Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Jeder ist ein Botschafter seiner Region

12. September 2014 | Von | Kategorie: Nordhessen 2032 

Regionalmanager Holger Schach im Interview

Jérôme: Wie haben Sie die Anfangszeit des Regionalmanagements erlebt?

Holger Schach: In der Startphase des Regionalmanagements ging es der Region nicht besonders gut. Die Internetblase war gerade geplatzt, viele große Unternehmen waren der Meinung, der Standort Deutschland rechne sich nicht mehr. Produktionsstätten und Personal sollten abgebaut oder verlagert werden, und das war aufgrund ihres hohen Industrieanteils ein großes Risiko für die Region. Nordhessen hatte 2002 eine Arbeitslosenquote von 11,9 Prozent, eine weitere Verschlechterung war zu erwarten. Dieses Szenario hat letztlich dazu geführt, in einer gemeinsamen Gesellschaft – bis dahin bundesweit ohne Vorbild – die Kräfte aus Wirtschaft und Politik für Nordhessen zu bündeln.

Regionalmanager Holger Schach  im Gespräch mit  Jérôme. Foto: Bernd Schoelzchen

Regionalmanager Holger Schach im Gespräch mit Jérôme. Foto: Bernd Schoelzchen

Jérôme: Sie haben seit damals viel bewegt, ohne sich zu verzetteln. Wie haben Sie das geschafft?

Schach: Wichtig war, die handelnden Akteure unter einem Dach zusammenzuführen und Doppelstrukturen zu vermeiden. Eingebunden sind die Landkreise, die Stadt Kassel, IHK und Handwerkskammer und der Verein Pro Nordhessen, aber auch Wirtschaftsförderer und Tourismusorganisationen. Weil es früh gelungen ist, Netzwerke aufzubauen und konkrete Projekte zu entwickeln, gab es in der Anfangsphase mehr Lob als Kritik. Dieser Zuspruch war wichtig. Bei uns ist vieles positiv zusammengelaufen, was nun auch Vorbild für andere Regionen ist.

Jérôme: Sie haben Ähnliches schon in Thüringen betrieben. Da gab es aber Anschubfinanzierungen.

Schach: Die Aufgaben sind kaum vergleichbar. Für den Aufbau Ost gab es natürlich entsprechende Gelder. Es ging darum, die vorhandenen Mittel in die Projekte mit dem größten Nutzen zu investieren und diese regional abzustimmen. Das hat gut funktioniert, Thüringen hat auf die richtigen Themen gesetzt. In Nordhessen war keine vergleichbare Förderkulisse da, aber ein großes Potenzial in der Wirtschaft. Die Formel lautete deshalb: Wachstum und Wertschöpfung durch Kooperation von Unternehmen, Politik, Forschung und Institutionen gezielt organisieren. Also haben wir Ziele definiert und Netzwerke in den wesentlichen Wachstumsfeldern – den sogenannten Clustern – aufgebaut: Mobilität, Dezentrale Energien, Gesundheit und Tourismus.

Jérôme: Wie haben Sie alle Akteure an einen Tisch bekommen? Da gab es sicherlich Vorbehalte.

Schach: Die gab es. Anfangs war der Nutzen von Kooperationen schwer zu vermitteln. Wir haben deshalb 2003 die Auftaktveranstaltung zum Cluster Mobilität unter das Motto „Nordhessen – die Lage ist gut“ gestellt. Das wurde damals eher als Provokation aufgefasst, denn die wirtschaftliche Lage war nicht gut. Trotzdem – die zentrale Lage ist einer der Erfolgsfaktoren für Nordhessen, deshalb ist die Doppelsinnigkeit nach wie vor Leitbild und Programm für die Zukunft. Allein bei dieser Veranstaltung wurden Themen und Kooperationen vereinbart, die bis heute wirken. Inzwischen ist auch die wirtschaftliche Lage gut, die Stimmung ist heute eine ganz andere als vor zwölf Jahren. Vor allem: Fast alle Ziele, die sich die Region gesetzt hat, bis hin zur Halbierung der Arbeitslosigkeit, sind erreicht.

Jérôme: Welcher Cluster ist aus Ihrer Sicht der Wichtigste für die nächsten Jahre?

Schach: Eigentlich alle, weil sie sich ergänzen und verstärken. Der Tourismus spielt dabei eine etwas andere Rolle. Er ist auch wirtschaftlich stark, steht aber vor allem für Lebensqualität und die weichen Standortfaktoren. Denn die vielfältigen touristischen Attraktionen der Welterberegion Nordhessen umrahmen unsere Leuchttürme aus Wirtschaft, Forschung und Innovation. Das ist für Image und Standortmarketing der Region wichtig. Insbesondere die beiden Cluster Mobilität und Erneuerbare Energien verfügen über enormes Wachstumspotenzial und befruchten sich gegenseitig. Schnittstelle ist das Thema Elektromobilität als Zukunftstechnologie. Da werden Sie derzeit noch viele skeptische Stimmen hören, und das zu Recht. Den Bedarf gibt es noch nicht, und die Industrie möchte noch möglichst lange ihre konventionellen Fahrzeuge verkaufen. Nordhessen hat aber die entscheidenden Kompetenzen in der Antriebstechnologie und der Energiesystemtechnik – beides Voraussetzungen dafür, dass die Region dann, wenn Elekromobilität funktioniert und gebraucht wird, davon profitiert. Auch wenn es noch lange dauern sollte.

Jérôme: Die Region hat also ein außerordentliches Potenzial. Wie sieht es mit dem Fachkräftebedarf aus? Qualifizierten Nachwuchs zu finden und zu begeistern sehen viele als die große Aufgabe der Zukunft.

Schach: Das ist sicher eine große Herausforderung. Zurzeit haben die großen Städte eine immense Sogwirkung. Frankfurt erfährt das gerade, Köln auch, München kennt das schon lange. So kann und wird es aber nicht weitergehen. Die Mieten steigen, auch die Preise für Gewerbeimmobilien und -grundstücke. Unternehmen werden sich zwangsläufig anders orientieren müssen, und Nordhessen ist als Standortalternative in der Mitte Deutschlands prädestiniert. Teil meiner Vision für 2032 ist deshalb, dass Nordhessen eine der wenigen Regionen sein wird, die zwar eher ländlich geprägt sind, aber durch zukunftsträchtige und hochinnovative Unternehmen Zuwanderung aus jenen Regionen generiert haben, die heute noch vermeintlich attraktiver sind – aus den Ballungsräumen.

Jérôme: Was kann denn jeder Einzelne in Nordhessen dafür tun, dass es mit der Region positiv weitergeht?

Schach: Wichtig ist, das Nordhessen mit seinen Vorzügen noch bekannter wird. Welterbe, Kunst und Kultur, vor allem aber auch Wirtschaftskraft und Dynamik – das sind die Themen, die jeder für sich und in seinem Umfeld transportieren kann. Nach dem Motto „Tue Gutes und rede darüber“ ist jeder auch Botschafter der Region.

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