Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben

Denn er liebte seine Stadt – Mit Wilfried Gerke verliert Kassel eine große Persönlichkeit

29. September 2009 | Von | Kategorie: Wirtschaft 

Wilfried_GerkeEnde Juli starb Wilfried Gerke. Mit ihm verlor Kassel einen seiner engagiertesten Söhne. Der 68-Jährige hinterlässt eine große Lücke – und das in vielfältiger Hinsicht.

Eigener Weg und Stil
„Ich freue mich, dass mein Sohn Thilko in meine Fußstapfen tritt. Wenn ich viele meiner früheren Kommilitonen und langjährigen Ex-Kollegen unter den Bauunternehmern sehe, dann wird mir deutlich, dass das alles andere als selbstverständlich ist.“ Während er selbst die Dinge stärker an sich gezogen habe, sei sein Sohn eher der Teamspieler und nutze so seine Stärken. Wichtig sei, „seinen eigenen Weg und Stil zu finden!“

Das Lob stammt aus berufenem Mund. Aus Wilfried Gerkes Mund. Eine Woche vor seinem Tod äußerte sich der Unternehmer im Interview mit Jérôme. Gewohnt engagiert, temperamentvoll und schnörkellos nahm er Stellung – und blickte zufrieden auf den gelungenen Übergang zurück, der sich im Bauunternehmen Rennert im vergangenen Jahrzehnt vollzogen und die fünfte Generation der Familie ans Ruder gebracht hat.

Die Wurzeln der Firma Rennert
Die Ursprünge gehen zurück bis ins Jahr 1841. Damals stellte das Kurfürstliche Oberzunftamt zu Cassel Steinhauer Wilhelm Rennert dessen Lehrbrief aus. Fortan war der junge Mann beim damaligen Landgrafen im Dorf Wahlershausen tätig. Sohn Georg Rennert machte sich 1889 selbständig und führte als Maurermeister sein Baugeschäft. Er starb früh, so dass Ludwig Rennert als 22-Jähriger die Firma übernahm. Es folgte Bau-Ingenieur Albert Gerke, gebürtiger Bremer und gelernter Hoch- sowie Tiefbauer.

Nach dem Krieg engagierte sich das Haus tatkräftig beim Wiederaufbau. Der Bauboom setzte ungeahnte Kräfte frei. 1954 wurde der erste Kran angeschafft, rasch wuchs die prosperierende Firma auf über 50 Mitarbeiter.

Gerkes Einstieg
Wilfried Gerke absolvierte seine Lehre und ging anschließend zum Studium nach Hannover, bevor er 1967 in die Firma eintrat. In jenen Wirtschaftswunderzeiten legten Bauunternehmen in der Region wie Zahn, Mees und Momberg rasante Wachstumsraten hin und beschäftigten über 200 Belegschaftsmitglieder. Von den zahlreichen damaligen Sternen sind viele am Konjunkturhimmel verglüht mit Emmeluth, Richter, Hermanns, Müller, Fehr und Rennert nur wenige übrig geblieben.

Die Wahlershäuser setzten bauliche Akzente in der Documenta-Stadt. So profilierten sie sich etwa mit dem umfangreichen Commerzbank-Projekt am Kasseler Königsplatz. Aber auch bei Voepel, H+M oder Heinsius+Sander gaben sie tatkräftig ihre Visitenkarte ab.

Harmonischer Wechsel
Der Generationswechsel mit seinem Sohn Thilko vollzog sich harmonisch. Zu tun hatte das nicht zuletzt mit den Beobachtungen, die Wilfried Gerke bei seinem Großvater und Vater gemacht hatte, „als häufig die Fetzen flogen“, wie der 68-Jährige im genannten Interview offen einräumte.

Die 30 Jahre Altersunterschied zwischen Vater und Sohn fielen kaum ins Gewicht. Während anfangs dieser Phase jeder der beiden seine Baustellen betreute, kam es dann zum gleitenden Übergang. Nach und nach übernahm Thilko Gerke mehr Verantwortung. Auf die operativen Aufgaben am Bau folgten Fragen zum Personal, danach zu den Finanzen.

Durchaus impulsiv
Der Vater: „Das war toll. Ich habe weniger gearbeitet, aber mein Rat war trotzdem noch gefragt.“ Bei ihren Besprechungen erreichten beide, punktuell unterschiedlichen Auffassungen zum Trotz, meist gemeinsam eine Lösung. Wilfried Gerke selbstkritisch: „Ich bin selbst ein wenig überrascht, wie gut das funktioniert hat, da ich ja durchaus als impulsiver Typ bekannt bin.“

Nun muss Thilko Gerke das traditionsreiche Schiff allein steuern – in fünfter Generation. Dabei werden neben den fachlichen, kreativen und diplomatischen, vor allem die Führungsfähigkeiten des 39-Jährigen gefragt sein.

Engagierte Persönlichkeit
Wilfried Gerke hinterlässt eine große Lücke – und das längst nicht nur als Unternehmer. Der ehemalige Schüler des Wilhelmsgymnasiums engagierte sich intensiv in der Politik der Documenta-Stadt. So war er 16 Jahre als Stadtverordneter für die FDP aktiv. Sein besonderes Interesse galt den Bereichen Kultur und Architektur.

Als umsichtiges Vorstandsmitglied stand er dem Kunstverein mit Rat und Tat zur Seite, unterstützte zahlreiche Kunstprojekte, brachte sein umfangreiches Know-how in der Fördergesellschaft des Staatstheaters ein und setzte im Wirtschaftskollegium Kassel Akzente, wo er weit über zwei Dekaden aktiv war. Neben allen diesen Seiten überzeugte Wilfried Gerke vor allem als Mensch, Ehemann, Vater, Großvater und Freund mit Herz, Verstand und Humor. Und als leidenschaftlicher Kartenspieler, hätte er vermutlich hinzugefügt…

Mit ihm verliert Kassel einen seiner glühendsten Verfechter. Denn Gerke liebte Kassel. Es war SEINE Stadt.


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