an unserem Kompetenz- und Themenfundament zu sorgen. Mir wurde gesagt, damit seien wir auch Vorreiter und Vorbild für andere Netzwerke. Es gibt ja einige deutsche Luftfahrtnetzwerke, aber uns ist nicht bekannt, das im bayerischen Netzwerk ein Hamburger mitarbeitet. Für uns war es von Anfang an selbstverständlich, über regionale Grenzen hinaus zu agieren. Thematisch-inhaltliche Schnittmengen und Grenzen sind für uns relevanter.

Jérôme: Was hat sich im Bereich Vermarktung getan?

Jahnke: Hier nutzen wir seit diesem Jahr das Ins-trument der CCA-Geschäftsreisen, die wir unseren Mitgliedern zu ausgewählten Luftverkehrs- und Luftfahrtindustriestandorten anbieten. In der Regel sind sie der Auftakt zu einem intensiven Fachaustausch der Mitglieder untereinander, aber vor allem mit den namhaften Gastgebern wie Fraport, Airbus Operations oder Eurocopter Deutschland, die wir im Zuge der Geschäftsreisen besuchen. Es ist bisher jedes Mal gelungen, ein Follow-up zu erwirken. Dass man ins Gespräch findet und im Gespräch bleibt.

Jérôme: Sind schon konkrete Geschäftsbeziehungen entstanden?

Jahnke: Wir sind dabei. Zur Nachbereitung der Termine fertigen wir einen maßgeschneiderten Reader an, in dem sich die CCA-Mitglieder kompakt und präzise darstellen, die beim jeweiligen Termin dabei waren. Es wird dabei noch mal formuliert, was die Kompetenzen der Akteure zum Beispiel mit Blick auf Airporttechnologien sind und wie sinnvolle Innovationsthemen aussehen können. Das ist ein sehr individuelles und anspruchsvolles Vorgehen, aber aus unserer Sicht auch der einzige Weg, nachhaltig Zugang in diese Häuser zu finden. Diese Prozesse sind aber einem 10.000-Meter-Lauf ähnlicher als einem 200-Meter-Sprint.

Jérôme: Wo laufen schon Gespräche über eine mögliche Zusammenarbeit?

Jahnke: Die Firma Polyma Energiesysteme ist nach unserem April-Termin bei der Fraport AG dabei, ein neues Technologiethema zu platzieren. Ausgangspunkt dafür war auch unsere CCA-Aktivität dort. Bei Esterer und Hübner erarbeiten wir ebenfalls ein Follow-up. Die drei reden jetzt noch intensiver mit der Fraport AG, als sie das vorher getan haben. Generell: Über das CCA gelingt es, zusätzliche und weiterführende Gesprächspartner direkt vor Ort kennenzulernen. Bei Eurocopter bin ich ebenfalls zuversichtlich, dass sich aus unserem Besuch in Donauwörth weitere Dinge ergeben. Den dortigen Vice President Maintenance, Repair & Overhaul der Eurocopter Deutschland GmbH haben wir als sehr verbindlich und aufgeschlossen erlebt. Auch er hat inzwischen einen für Eurocopter maßgeschneiderten CCA-Reader vorliegen und wird dafür sorgen, dass unsere Themen in die richtigen Hände kommen. Ich habe da ein sehr gutes Gefühl.

Jérôme: Man kann also festhalten, dass man als CCA-Mitglied in Kontakt mit Experten und Entscheidungsträgern kommt, zu denen man als einzelnes Unternehmen nicht ohne Weiteres Verbindung herstellen kann?

Jahnke: Ja. Sicher haben wir als Netzwerk bessere Möglichkeiten, an die Unternehmen und Ansprechpartner heranzutreten. Damit im Anschluss aber auch etwas Zählbares daraus wird, ist eine vernünftige Nachbereitung jedes Reisetermins ganz entscheidend. Wir kommen mit den großen Playern nicht sofort ins große Geschäft, aber man ist im Gespräch und zeigt, dass man etwas drauf hat. Idealerweise werden einige unserer Firmen peu à peu angefragt, eingebunden und bekommen erste Teilaufgaben.

Jérôme: Sind die Mitglieder, die Sie bundesweit haben, auch zahlende Mitglieder?

Jahnke: Es gibt bei uns keine Trittbrettfahrer. Interessierte Firmen bekommen ein zeitlich befristetes „Probe-Abo“, danach wird gemeinsam über die Mitgliedschaft entschieden. Alle unsere bundesweiten Mitglieder zahlen ihren Beitrag und sehen das gerechtfertigt durch das Einbinden in die Geschäftsreisen oder die Teilnahme an unseren CCA-Fachveranstaltungen, zu denen wir kürzlich wieder namhafte Referenten aus der Luftfahrtindustrie nach Kassel geladen hatten. Das ist ein Stück weit unser Qualitätsmerkmal geworden.

Jérôme: Hängt das bundesweite Interesse am CCA auch damit zusammen, dass sich diese Unternehmen vom Standort Kassel viel erhoffen?

Jahnke: Das ist weniger die Ursache als die Folge dieser Kontakte. Die kommen nicht in erster Linie ins CCA, weil sie sagen, Kassel ist eine interessante Region. Vielmehr lernen sie über gemeinsame Aktivitäten mit Start und Ausgangspunkt in Kassel sowie durch die großen Fachveranstaltungen die Region, den Flughafen und die Unternehmensstrukturen kennen – das ist aus meiner Sicht auch ein guter erster Schritt, das Interesse an einer Region zu entwickeln.

Jérôme: Und die sehen auch, dass hier ein attraktiver neuer Flughafen entsteht.

Jahnke: So ist es. Und unser Ziel ist die Etablierung eines qualitativen luftfahrttechnischen Merkmals, eines CCA-Innovationszentrums am Flughafen oder in dessen unmittelbarer Nähe. In die Region, aber auch weit überregional ausstrahlend. Damit bereiten wir, wenn Sie so wollen, die Großen der Branche darauf vor, dass Kassel nach vorne will. Das gelingt uns bereits Heute mit unserem CCA-Sommerfest. Es ist schon beachtlich, wo unsere Gäste überall herkommen: vom Bodensee, aus Hamburg, aus Bremen, aus Hannover, aus dem Ruhrgebiet oder aus Berlin. Niemand wird bestreiten, dass das auch positive Standortmarketingeffekte hat. Das bringt die Region, wieder, muss man ja sagen, auf den Radarschirm dieser Branche.

Jérôme: Sie haben von Anfang an gesagt, das Netzwerk soll quantitativ wachsen, aber nur, wenn es qualitativ auch stimmt. Wie hat sich die Mitgliederzahl entwickelt?

Jahnke: Wir sind Ende 2010 mit knapp 30 Akteuren gestartet. Im Jahr 2011 sind wir auf fast 40 gewachsen und 2012 haben wir einen weiteren Zuwachs auf nunmehr 45 Akteure zu verzeichnen. Ziel ist, bis zum Jahresende in Richtung 50 zu gehen. Aber das nicht auf Kosten der Qualität im Netzwerk, sondern mit weiterem Kompetenzzuwachs für unser CCA.

Jérôme: Hatten Sie auch Austritte?

Jahnke: Nein, kein zahlendes Mitglied ist ausgestiegen. Ich vermute, das liegt auch daran, dass die Mitgliedschaft unbürokratisch und flexibel geregelt ist. Man unterschreibt keinen Langfristkontrakt, sondern erklärt eine Mitgliedschaft, die zum Ende jeden Jahres gekündigt werden kann. Ein anderes Modell hielte ich auch nicht für seriös. Wenn jemand im zweiten Jahr seiner Mitgliedschaft den Eindruck hat, dass ihm das CCA nichts bringt und dann noch drei Jahre weiterbezahlen müsste, ist das schlecht fürs Image und aus meiner Sicht auch unfair.

Jérôme: Die Luftfahrtbranche ist eine große Familie, heißt es. Geschäfte werden dort unter Menschen gemacht.

Jahnke: Gerade im Vergleich zu anderen Hochtechnologiebranchen ist es ein sehr kollegiales Miteinander. Davon profitieren wir, wenn wir als Newcomer-Netzwerk zu den großen Industrieplayern kommen. Wir profitieren von dieser Kollegialität – familiär möchte ich es nicht nennen, da versteht jeder etwas anderes drunter. Auf dieses Klima, von dem wir draußen profitieren, legen wir auch intern großen Wert: unsere kollegiale und partnerschaftliche Zusammenarbeit innerhalb des Netzwerks ist ein hohes Gut, das vor allem kompetenz- und weniger dollarbasiert ist.

Jérôme: Es geht um Verlässlichkeit und Vertrauen. Sowas wächst nicht von heute auf morgen.

Jahnke: Die Geschäftsbeziehungen innerhalb dieser Branche sind langfristig angelegt. Ich glaube, das CCA trägt seit Beginn mit seinem Stil, wie es auftritt, maßgeblich dazu bei, das dafür solide Fundamente gelegt werden. Denn wir empfehlen uns als verlässliche, kompetente und sympathische Partner. Das ist der erste Schritt, dem in der Regel ein zweiter folgt, in dem es dann um gemeinsame Technologiethemen und Marktchancen und schließlich um Geschäfte geht. So dauert es vielleicht etwas länger, hält aber auch länger. Technologisch muss man natürlich immer à jour sein.

Jérôme: Wie wird es mit den CCA-Geschäftsreisen weitergehen?

Jahnke: Im September sind wir zu Gast bei der Premium Aerotec GmbH in Varel/Friesland. Deren Schwerpunkte liegen unter anderem in den Bereichen spanabhebende Bearbeitung von Flugzeugteilen, Entwicklung und Konstruktion von Fertigungsmitteln sowie in der Montage der Titan-Türrahmen des neuen A350 XWB. Im November reisen wir zu dem Luftfahrzeugausrüster Diehl Aircabin nach Laupheim. Ein weiterer Höhepunkt in 2012 ist die Delegationsreise Luftfahrttechnik/Gebäudetechnik, die uns über das „Netzwerk-Hessen-China“ Ende Oktober nach China führen wird. Unser 2013er Programm wird dem in nichts nachstehen: Lufthansa Technik, Airbus, Paris Air Show in Le Bourget und anderes mehr. Lassen Sie sich überraschen …

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