Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben


Veränderung begleiten

18. März 2010 | Von | Kategorie: Wirtschaft 
Unternehmensberaterin Ilka Müller-Jastrzembowski. Foto: Mario Zgoll

Unternehmensberaterin Ilka Müller-Jastrzembowski. Foto: Mario Zgoll

Frau Müller-Jastrzembowski, seit 15 Jahren ist Müller+Partner als Berater für Unternehmen tätig. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Unser Markt ist regionaler geworden. Wir haben mehr vor der eigenen Haustür zu tun, was in den ersten Jahren so gut wie gar nicht der Fall war. Da kamen Berater aus verschiedenen Metropolen Deutschlands, aber nicht aus Kassel. Dass das heute anders ist, ist einerseits Zeichen des gewachsenen Vertrauens in unsere Arbeit. Und andererseits wollen Kunden auch immer kurz-fristiger auf ihre Berater zugreifen können – sozusagen just-in-time. Und das spricht gegen lange Anreisezeiten und hohe Reisekosten. Ebenso hat sich die Tätigkeit als solche verändert. Noch vor wenigen Jahren war Beratung damit verbunden, dass der Berater möglichst mit allen geredet und einen dicken Analyse-Bericht mit einer sogenannten Schwachstellenanalyse geschrieben hat, worin er eine Strategie entwarf. Diese Berichte, häufig 100 Seiten und mehr, sind dem Auftraggeber hingelegt oder einem Gremium vorgestellt worden und dann war der Berater weg. So sehen viele bis heute Unternehmensberatung.

Sie sehen sich als Prozessbegleiter.
Ja, denn wir schreiben keine Berichte, kassieren und sind wieder weg. Sehr oft erleben wir folgende Situation: Ein Unternehmer holt einen solchen Bericht aus der Schublade und sagt: „Das hat mich 20 000 Euro gekostet, da steht alles drin, was auch absolut richtig ist und ich auch schon wusste. Aber wissen Sie, was ich gebraucht hätte? Jemanden, der es mit mir konsequent umsetzt.“ Und das ist unser Beratungsansatz – von Anfang an. Unsere Spezialität als Prozessbegleiter, wie man so schön sagt, ist es, die richtigen Methoden auszuwählen und die notwendigen Veränderungen für alle Beteiligten so eingängig darzustellen, dass alle nachvollziehen können, was notwendig ist und das Ziel erkennen. Was umgesetzt wird, entscheidet immer der Auftraggeber, aber wir liefern ihm die Werkzeuge, die in der Unternehmensrealität sehr oft fehlen. Und dabei unterstützen wir ihn als Berater, Moderator und Coach und letztlich als konsequente Wiedervorlage.

Sie werden von ihren Kunden manchmal Wadenbeißer genannt.
Das ist dann die Steigerungsform von Wiedervorlage. Das ist aber in der heutigen turbulenten Unternehmenswelt genau unsere Aufgabe. Denn die wichtigen Dinge, die mit Strategie und deren Umsetzung zu tun haben, fallen häufig dem dringenden Alltagsgeschäft zum Opfer. Und dafür gibt es uns. Wenn wir konkrete Ergebnisse festgehalten haben, dann vereinbaren wir auch, wie wir gemeinsam dranbleiben. Das bedeutet, wir kommen vorbei, wir rufen an oder wir lassen uns Rückmeldungen zu Fortschritten schicken. Wir sind dann wirklich derjenige, der Verhaltensveränderung begleitet und manchmal auch „in die Waden beißt“. Denn der Mensch neigt dazu, in alte Muster zurück zu verfallen. Spätestens in der nächsten Stresssituation.

Was sind Ihre Kompetenzschwerpunkte?
Unternehmen bei der Umsetzung effizienter Strukturen zu beraten sowie ihre Kundenorientierung und Führung wirksam zu gestalten. Führung ist sozusagen die interne Kundenorientierung: Wie gehe ich mit meinen Mitarbeitern um und wie sorge ich dafür, dass sie motiviert sind? Dass sie auch das können, was ich von ihnen verlange und dass sie es tatsächlich umsetzen. Und dass ich tatsächlich auch der aufmerksame Ansprechpartner bin, um deren Probleme und Fragen zu lösen. Denn Führungskräfte stehen meist selbst stark unter Druck, versinken im Tagesgeschäft und für sie entsteht schnell das Gefühl, eine Umgebung zu haben, in der alle nicht das Richtige machen oder unselbstständig sind. Und da braucht man einfach einen Externen, mit dem man reflektieren kann, welche Strukturen wirksam sind und was man gegebenenfalls bei sich verändern muss.

Wie würden Sie Ihr Vorgehen beschreiben?
Handwerklich, methodisch, nachvollziehbar, verbindlich und keinesfalls abgehoben und verwissenschaftlicht.

Sie bieten auch Schulungen zum Thema Resilienz an. Was ist das?
Das ist eine hochaktuelle Kompetenz für Mitarbeiter und Führungskräfte, die eigene Widerstandsfähigkeit aus Krisen heraus zu entwickeln. Heute sind Menschen eigentlich ständig schwierigen Situationen ausgesetzt. Sie stehen unter Stress, haben permanent Veränderungen in den Betrieben und nicht selten damit verbundene Krisen. Wir zeigen, welches resiliente Potenzial in jedem steckt und wie man es entwickeln kann.

Sie hatten einen Stern-Reporter unter den Teilnehmern Ihrer Seminare.
Das Thema ist hochaktuell für Unternehmen und deshalb hat der Stern bundesweit recherchiert und uns als Anbieter auserkoren und angefragt. An uns hat überzeugt: „Ihr Produkt ist wirklich ein Produkt und nicht nur eine Überschrift.“ Und das wollten sie sich genauer ansehen. Dazu kam ein Testjournalist, hat an unserem Seminar teilgenommen und in der Ausgabe 6/2009 von Sterngesundleben einen Bericht geschrieben. Fragestellung: Lässt sich Resilienz trainieren?

Zu welchem Ergebnis ist er gekommen?
Er hat sehr sachlich festgestellt, dass es möglich ist, das eigene Bewusstsein dafür zu schaffen und das Potenzial in einem selbst zu erkennen. Und das wird für uns dieses Jahr eines der ganz wichtigen Themen sein. Die Unternehmen fragen dieses Thema wirklich extrem nach, weil alle nach Handwerkszeug suchen, wie sie ihre Leute dabei begleiten können, mit dieser ständigen Dynamik, diesem ständigen Stress umzugehen. Die Arbeitswelt heute braucht einfach resiliente und damit krisenfeste Mitarbeiter.

Das sind dann aber weniger die eigentümergeführten Unternehmen. Da sagt der Chef eher: „Was soll ich denn da sagen? Ich habe selber so viel Stress und muss das auch aushalten.“

Ja, das kommt durchaus vor. Der Unternehmertyp ist einfach der, der sagt, das halte ich durch. Ich würde das aber nicht pauschalisieren. Es gibt durchaus Unternehmer, die sehr bewusst bei sich anfangen und Grenzen der Belastbarkeit erkennen. Und der mittelständische Unternehmer weiß auch, dass er nichts Wichtigeres hat als gesunde, motivierte Mitarbeiter. Denn einerseits findet man nicht mehr die richtigen Leute und andererseits quetschen wir die engagierten wie eine Zitrone aus. Wo soll das in ein paar Jahren hinführen?

Wo muss man ansetzen, um die Situation zu verbessern?
Die wertschätzende und leistungsorientierte Führungskultur in Unternehmen ist längst ein entscheidender Wettbewerbsfaktor. Wenn man das nicht erkennt, hat man ein Problem, weil die hochqualifizierten Mitarbeiter sich längst aussuchen können, wo sie arbeiten. Und die wechseln nicht in erster Linie wegen Geld.

Was kann man tun?
Als Vorgesetzter muss man Grenzen ziehen und Regeln einführen in der entgrenzten Arbeitswelt. Es geht einfach darum, dass wir alle ein gefühltes Zeitproblem haben. Oft ist das aber nur ein Aufmerksamkeitsproblem. Eine Führungskraft muss in der Lage sein, das Wichtige vom Unwichtigen und vermeintlich Dringendem zu unterscheiden. Und sie muss diese Kultur vorleben. Es gibt Zahlen, die sagen, dass wir durch mangelnde Fokussierung durchschnittlich 54 Arbeitstage im Jahr verlieren. Denn im Durchschnitt springt die Aufmerksamkeit von Führungskräften alle sieben Minuten von Aufgabe zu Aufgabe. Und alle reden davon, dass wir länger arbeiten müssen. Müssen wir nicht. Wir müssen aufmerksamer und geplanter arbeiten.

Und schneller Entscheidungen treffen.
Das auch, ja. Wir treffen heute oft keine Entscheidungen mehr, sondern leiten nur noch Inhalte in E-Mails weiter. Man liest etwas, leitet es weiter, schreibt noch irgendeinen „Senf“ dazu, bezieht zig Leute ein, aber denkt es nicht zu Ende.

Es geht bei der Beratung schwerpunktmäßig gar nicht um das Wirtschaftliche. Man denkt das immer.
Ja, das ist das klassische Bild. Man denkt immer, die Berater sind im Haus und nun werden erstmal Leute rausgeschmissen, um Kosten einzusparen. Der Mensch ist in vielen Unternehmen DER Kos-
tenfaktor. Wenn man ihn aber nach seinen Stärken und Talenten einsetzt und fördert, ist er der Erfolgsfaktor. Ohne ihn funktioniert gar nichts.

Lohnt sich also die Investition in den Mitarbeiter?
Absolut, denn jedes Produkt und jede Dienstleistung ist auf unseren heutigen Märkten völlig austauschbar. Sie können an jeder Ecke alles kaufen. Aber die Frage, wie der Unternehmenszweck und das Produkt lebendig gemacht wird, der Kunde sich fühlt, wenn er telefonisch, persönlich, schriftlich in Kontakt tritt – das kann niemand imitieren und ersetzen. Wenn es exzellent ist, dieses Kundengefühl, dann kommt der Kunde nicht wegen des Produkts, sondern er kommt letztendlich wegen des Menschens, also des Mitarbeiters. Daher ist die Investition in den Mitarbeiter mittelbar eine Investition in den Kunden und letztlich in den Unternehmens-erfolg. Wenn man das einmal begriffen hat und stringent in eine lebendige Unternehmenskultur und passende Strukturen übersetzt und mit viel Disziplin dranbleibt, kann einen vorm Erfolg auch niemand schützen.


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