Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Nicht Däumchen drehen und warten

10. Oktober 2014 | Von | Kategorie: Wirtschaft 

Verhaltensökonom Matthias Sutter im Jérôme-Interview

Spieltheorie, experimentelle Wirtschaftsforschung und Wirtschaftspsychologie sind die Steckenpferde von Prof. Matthias Sutter. Als einer der führenden Experimental-Ökonomen im deutschsprachigen Raum untersucht er das ökonomische Entscheidungsverhalten von Individuen und Gruppen. Bei einem Treffen in Kassel erzählte der sympathische Österreicher Jérôme von seiner Forschungsarbeit und gab Einblicke in sein neues Buch „Die Entdeckung der Geduld – Ausdauer schlägt Talent“.

Jérôme: Sie haben zunächst Theologie studiert und sind anschließend Volkswirtschaftler geworden. Was treibt Sie an? Wollen Sie den Menschen verstehen?

Wirtschaftsforscher  Matthias Sutter (links)  im Gespräch mit  Jérôme-Chefredakteur  Björn Schönewald. Foto: Mario Zgoll

Wirtschaftsforscher Matthias Sutter (links) im Gespräch mit Jérôme-Chefredakteur Björn Schönewald. Foto: Mario Zgoll

Matthias Sutter: Ich verstehe mich als Verhaltensforscher, der im Wesentlichen Dinge untersucht, bei denen es um monetäre Motivationen geht. Aber eigentlich will ich menschliches Verhalten verstehen. Das ist das, was ich tue.

Jérôme: In der experimentellen Ökonomie gibt es kaum eine Entscheidungssituation, die sich nicht erforschen lässt. Wie funktioniert das?

Sutter: Stellen Sie sich vor, Sie wollen zum Beispiel Verhandlungsverhalten studieren. Sie nehmen eine Gruppe von Leuten und lassen jeden einzelnen über die Verteilung eines Kuchens zwischen ihm und einer anderen Person entscheiden. Die andere Person kann den Vorschlag annehmen oder sie lehnt ihn ab und beide gehen mit Null nach Hause.

Jérôme: Welche Erkenntnis gewinnt man hierdurch?

Sutter: Hier geht es in erster Linie um Fairness-Vorstellungen. Mein ehemaliger Mentor und Chef in Jena, der Direktor des Max-Planck-Instituts Werner Güth, war der erste, der so einen Test gemacht hat. Ultimatumspiel nennt sich das. Güth hat damit gezeigt, dass Standardannahmen der Verhaltenswissenschaft überhaupt nicht hinhauen. Es funktioniert nicht zu sagen neun für mich, eins für Sutter, der wird schon gescheit sein und das eine nehmen, anstatt das abzulehnen. Wenn ich mich in so einer Situation über den Tisch gezogen fühle, vernichte ich lieber den ganzen Kuchen, bevor der andere mit einem viel größeren Teil nach Hause geht. So untersuchen wir Verhalten.

Jérôme: Sie untersuchen aber auch die Ehrlichkeit von Taxifahrern. Geht das im Labor?

Sutter: Nein, das geht nicht im Labor, das muss im Feld passieren. Wir haben GPS-Logger genommen, das sind so wunderbare Geräte, mit denen man Wegstrecken aufzeichnen kann, und haben in Athen Taxifahrten gemacht. Immer von Punkt A zu Punkt B. Es hat uns nicht nur interessiert, ob die Taxen Umwege fahren. Es ging uns auch darum, herauszufinden, ob die möglichen Abweichungen von der ehrlichen Route damit zu tun haben, was die Fahrer vom Informationsstand des Passagiers wahrnehmen. Stellen Sie sich vor, Sie sind Taxifahrer in Kassel und kennen sich gut aus. Da steigt ein unbedarfter Österreicher in ihr Fahrzeug und sagt: „Ich würde gern zum Hotel Gude fahren. Wissen Sie, wo das ist?“ Der alleinige Zusatz „Wissen Sie, wo das ist?“, signalisiert klar, ich weiß es nicht. Was wir feststellen konnten, ist, dass die Taxifahrer dann sofort fünfhundert bis siebenhundert Meter Umweg fahren, im Gegensatz zu einer Situation, in der ich ganz genauso einsteige, mit dem selben Dialekt, aber einfach nur sage: „Ich möchte zum Hotel Gude.“ Das ist ein ganz allgemeines Problem, weil es in vielen Situationen von wahrnehmbarer Informationsbenachteiligung abhängt, ob die Leute uns ehrlich behandeln oder nicht.

Jérôme: Warum handeln Menschen selten rational?

Foto: Mario Zgoll

Foto: Mario Zgoll

Sutter: Entscheidend für die Beantwortung einer solchen Frage ist, was man unter rational versteht. Das ökonomische Textbuch sagt, rational heißt, dass ich alle Optionen, die ich habe, genau kenne, sie nach einem einheitlichen Raster bewerte und die für mich beste wähle. Rationalität geht schief, weil man oft nicht alle Handlungsoptionen kennt. Es ist meist viel zu aufwendig, sie zu ermitteln. Und selbst wenn man alle kennt, ist es sehr mühsam herauszufinden, was die wirklich beste Option ist. In vielen Fällen reicht es, wenn Menschen ein bestimmtes Niveau erreichen, nach dem Motto: „Wenn es einigermaßen gut ausgeht, bin ich einverstanden.“ Und natürlich ist für menschliches Verhalten oftmals auch das Wohlbefinden anderer Menschen wichtig. Die ganz klassische, enge Rationalität wird somit verletzt, was aber aus meiner Sicht heutzutage nicht mehr so verstanden wird, als ob das vollkommen irrational wäre. Der andere spielt eine Rolle und das kann sehr rational sein.

Jérôme: Teams sind da egoistischer?

Sutter: Ja. Unsere ganze Forschung zeigt, dass Teams mehr auf sich schauen. Insbesondere mehr auf ihre Auszahlung.

Jérôme: Wie lässt sich das als Führungskraft nutzen?

Sutter: Wenn Sie Verhandlungen mit einem Marktpartner treffen, den Sie nicht gerade lieben, dann schicken Sie am besten ein Verhandlungsteam. Das Team wird härter auf den Vorteil ihres Unternehmens achten, als einer alleine. Es ist sozial viel tolerabler, dann sehr egoistisch zu verhandeln, weil die anderem aus dem Team auch davon profitieren. Man kann sich immer verstecken und sagen: „Für mich selber hätte ich das nicht gebraucht, aber ich wollte, dass meine Teamkollegen auch möglichst viel mit nach Hause nehmen.“ Und es findet so etwas wie eine Verwässerung der Verantwortung satt. Die Verantwortlichkeit wird unklar, weil man auch gegenüber den anderen immer sagen kann: „Eigentlich wollte ich nett zu Euch sein, aber meine Teammitglieder haben mich nicht gelassen.“ Diese zwei Mechanismen sind ganz entscheidend dafür, dass Teams hier egoistischer werden.

Jérôme: Was sind im Internen die größten Fehler in Teams?

Sutter: Teams neigen in Diskussionen häufig dazu, dass der Informationsstand, den alle teilen, ganz besonders stark diskutiert wird. Wir fokussieren uns auf das, was uns allen genehm und schon bekannt ist und vergessen dabei herauszufinden, welche wichtigen Erkenntnisse der eine über etwas hat, das dem anderen nicht bekannt ist.

Jérôme: Kommen wir mal zur Entdeckung der Geduld. Ich denke dabei an politisches Aussitzen.

Sutter: Das tun ganz viele Leute. Ganz besonders in Deutschland. Die haben Helmut Kohl vor sich. Aber darum geht es überhaupt nicht. Wir sprechen von der Fähigkeit, auf die kleinere Belohnung jetzt zu verzichten und auf die größere in der Zukunft hinzuarbeiten. Also nicht Däumchen drehen und warten, bis das Manna vom Himmel fällt. Seit der Bibel ist das nicht mehr so häufig passiert. Und auch nicht Aussitzen im Sinne von nicht entscheiden. Sondern im Gegenteil: Es geht um eine ganz aktive Wahl.

Jérôme: In welcher Form?

Matthias Sutter wirbt in seinem neuen Buch für Geduld. Quelle: Ecowin

Matthias Sutter wirbt in seinem neuen Buch für Geduld. Quelle: Ecowin

Sutter: Bleiben wir bei der Politik. Die Umsetzung zum Beispiel besteht darin, dass sich Deutschland entschieden hat, wir brauchen für eine wettbewerbsfähige Zukunft mehr Ausgaben in Bildung. Wir beschränken jetzt also unseren Spielraum in anderen Ausgabenkategorien, um hier Geld reinzubuttern, das uns in der Zukunft hilfreich sein wird. Das ist die Wahl. Was ich im Buch kommunizieren möchte, besteht darin, dass es für die wichtigen Dimensionen des Lebens elementar ist, in dieser Abwägung zukunftsorientiert zu denken.

Jérôme: Wir leben in einer sehr schnelllebigen Zeit. Ist Geduld noch angesagt?

Sutter: Nein, überhaupt nicht. In dem Sinne würde ich das Buch als etwas altmodisch in seiner Botschaft betrachten. Damit könnte ich leben, Hauptsache die Botschaft kommt an: Es macht sich bezahlt, auf zukünftige Ziele hinzuarbeiten und sie dann zu realisieren. Das ist eine Fähigkeit, die Hand in Hand geht mit vielen Eigenschaften, die ich persönlich für sehr wünschenswert erachte. Menschen, die auch mal warten können und das Sofa, das im Schaufenster steht, nicht sofort nehmen, sind in der Regel höher gebildet, verdienen mehr, haben spannendere Jobs, sind insgesamt zufriedener und auch gesünder. Sie haben weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen, mehr Muskelstärke und weniger Suchtpotenzial. Und sie werden weniger oft straffällig.

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