Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Kassel Airport feiert seinen zweiten Geburtstag

7. Mai 2015 | Von | Kategorie: Wirtschaft 

Der Patient erholt sich zusehends

Zwei Jahre ist der Kassel Airport jetzt alt. Am 4. April 2013 wurde er eröffnet. Für Flughafen-Chef Ralf Schustereder ist er damit jung. Zu jung, um bereits jetzt mit anderen Flughäfen verglichen zu werden, findet Schustereder. Am meisten ärgert ihn die Frage nach dem Zeitpunkt des ersten Gewinnes. „Die Frage funktioniert deshalb nicht, weil die herangezogenen Vergleichsflughäfen bereits seit zehn oder mehr Jahren am Markt sind.“ Außerdem müsse man wissen, womit ein Flughafen sein Geld verdiene. Und da seien keineswegs die Urlaubsflieger an erster Stelle.

Foto: Wirtschaftsförderung Region Kassel

Foto: Wirtschaftsförderung Region Kassel

Frankfurt sei ein gutes Beispiel, um dies aufzuzeigen, sagt der Kasseler Flughafenchef. „Rhein-Main ist ein Einkaufszentrum mit angegliederter Runway. Dort hat man einen Marktplatz mit 59 Millionen Passagieren geschaffen.“ Um zu verstehen, was Schustereder meint, muss man wissen, was sich hinter den Begriffen Aviation und Non Aviation verbirgt. Rund die Hälfte ihrer Umsätze machen die europäischen Flughafenbetreiber durchschnittlich mit dem Non-Aviation-Bereich. Dazu zählen die Vermietung von Parkraum, Einnahmen aus Mieten und Konzessionen, die Gastronomie und der Einzelhandel sowie die äußerst lukrative Vermarktung von Werbeflächen.

Neue Geschäftsfelder
Wie man im Non-Aviation-Bereich dazu noch weitere Geschäftskonzepte entwickeln kann, das machte der Hamburg Airport vor. Durch die Nutzung als Veranstaltungs- und Eventlocation beispielsweise. Als Kulisse für Fotoshootings, aber auch zum Filmdreh wurde Hamburg genutzt, für Großveranstaltungen wurden Hallen von bedeutenden Unternehmen angemietet. Eine denkbare Variante auch für den Kassel Airport, zumal ausreichender und kostenloser Parkraum sowie gute An- und Abfahrtsmöglichkeiten zur Verfügung steht. Umsatzsteigerungen könnten im Tagungs- und Meeting-Bereich sowie in Gastronomie und Einzelhandel erreicht werden. Da aber sieht Schustereder Einschränkungen. „Mit dem Terminal hat man nicht das ausbaufähige Optimum geschaffen, falls wir größer werden sollten.“

Aviation ist eigentlich der englische Begriff für Luftfahrt. Ist vom Aviation-Bereich die Rede, dann sind sowohl der Transport von Passagieren als auch die Beförderung von Fracht gemeint. „Die Business Aviation wächst weltweit jährlich um sieben bis zehn Prozent“, sagt Ralf Schustereder, „in Kassel verzeichnen wir am Airport einen Aufwärtstrend mit Steigerungen von 40 Prozent. Dieses Segment werden wir weiter aus- und aufbauen.“

Immer mehr Ansiedlungen
Gesamtwirtschaftlich ist der Kassel Airport ohnehin auf einem guten Weg. „Die Entwicklung im Umfeld des Flughafens könnte sich in den kommenden Jahren deutlich beschleunigen“, sagt Kai Lorenz Wittrock, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Kassel. Mittlerweile hätten die im Gewerbegebiet angesiedelten Unternehmen mehr als 850 Mitarbeiter, Tendenz steigend. Die Umwandlung des alten Flughafens in ein weiteres Gewerbeareal laufe bereits. „Wir bekommen regelmäßig neue Anfragen, was das neue Industriegebiet angeht“, sagt Wittrock. Sowohl am alten als auch am neuen Standort siedelten sich zunehmend luftfahrtaffine Unternehmen an. „Dieser Flughafenstandort ist dadurch mehr und mehr attraktiv für weitere Branchen.“

Alte und neue Flugziele
Zu den bestehenden Verbindungen nach Antalya, Mallorca und Split kommen nun regelmäßig Tunesien, Heraklion und Fuerteventura hinzu. Sonderreisen nach Jersey, Malaga und Palermo sind in Planung, ab dem Winter 2015/2016 stehen auch Teneriffa, Gran Canaria und Hurghada auf dem Plan.

Aktuelle Fakten zum Kassel Airport

Zahl der Flugbewegungen stieg um 15,4 Prozent
Flugbewegungen 2013: 22.891. Im Jahr 2014: 26.419. Steigerung: 15,4 Prozent. Entspricht durchschnittlich 72 Starts und Landungen an jedem Tag des Jahres 2014. Darunter waren Test und Werkstattflüge der Luftfahrtindustrie am Standort, Freizeit-, Privat-, Geschäfts und Ferienflüge.

Die Passagierzahlen des Vorjahres sind im Vergleich zu 2013 gestiegen, wenn auch langsam. Foto: Kassel Airport

Die Passagierzahlen des Vorjahres sind im Vergleich zu 2013 gestiegen, wenn auch langsam. Foto: Kassel Airport

Zahl der Passagiere nahm um 1,1 Prozent zu
Passagiere 2013: 46.557. Passagiere 2014: 47.088. Steigerung: 1,1 Prozent. Prognose für 2015: 67.830.

Flugbetrieb lief 2014 zuverlässig
Durchführungsquote 2013: 60 bis 70 Prozent. 2014: 92,2 Prozent.

Mehr Ferienziele und Ferienflüge
2013: drei regelmäßige Ziele (ohne Sonderreisen): Mallorca, Antalya, Heraklion. 2014: sechs regelmäßige Ziele (ohne Sonderreisen): Heraklion (Kreta), Mallorca, Antalya (Türkei), Hurghada (Ägypten), Fuerteventura und als Herbstferienziel Enfidha (Tunesien).

Germania als zuverlässiger Partner
Die Germania-Flüge waren von Mai bis Dezember 2014 zu 71,5 Prozent ausgelastet. Auch 2015 startet gut: die ersten Flüge nach Hurghada waren nahezu ausgebucht, bis Ende April haben derzeit mehr als 600 Urlauber die Folgeflüge gebucht. Auch Antalya und Mallorca laufen gut. Winterflugplan: Angeflogen werden 2015/16 Hurghada sowie Las Palmas auf Gran Canaria und Teneriffa.

Business Aviation wächst um fast 40 Prozent
Flugbewegungen im Geschäftsreiseverkehr 2013: 1.146. 2014: 1.602. Steigerung: 39,8 Prozent. Zahl der am Airport stationierten Privatflugzeuge für Freizeit und Geschäftsverkehr: 100.

Unternehmen im Aviation Industry Park expandieren
20 Unternehmen mit rund 850 Arbeitsplätzen in Branchen mit vielfach überdurchschnittlicher Wertschöpfung und Bezahlung sind angesiedelt. Gewerbefläche: 70 Hektar Gewerbefläche, nahezu komplett verpachtet. Erste Neuansiedlungen gab es bereits, weitere sind in Planung.

Beispiele: Helitec, ein Wartungsunternehmen für Helikopter, baut neue Hallen und Bürogebäude bis zum Herbst, hat Option für weitere Investitionen. Piper AG erweitert ihre Europazentrale am Kassel Airport, schafft auf 1.000 Quadratmetern Erweiterungsmöglichkeiten sowie Lagerfläche für Flugzeuge und Ersatzteile. Piper will Funktionen aus dem Ausland nach Kassel verlagern und die Zahl der Mitarbeiter aufstocken.

Zum Thema Linienanbindung und Zielerweiterung sprachen wir mit Ralf Schustereder

Ralf Schustereder ist seit April 2014 Chef des Kassel Airport. Er bringt nationale und internationale Erfahrung mit und will Kassel ans Liniennetz anbinden. Foto: Mario Zgoll

Ralf Schustereder ist seit April 2014 Chef des Kassel Airport. Er bringt nationale und internationale Erfahrung mit und will Kassel ans Liniennetz anbinden. Foto: Mario Zgoll

Jérôme: Immer wieder ist von Linienflügen die Rede. Kommen die?

Ralf Schustereder: Wir brauchen unbedingt eine Linienanbindung. Erst mit einer solchen qualifiziert man sich als Regional-Flughafen.

Jérôme: Die Turkish Airlines geistert immer wieder als interessanter Partner durch die Medien.

Schustereder: Das stimmt. Die Turkish Airlines interessiert sich für den Markt, will da unbedingt rein. Die Gespräche mit dem Unternehmen laufen seit mittlerweile zwei Jahren und sind inzwischen sehr intensiv. Die kaufmännische Seite ist abgeschlossen, jetzt muss die Turkish Airlines bewerten, ob sie das Engagement letztlich will, und dafür braucht und will sie ein klares politisches Statement zur Planungssicherheit für die kommenden Jahre. Ein solches Engagement muss nicht, wird aber höchstwahrscheinlich psychologischen Effekt in Sachen Vorreiterschaft haben, denn es gibt immer wieder Airlines, die abwarten, wer sich als erster engagiert und die erst dann über ein eigenes Engagement entscheiden. Natürlich liegt touristisch der Urlaubsschwerpunkt in der Türkei und im Süden Spaniens. Die Turkish Airlines ist eine klassische Linienfluggesellschaft und wäre damit elementarer Baustein, um die Angepeilten 471.000 Fluggäste stemmen zu können.

Jérôme: Mit Germania fliegen Sie bereits. Kommt es da zu einer Ausweitung?

Schustereder: Die Germania ist ein für uns wichtiger Partner. Dass sie ein seriöser und starker Partner ist, kann man an den Zahlen ablesen. Die Sommerflüge der Germania waren 2014 zu durchschnittlich 71,5 Prozent ausgelastet. Das ist mehr als ordentlich. Wir sprechen natürlich mit diesem Unternehmen über weitere Strecken, aber wenn die Germania keine weiteren Strecken dazu nehmen möchte, dann müssen wir uns für neue Routen eben eine andere Fluglinie suchen. Derzeit sind wir ohnehin mit 15 Airlines im Gespräch.

Subjektiv – Der Kommentar

Von Ralph-Michael Krum

Zu wenig angeflogene Ziele, zu wenige Fluglinien, zu wenig Passagiere. Es ist wie mit Vielem in Kassel mit dem Flughafen Kassel-Calden, der jetzt Kassel Airport heißt. Beispiele gefällig? ICE-Bahnhof, Kongress Palais-Stadthalle, Regionalmanagement Nordhessen … Hätte man bei allen Neuerungen auf jene gehört, die grundsätzlich und immer erst einmal alles schlecht reden, dann hätte die Metropole in Nordhessen nicht jenen Aufschwung erlebt, der in den vergangenen zehn Jahren dafür gesorgt hat, dass man im einst unerreichbar scheinenden Südhessen heute in mancher Hinsicht neidisch zu uns nach Norden schaut. Der Kassel Airport kann letztlich scheitern – mag sein. Hoffen wollen wir es nicht. Sehr viele Faktoren spielen hinein, entscheiden über Erfolg oder Misserfolg. Wer aber von vornherein gegen den Flughafen opponiert, bei allem Lamento immer nur jene Argumente benutzt, die ihm in den Kram passen, gleichzeitig aber nicht alle Fakten kennt, der wird sich hoffentlich in den kommenden Jahres eines Besseren belehren lassen müssen.

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