Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Kompetenzfrage

4. Januar 2016 | Von | Kategorie: Wirtschaft 

Wie sich Unternehmen und Führungskräfte fit für die Zukunft machen

„Führung wird immer anstrengender“, sagt Ilka Jastrzembowski, Expertin für Personal- und Organisationsentwicklung. Man arbeite zunehmend in Projekten, die in verschiedenen Stadien sind, gestalte immer mehr Veränderungsprozesse und sei gefordert, biografieorientiert und virtuell zu führen. Was es damit auf sich hat und mit welchem Handwerkszeug sich eine Führungskraft ausstatten kann, darüber sprach die Geschäftsführerin von Müller+Partner mit Jérôme.

Die Generation Y. Wir haben schon öfter über sie geschrieben und es gibt sie nach wie vor. Mit Vorstellungen, wie man sie vor ein paar Jahren noch nicht kannte. Und mit einer großen Selbstverständlichkeit beim Einfordern gewünschter Rahmenbedingungen. Interessante Aufgaben werden erwartet, aber auch große Freiheiten und flexible Arbeitszeiten. Auch andere Gruppen entdecken diese Themen für sich und wollen biografieorientiert geführt werden. Die Hobbysportlerin, die nur 20 Stunden in der Woche arbeiten möchte, der Vater, der genügend Zeit für seine Kinder braucht, Herr Müller mit pflegebedürftigen Eltern, der deshalb lieber von zu Hause aus arbeitet. Und dann die Kommunikation zwischen allen. Wer ist wann im Haus? Wie und wann kann eine gemeinsame Sitzung zu Projekt X stattfinden? Das muss man managen.

Ilka Jastrzembowski im Jérôme-Gespräch. Foto: Mario Zgoll

Ilka Jastrzembowski im Jérôme-Gespräch. Foto: Mario Zgoll

„Wer zeitgemäß führen möchte, braucht mehr denn je Selbstführungsfähigkeiten“, sagt Ilka Jastrzembowski. „Alles steckt in Veränderung, in Stadien, wird dezentraler und internationaler. Ein Drittel aller Führungskräfte führt fremdsprachige Mitarbeiter. Diversität spielt eine große Rolle. Bestehen kann man als Führungskraft nur mit Eigendisziplin sowie Sozial-, Methoden- und Persönlichkeitskompetenz.“

Sozialkompetenz
„Führung endet, wo Therapie beginnt“, sagt die Beraterin. Um das Potenzial seiner Mitarbeiter auszuschöpfen, brauche man vor allem Sozialkompetenz. „Als Führungskraft müssen sie heute nicht mehr das größte Fachwissen haben. Das kommt aus dem Team. Aber sie müssen es bergen“, sagt Ilka Jastrzembowski. „Ein beliebter Fehler von Führungskräften ist es, sich weiter über Fachkompetenz zu definieren.“ Verständlich sei das, denn viele sind Führungskraft geworden, weil sie fachlich fit sind. „Die Aufgabe von Führung sieht im Kern aber anders aus“, erklärt sie. „Man muss das jeweilige Potenzial eines Mitarbeiters erkennen und das richtige Führungswerkzeug einsetzen, um es zu nutzen.“ Davon gebe es heute nicht mehr nur eins, sondern etliche.

„Keiner von uns lässt gerne los“, sagt die Beraterin. „Und der erste Mitarbeiter, der reinkommt und sagt, ich habe das nicht hinbekommen, bestätigt mich darin, dass ich das Fachwissen brauche und alles selber machen muss.“ Rückdelegation sei eine Falle, in die man nur allzu gerne tappe. Dabei zeigten Untersuchungen, wie fatal die Folgen sind. „Wer die Erfahrung macht, dass er einen Chef hat, der ihm nichts zutraut oder komplizierte Dinge lieber selber erledigt, kann noch so motiviert gewesen sein, nach einem halben Jahr ist das vorbei. Dann entscheidet der Mitarbeiter, ob er sich Herausforderungen selber stellen will oder ob er immer wieder zur Führungskraft geht und sagt: Kann ich nicht, machen Sie mal.“

Das sei eine Nichtwahrnehmung des Potenzials und ein Grund, warum viele Mitarbeiter ihre Führungskraft verlassen. „Das meine ich so, wie ich es sage. Mitarbeiter verlassen immer Führungskräfte und nicht das Unternehmen“, sagt Jastrzembowski. Einbeziehen, fördern, als Person wahrnehmen – das seien die Aufgaben einer Führungskraft im Umgang mit den Mitarbeitern.

Methodenkompetenz
Ein weiteres Handlungsfeld ist die organisatorische Gestaltung. „Als Führungskraft müssen Sie heute in der Lage sein, Strukturen immer wieder zu analysieren und Prozesse und Abläufe zu ändern“, erklärt Ilka Jastrzembowski. Aktuellen Umfragen zufolge ist Change Management auf Platz Zwei der Human-Ressources-Prioritäten 2015. Aber: Welche Führungskraft lernt das in ihrer fachlichen Ausbildung? Welcher Ingenieur? Welcher Arzt? Welcher BWLer? Unternehmen sind gefragt, hier Methodenkompetenzen bei ihren Führungskräften zu entwickeln. Auch Medienkompetenzen, wenn es zum Beispiel um die Möglichkeiten des virtuellen Führens geht. Besprechungen via Skype, Meetings über Teamviewer und so weiter.

Auch die Gestaltung der Zusammenarbeit der Mitarbeiter untereinander stelle hohe Anforderungen an die Führungskräfte. „Ich muss mich um den einzelnen Mitarbeiter kümmern, Strukturen schaffen und dann darauf achten, dass das Team gut zusammenarbeitet, damit alles funktionieren kann.“

Persönlichkeitskompetenz
Wie mache ich mich also fit für das alles? Neben Sozial- und Methodenkompetenz ist da vor allem Persönlichkeitskompetenz gefragt. „Ich muss darauf achten, mich selbst zu steuern, zu disziplinieren, nicht in tausend Sachen zu verlieren, sondern klar auf die jeweilige Aufgabe auszurichten“, sagt Jastrzembowski. „Und ich muss in der Lage sein, mich zu reflektieren. Deshalb werden die Leute heute in Führungsentwicklung oder in Begleitung geschickt. Es geht nicht nur darum, zu führen, sondern auch darum, mit welcher Brille man das tut.“ Die innere Haltung sei entscheidend, wenn es um die Entwicklung von der Fach- zur Sozial- und Methodenkompetenz gehe.

Befinde sich ein Unternehmen hier in eingefahrenen Strukturen, erfordere das einen ganzheitlichen Veränderungsprozess. „In einem solchen Fall muss man sich die Veränderung als strategisches Ziel vornehmen“, erklärt Ilka Jastrzembowski. „Will man das Unternehmen in Führung und Organisation weiterentwickeln, muss man dazu bereit sein. Und wenn sich Führungskräfte bewusst sind, dass sie nicht Mitarbeiter entwickeln können, aber so führen und Rahmenbedingungen gestalten, dass sich Mitarbeiter darin entwickeln, dann sind sie fit für die Herausforderungen der Zukunft.“

Trendthemen für Personaler
Geht es um Anforderungen an einen Arbeitgeber, wird oft von weichen Faktoren wie Work-Live-Balance gesprochen. Bei aktuellen Umfragen sind die jedoch im Ranking ganz weit unten. Auch Themen wie Diversity Management (also, wie gehe ich mit der Vielfalt um?). Ganz oben angesiedelt sind hingegen Mitarbeiterführung, Selbstführung und Entwicklung persönlicher Schlüsselqualifikationen sowie Teambildung und Teammanagement.

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