Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben

Mut zur Zukunft

28. September 2010 | Von | Kategorie: Wirtschaft 

Kasseler Werkstatt bildet und fördert Menschen mit Behinderung

Rund 500 Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung sind in den Kasseler Werkstätten, unterstützt von Fachkräften, beschäftigt und erlangen durch ihre Arbeit Anerkennung und Selbstwertgefühl. Foto: Mario Zgoll

Rund 500 Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung sind in den Kasseler Werkstätten, unterstützt von Fachkräften, beschäftigt und erlangen durch ihre Arbeit Anerkennung und Selbstwertgefühl. Foto: Mario Zgoll

Anerkennung durch Arbeit ist hier Alltag, Mut zur Zukunft das Ziel. Die Kasseler Werkstatt widmet sich seit Anfang der 60erJahre der Förderung und Betreuung von Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen. Als größte Einrichtung der Sozialgruppe Kassel e.V., einem Mitglied des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, zählt sie auch zu den ältesten ihrer Art in ganz Deutschland. Die Stärken, Talente und Begabungen jedes Einzelnen trotz individuellen Handicaps in den Vordergrund zu stellen, ist damals wie heute Kern der Philosophie des Sozialunternehmens. Die Würde jedes Mitarbeiters und seine best mögliche, individuelle Integration in Arbeitsprozesse und Gesellschaft sind die Basis des Wirtschaftsbetriebes, dessen Dienstleistungen und Produkte bei Industrie, Handel und Handwerk in der Region geschätzt werden.

Draußen herrscht brütende Sommerhitze, drinnen ganz normaler Produktionsalltag. Die Werkstatt des Metallbereichs wirkt auf den ersten Blick wie jede andere Fertigungsstätte. Konzentriert arbeiten hier Beschäftigte jeden Alters an den langen Produktionstischen, bedienen Sägemaschinen und Drehautomaten oder die CNC-gesteuerten Bearbeitungszentren. Jeder weiß, was zu tun ist. Jeder weiß auch, dass hohe Qualität und termingerechte Auslieferung unabdingbar sind. Kein Problem für die rund 50 Mitarbeiter, obwohl sie entweder von Geburt an oder durch Unfall oder Krankheit eingeschränkt sind. Doch die geistigen oder körperlichen Behinderungen werden hier zur Nebensache, wenn der persönliche Arbeitseinsatz ganz auf die individuellen Stärken zugeschnitten ist, Solidarität und gegenseitige Achtung tonangebend sind.

Hohe Qualitätsansprüche
„Unsere Mitarbeiter finden hier nicht nur einen Job, sie finden auch Anerkennung und Selbstwertgefühl“, betont Werkstattleiter Christian Lehnert. Das Sozialunternehmen für aktuell rund 500 Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen, betreut und unterstützt von etwa 100 Fachkräften im Gruppendienst beziehungsweise in Verwaltungsbereichen sowie rund 40 weiteren Produktionshelfern, wolle zum einen fit für den allgemeinen Arbeitsmarkt machen, verstehe sich zum anderen aber auch als Wirtschaftsbetrieb, der den Erfordernissen seiner Auftraggeber zu genügen habe. Die Kasseler Werkstatt stellt in allen Fachbereichen hohe Qualitätsansprüche an die jeweiligen Arbeitsergebnisse, die von den Auftraggebern über den Landkreis Kassel hinaus sehr geschätzt werden, so Lehnert. Der Metallbereich, für den in 2008 eine neue Fertigung mit 1200 Quadratmeter Produk-tionsfläche und 600 Quadratmeter Sozialtrakt aus eigenen Mitteln errichtet worden sei, dient hierfür als Beispiel. Zur Erreichung der Ansprüche stehen hier nicht nur die jeweiligen persönlichen Kompetenzen, sondern auch modernste technische Ausstattung bereit.

Wie ein Spiegel der Gesellschaft
Doch nicht nur Metallartikel werden in der Kasseler Werkstatt hergestellt. Äußerst vielfältig präsentiert sich die sonstige Palette an Dienstleistungen und Produkten. So arbeiten nicht weniger als 160 Beschäftigte im Verpackungsbereich des Arbeitsbereiches 2, wo tagtäglich Waren aus aller Welt im Schichtdienst gemäß den Vorgaben des Auftraggebers verpackt und ausgeliefert werden. Weitere wichtige Arbeitsfelder sind Kabelkonfektionierung, Gartenbau und Landschaftspflege, Gebäudereinigung sowie die Aktenvernichtung für regionale Unternehmen. „Wir qualifizieren unsere Mitarbeiter nicht nur durch Fordern und Fördern. Wir sind auch mit Menschen aus 18 Nationen wie ein Spiegel der Gesellschaft“, unterstreicht Peter Liesert, Einrichtungsleiter der Kasseler Werkstatt. Aus diesem Grund gehe es auch nicht allein darum, der Andersartigkeit von Menschen mit einer Behinderung zur Normalität zu verhelfen, sondern auch die Vielfalt an Sprachen, Religionen und Kulturen konzeptionell und inhaltlich zu berücksichtigen. Toleranz, Fairness, Verständnis und Wertschätzung stünden deshalb von Anfang an im Mittelpunkt.

Vergleichbar mit Lehrwerkstatt
Und für Anfang stehen in der Kasseler Werkstatt das Eingangsverfahren und der Berufsbildungsbereich. „Das ist im übertragenen Sinn vergleichbar mit einer Lehrwerkstatt“, erklärt Christian Lehnert. Hier würden in den ersten ein bis zwei Jahren die individuellen Stärken und Fähigkeiten festgestellt und gefördert, hier stehe zum Abschluss auch ein Zertifikat für zum Beispiel die künftigen Helfer im Verpackungsbereich, Lager und Versand, im Gartenbau, bei der spanenden Metallbearbeitung oder im Hauswirtschaftsbereich.

Weitere Bildungsangebote
Wer wegen der Schwere seiner Behinderung oder hohen Pflegebedarfs nicht am geregelten Werkstattbetrieb teilnehmen könne, finde in der Tagesförderstätte und dem Förderbereich die Gelegenheit, seine Fähigkeiten zu stabilisieren und auszubauen. Darüber hinaus gebe es im Rahmen des Bildungsreferates „Pfiffikus“ weitere Angebote beispielsweise in der Bedienung von Flurförderfahrzeugen, der Bedienung von Etikettendruckern, EDV oder Telefontraining. Arbeitsbegleitende Angebote wie Sport, Gruppenaktivitäten während gemeinsamer Exkursionen oder Festen runden das Angebot der Kasseler Werkstatt ab. Das beschert, so Peter Liesert, nicht zuletzt ein hohes Wir-Gefühl.


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