Hannes Wader: Der Liedermacher wohnt in Kassel

Hannes Wader im Gespräch mit Jérôme-Redakteur Jan Hendrik Neumann. Foto: Mario Zgoll

Hannes Wader im Gespräch mit Jérôme-Redakteur Jan Hendrik Neumann. Foto: Mario Zgoll

„Das ist ja eine wunderbare Linde – eine Kronenbreite von 25 Metern! Wie schön.“ Hannes Wader ist ganz in seinem Element, als wir den prominenten Liedermacher und Weggefährten von Reinhard Mey im Bergpark vor Schloss Wilhelmshöhe treffen. Nicht weit von hier hat er im August 2008, nach 35 Jahren Nordfriesland, mit seiner Familie eine große Altbauwohnung bezogen – traumhaft gelegen und ergänzt durch einen großen Garten, den Wader selbst gestalten will: „Eine meiner Leidenschaften – das wird einfach großartig, fantastisch!“ Hier arbeitet der Musiker, auch ein Virtuose auf der Gitarre, nun bereits an den Liedern für sein 34. Album – das erste, das in Kassel entsteht. Die Eingewöhnung in seine neue Wahl-Heimat erfolgt dabei eher in langsamen Schritten – den äußeren Umständen und auch dem Naturell des bei Bielefeld geborenen Künstlers geschuldet, dem „das Westfälische immer noch an den Hacken hängt“. Tempo sei wohl vor allem deshalb die Sache des Schöpfers von „Heute hier, morgen dort“ nicht. „Eher ein bisschen ,verträumt durch die Gegend‘; in meinem Geist nicht in der Gegenwart, sondern immer irgendwo anders. Und das ist ja zum Songschreiben auch nicht hinderlich.“

Bocksprünge, Mohn und Hibiskus
Als hinderlich erweise sich stattdessen eher so manche Erwartung an ihn, etwa auf stets politische Lieder: „Missstände geißeln – das möchte ich nur als einen Teil meiner Möglichkeiten oder meiner Existenz begriffen wissen. Ich habe ‚7 Lieder‘ gemacht, habe Volkslieder, Arbeiterlieder, Schubert gesungen, Opernarien mit untergebracht – das sind Bocksprünge oder Haken, die kein anderer Sänger überhaupt jemals geschlagen hat. Und trotzdem unterstellt man mir oft Gradlinigkeit. Mit meinem Werk kann das nichts zu tun haben. Vielleicht mit der Attitüde.“ Kritik während des Entstehungsprozesses – auch diese ist offenbar wenig hilfreich: „Das habe ich früher oft zugelassen. Und auf diese Art sind dann viele schöne Lieder nicht zustande gekommen. Man hatte den Keim einer Mohnblume – und die Leute wollten plötzlich einen Hibiskus draus machen.“ In jüngeren Jahren sei er ohnehin leichter zu beeindrucken gewesen: „Als Prof. Walter Jens, damals PEN-Präsident, mir mal nach einem Konzert sagte, er habe ‚Hotel zur langen Dämmerung‘ nicht verstanden, habe ich das Lied 20 Jahre nicht mehr gesungen.“

Kein Pardon, aber die Kugel
hannes-wader3Mehr als 40 Jahre liegt es bereits zurück, dass Waders Wege fast ganz anders verlaufen wären. Damals noch Grafikstudent, erhielt er 1966 – nach seinem ersten Konzertauftritt beim Chanson-Festival auf der Burg Waldeck – das Angebot, als Layouter beim Satire-Magazin PARDON zu jobben. Wader nahm an und wurde für einige Monate Redaktionsmitglied, machte mit, wenn Herausgeber Hans A. Nikel forderte: „Also, liebe Freunde, wir müssen mal wieder ein Tabu brechen!“, wie er sich noch lebhaft erinnert. „Aber dann hat sich das alles verschoben zugunsten der Musik.“ Zu seinem 50. Geburtstag, am 23. Juni 1992, kam es dann noch einmal zu einer „indirekten Begegnung mit den Kollegen von damals – Waechter, Gernhardt, Poth und Weigle (F.W. Bernstein)“: Der frühere Justitiar von PARDON habe diese zusammengetrommelt: „Ihr müsst für Hannes ’ne Zeichnung machen!“ Die hänge nun bei ihm zuhause – „ein richtiger Schatz“ – und, kaum in Kassel, habe es „durch eine lustige Folge von Zufällen“ bereits Kontakte zur von Waechter & Co. mit auf den Weg gebrachten „Caricatura“ gegeben. „So hat sich der Kreis hier geschlossen.“

Ebenfalls mit 50 Jahren entdeckte Hannes Wader über Freunde den Kugelsport Boule für sich, „in einer Phase, in der man als Künstler leicht menschlich verkümmert, verschrumpelt, weil man niemandem verantwortlich ist“. Dank des Team-Spiels es es ihm jedoch damals gelungen, „noch die Kurve zu kriegen“ – auch dies eine seither anhaltende Leidenschaft, die dem Boule-Verein SG Rumkugler Kassel nun ein prominentes und zudem auch noch spielstarkes Mitglied beschert hat: „In Baunatal hätten wir beim Liga-Spiel kürzlich fast den ersten Platz gemacht. Aber die waren zu geizig, das Flutlicht anzumachen, und da musste abgebrochen werden – wegen Dunkelheit …“

Hannes Wader tritt am 29. November in der Kulturhalle Vellmar auf.
Tickets über www.ticketsbycall.de, weitere Infos über www.hanneswader.de

Teilen, drucken, mailen:

4 Kommentare

Günter Schullenberg, Düsseldorf

Hannes Wader („Der Sänger d.Traums vom Frieden“ 26.11.82 „Die Zeit“), seine Lieder sollten Eingang in unsere Schulbücher finden, wie die seines Kollegen Mey auch in Frankreich; bei seinen Konzerten drückten seine kleinen Hintergrundgeschichtchen stets eine große Wärme und Intensität aus. Meine Tochter Inga, geb. 1980, die ich fast schon im Körbchen zu Wader-Konzerten mitnahm, sagte, als sie ihr Elternhaus verlies, dass sie seine frühen Lieder wie Muttermilch eingesogen hätte und, dass sie diese Liedern später ihren eigenen Kindern zugänglich machen würde. Sicher auch eine Hommage an einen großen Liederpoeten
meine ich als Wader-Fan seit bald 40 Jahren.
Günter H. Schullenberg, Düsseldorf.

Irmgard Pracht

Ich freue mich sehr, dass Hannes Wader sich neu sortiert hat , sich gut fühlt und wieder auf Tour geht! Habe Hannes im Februar in Bergheim gesehen und fand ihn wie immer wunderbar! Gitarre super, Stimme wie immer, Hannes pur, Songauswahl viel zu wenig, viel zu kurz! Ich wäre gerne noch geblieben und hätte Hannes noch ewig einfach nur zugehört! Alles wie immer , einfach nur Freude und Genuss! Aber: die beiden Damen vor mir weinten vor Wut, weil Hannes eben nicht mehr dauernd Kampflieder singt! Für mich muß er das sowieso nicht! Ich liebe eigentlich alles was er gemacht hat, mal mehr, mal weniger und seine Bellmann Lieder ganz besonders! Und ich fühle mich bei Wader Liedern sehr gut aufgehoben, was vielleicht ein wenig auch an meinem Alter und an meinem Beruf liegt! Jahrgang 1947, Buchhändlerin und Sprache liebend!

Jochen Schmidt,Berlin

…in meiner Kindheit an des Waldesrand,
manchmal erinnere ich mich,
da wuchs ein wilder Knöterich,
mit dem mich gar manches verband…

…er war tief verwurzelt und wucherte wild,
fast geradezu so wie ich,
wenn ich über Äcker und Wiesen schlich,
mit Wünschen und Träumen gefüllt…usw.,usw.,usw.

Viele Dinge aus dem Vergangenem,an die er uns oft in seinen poetischen Liedern erinnert,haben sehr viel mit meinem eigenem Erleben gemein.Angefangen auf der Burg Waldeck,über dem „Steve-Club“in der krummen Straße,dem „Quartier Latin“in der Potsdamer Straße,der „Neuen Welt“in der Hasenheide bis in die Jetzt-Zeit – gab er mir mit seinen mit melodischer Stimme gesungenen Texten Halt und Hoffnung,
machte er den Alltag erträglich und weniger grau.
(Würde Ihm gern einmal hierfür persönlich Dankeschön sagen,doch leider kenne ich weder eine Post noch eine E-Mail-Adresse)

Stephan Kießlich

…auch wenn sich unsere Wege
nur still und einseitig kreuzen:
Hannes Wader durchzieht, benetzt, begleitet
mit seinen Liedern mein Herz, mein Wesen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.