Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Tempo im Netzwerk

17. August 2015 | Von | Kategorie: Wirtschaft 

Industriepark Kassel: Netzwerk wird zehn Jahre jung und Uni-Studie wird vorgestellt
Wie wichtig der Industriepark und das aus ihm entstandene Netzwerk sind, machte Kai Lorenz Wittrock als Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Kassel deutlich. Wittrock und Verteter des Industrieparks hatten sich auf dem Gelände der MAN Truck & Bus GmbH an deren neuem Servicezentrum getroffen, um zehn Jahre Netzwerk zu feiern. Der Industriepark sei das größte zusammenhängende Gewerbegebiet zwischen Hannover und Frankfurt, sagte Wittrock, und als großer Ausbildungs- und Beschäftigungsstandort erlaube er jungen Menschen einen optimalen Start ins Berufsleben.

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Zum zehnjährigen Bestehen des Netzwerks Industriepark präsentierten sich alle bisherigen Preisträger des Unternehmensherkules. Den bekommen Personen verliehen, die sich besonders um den Industriepark verdient gemacht haben. Foto: Mario Zgoll

Im Dreieck zwischen Kassel-Waldau und den Gemeinden Lohfelden und Fuldabrück-Bergshausen angesiedelt, gehören aktuell rund 500 Unternehmen mit mehr als 10.000 Beschäftigten zum Industriepark. Eine wichtige Rolle spielt dessen Netzwerk. Dies ging 2005 an den Start. Initialzündung war ein Treffen zwischen der Wagner Technik GmbH und der Wirtschaftsförderung, schon im zweiten Gespräch kamen die Beteiligten schnell zum Schluss, dass eine Kooperation Früchte tragen könnte.

Ungewöhnliche Maßnahme
Heute sind 150 Unternehmen im Netzwerk des Industrieparks aktiv. Dessen Aktivitäten leitet und koordiniert der Wirtschaftsberater Christoph Külzer-Schröder. Ihm ist unter anderem zu verdanken, dass die am Netzwerk Beteiligten nicht nur gemeinsam reden, sondern auch gemeinsam laufen. „Laufen kann man am besten miteinander, und Laufen verbindet.“ Diese Lauftreffs als Plattform für Gespräche sind für Christoph Külzer-Schröder wichtig, denn „Geschäfte machen Menschen immer miteinander, nicht mit Firmen-Adressen.“

Publikumsmagneten sind im Industriepark die Tage der offenen Tür, die es bis zum Jahr 2011 gab. Bis zu 100.000 Besucher kamen während dieser Tage unter anderem wegen der Firmenbesichtigungen in den Industriepark. Vor drei Jahren wurde das Modell verändert, seitdem gibt es den Märchenshopping-Sonntag in Kooperation mit dem dez-Einkaufszentrum. Im kommenden Jahr wird es wieder die Ausbildungs- und Karrieremesse Regio Up geben. Zur letzten Veranstaltung dieser Art kamen 900 Schüler aus 16 Schulen der Region zur Berufsorientierungsmesse.

Zum Schluss: Die Studie
Im Anschluss an die Reden kam Professor Dr. Andreas Mann zu Wort. Der Leiter des Dialog Marketing Competence Center der Universität Kassel stellte die Ergebnisse einer Studie vor, die das Netzwerkbüro Industriepark bei ihm in Auftrag gegeben hatte.

Lesen Sie mehr dazu im folgenden Interview.

Komfort-Gefahr

Studie: Unternehmen dürfen nie zufrieden sein
Wie sieht der Arbeitsmarkt der Zukunft aus? Worauf müssen Unternehmen achten, wo müssen sie gegensteuern, wo umdenken, welche Trends gibt es? Eine Studie im und über den Industriepark Kassel brachte es an den Tag: Vielen geht es gut, aber nicht immer werden Entwicklungen früh genug als wichtig eingestuft. Über die Ergebnisse der Studie sprach Jérôme-Redakteur Ralph-Michael Krum mit Professor Dr. Andreas Mann.

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Prof. Dr. Andreas Mann erarbeitete eine Studie zum Industriepark Kassel und dessen Zukunft. Foto: Mario Zgoll

Jérôme: Das Thema ihrer Studie klang schon mächtig und allumfassend. „Industriepark 2025: Trendbewertungen und Herausforderungen für (ansässige) Unternehmen“. Haben Sie jedes einzelne Unternehmen analysiert? Geht ja gar nicht.

Professor Dr. Andreas Mann: Nein, natürlich nicht, dass wäre viel zu aufwändig. Wir haben einen Fragebogen entwickelt und an die Unternehmen im Industriepark verschickt. Gut ein Viertel der Unternehmen hat geantwortet. Unsere Fragebogen war wie folgt aufgebaut: Wir haben erst danach gefragt, welche Mega-Trends die Unternehmen als bedeutsam ansehen, dazu gehörten solche Themen wie demografischer Wandel, Globalisierung, Individualisierung, Digitalisierung und so weiter. Dann sollten die Befragten mögliche Herausforderungen für ihre Branche bewerten, die mit den Mega-Trends verbunden sind. Schließlich sollten sie verschiedene Maßnahmen, die in ihren Unternehmen eingeleitet werden, um auf diese Herausforderungen zu reagieren, angeben. Dabei zeigte sich, dass die Antworten auf den verschiedenen Frageebenen nicht immer zueinander passten.

Jérôme: Beispiel?

Mann: Auf der einen Seite gaben recht viele Industriepark-Unternehmen an, dass die Rekrutierung leistungsfähiger Fach- oder Führungskräfte für sie eine große Herausforderung ist. Das ist eine Folge der demografischen Entwicklung. Auf der anderen Seiten denken sie aber gleichzeitig nicht konsequent über Möglichkeiten zur Weiterqualifizierung von älteren Fachkräften oder über neue Arbeitszeit- und Arbeitsplatzmodelle nach, um die zukünftige Lücke des Fachkräftemangels zu minimieren. Diese Maßnahmen rangieren bei der Wichtigkeit auf der untersten Stufe.Es gab aber auch bereits auf der Ebene der Mega-Trend-Einschätzung einige Auffälligkeiten. Während der demografische Wandel als besonders bedeutsam angesehen wird, weist man dem Mega-Trend Female Shift eine eher untergeordnete Bedeutung zu. Das ist ein Fehler. Zumal er mit dem demografischen Wandel wie auch mit allen anderen bewerteten Trends in engem Zusammenhang steht.

Jérôme: Wären Sie so nett …?

Mann: Female shift bedeutet, dass es eine Angleichung der Geschlechterrollen gibt, die sich auch im Wirtschaftsleben wiederfindet. Es gibt immer mehr gut ausgebildete Frauen, die als fach- und Führungskräfte erwerbstätig sind und deutlich mehr Selbstbewusstsein an den Tag legen als bisher in dem traditionellen Rollenverständnis.

Jérôme: Also sind wir wieder in den 60er Jahren, wo man einen Chef mit dem Hinweis auf die eigene Kündigung unter Druck setzen konnte?

Mann: Wir sind auf dem Weg, dass gut ausgebildete Kandidaten, egal ob männlich oder weiblich, sich Stellen aussuchen können und Chefs darüber nachdenken müssen, wie sie ihr Unternehmen für Bewerber attraktiv gestalten. Und dazu gehören auch wieder die bereits erwähnten flexiblen Arbeitszeit- und Arbeitsplatzmodelle, interessante Arbeitsinhalte, Weiterbildungs- und Karrieremöglichkeiten. Viele Unternehmen müssen begreifen, dass sie genau so viel investieren müssen, um gute Leute zu bekommen und zu halten, wie sie in ihre Produkte und in ihren Vertrieb investieren. Man muss nicht nur eine bekannte Marke mit gutem Image auf dem Absatzmarkt, sondern auch auf dem Arbeitsmarkt haben! Wir Marketingleute nennen das Employer Branding.

Jérôme: Was sieht man im Industriepark als wichtig, was als weniger wichtig an?
Mann: Der Ausbau von IT und dessen Sicherheit steht in fast allen Antworten ganz weit oben, ebenso eine bessere Anbindung an das Verkehrsnetz. Tendenziell wurden die meisten abgefragten Bereiche als wichtig angesehen. Wobei die Vorgehensweise bei Befragung diese Anspruchsinflation auch gefördert haben kann. Eine homogenere Branchenausrichtung, das man sich also auf bestimmte Branchen stärker fokussiert, wird hingegen als weniger wichtig für den Industriepark angesehen.

Jérôme: Ihr Fazit und ein paar knackige Tipps zum Schluss …
Mann: Wir wollten mit der Studie vor allem sensibilisieren, die Unternehmen zum Nachdenken bringen. Das ist uns, hoffe ich, gelungen, wenngleich über 85 % der befragten Unternehmen ihre zukünftige Entwicklung positiv einschätzen. Und hierin kann die Gefahr liegen, dass sich die Unternehmen nicht ausreichend mit relevanten Zukunftsentwicklungen beschäftigen. Während Betriebe, die sich um ihre Zukunft sorgen, meist Trends gewissenhaft analysieren, um Risiken und auch Chancen frühzeitig zu erkennen, werden Unternehmen, die aus ihrer Komfortzone heraus optimistisch in die Zukunft blicken, oft phlegmatisch. Es gibt noch zwei weitere Punkte, die mich etwas beunruhigen. So werden einige technologische Trends, wie z. B. Big Data und 3-D-Druck – im Gegensatz zu weit verbreiteten Meinung von Forschungsinstituten – von den Industriepark-Unternehmen als wenig bedeutsam eingestuft. Mein Tipp ist, hierüber noch einmal nachzudenken, da ich mir durchaus vorstellen kann, dass diese Trends auch für die ansässigen Unternehmen im Industriepark erhebliche Relevanz haben. Auffällig ist auch, dass sich die meisten Unternehmen über Trends informieren, indem sich mit Lieferanten und Kunden darüber austauschen. Selbstverständlich ist es immer sinnvoll zu erfahren, was die Marktpartner in diese Richtung denken. Allerdings ersetzt eine derartige Marktforschung keine effektive Trendforschung, die immer unabhängig von strategischen Informationen von Lieferanten- und Kundenseite sein sollte. Es ist viel besser, sich branchenübergreifend auszutauschen. Hierfür bietet das Netzwerk des Industrieparks eine gute Grundlage. Generell werden Netzwerke von Unternehmen in Zukunft immer wichtiger, um in einer zunehmend komplexer und dynamischer werdenden Umwelt erfolgreich agieren zu können. Daher kann ich nur empfehlen, das Networking zu verstärken. Alle Unternehmen, vor allem aber die mittleren und kleineren, können davon profitieren.

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