„Ich war Dumbo!“ – Herrscher der Lüfte

Aus Lego-Steinen trinken sie ihr Zuckerwasser am liebsten: Die Hummeln im Kasseler Naturkundemuseum, die den Besucher am Eingang der noch bis zum 19. September gezeigten Sonderausstellung „Herrscher der Lüfte“ begrüßen, wenngleich aus der gesicherten Position in ihrer Schauvitrine. „Ein kompletter Staat, samt Königin“, berichtet Museumsleiter Dr. Kai Füldner, der dem fliegenden Gemeinwesen seinen ungewohnten Aufenthaltsort nach Kräften schmackhaft zu machen versucht: „Hummeln lieben ja Äste mit frischem Flieder!“ Über die Vorlieben der „Ersten am Start“ ist dagegen kaum etwas bekannt, denn sie erhoben sich bereits vor rund 400 Millionen Jahren in die Luft: Fliegende Insekten, die damals zum Teil erheblich größer waren als heute. „Der Luftdruck oder die Zusammensetzung der Luft waren zu jener Zeit anders, und das hatte unmittelbare Auswirkungen auf ihr Wachstum“, so Dr. Füldner. „Denn Insekten atmen ja nicht über eine Lunge, die den Sauerstoff aktiv im ganzen Körper verteilt, sondern passiv, also über ein Kanalsystem, das bis in jede Zelle hineinreicht. Und das funktioniert nur bis zu einer Größe, die dem Luftdruck entspricht.“ Der bis zu zwölf Zentimeter lange und 110 Gramm schwere Goliathkäfer – in West-Zentralafrika zuhause – ist daher das größte Insekt unserer Tage und ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Deren Besucher können sich überdies die Beschaffenheit typischer Fluginsektenkörper aus eigenem Blickwinkel bis ins letzte Detail vor Augen führen, mit Hilfe von Mikroskopen und entsprechenden Präparaten, die zum Teil von der Natur selbst geschaffen wurden: „Unsere Fliegen-Einschlüsse in Bernstein etwa sind bereits vor rund 60 Millionen Jahren entstanden.“

Imposante Kreaturen: Nachbildungen von Flugsauriern sind im Naturkundemuseum zu bewundern. Foto: Jan Hendrik Neumann

Imposante Kreaturen: Nachbildungen von Flugsauriern sind im Naturkundemuseum zu bewundern. Foto: Jan Hendrik Neumann

Fliegende Saurier aus Kassel
Zu gleichen Teilen vom Museum für Naturkunde Dortmund und dem Naturkundemuseum Kassel getragen, hat letzteres die „größten Brocken“ beigesteuert: Zwei lebensechte Nachbildungen gewaltiger Flugsaurier, von denen einer – der Criorhynus, mit zehn Metern Spannweite – seine Schwingen über der Inszenierung eines Strandes ausbreitet. „Denn die Flugsaurier waren überwiegend Küstenbewohner und Fischfresser“, sagt Füldner über die imposanten Kreaturen, die der Wissenschaft noch zahlreiche Rätsel aufgeben. „Einige von denen hatten ja Riesensegel – was mag passiert sein, wenn da mal eine Böe reingehauen hat?“, fragt sich wohl nicht nur der Museumsleiter. Die Übergänge zwischen Sauriern und Vögeln sind unter anderem mit Abgüssen des berühmten Archäoperyx und des 1996 in China entdeckten Sinosauopteryx, vertreten, des ersten bekannten gefiederten Dinosauriers. Füldner: „Damit war klar: Es gab auch Federn an ganz normalen Laufsauriern, nur als Wärmeschutz.“ Die vollendeten Weiterentwicklungen dieses Gefiederansatzes präsentiert ein Vogelensemble aus Weltrekordhaltern, darunter der Schnellste, der Hochfliegendste, der am tiefsten Tauchende und der größte Schreitvogel, eskortiert von einem Sturzfluggeschwader aus heimischen Raubvögeln, das – mit eingefrorenem Kurs auf die Ausstellungsbesucher – unter der Museumsdecke schwebt. Das Leben der eher selten zu sichtenden Luftjäger der Nacht, der Fledermäuse, wird sowohl mit präparierten Exemplaren wie auch Filmen zum technischen Verständnis ihres Wirkens dargestellt.

Eigene Startbahn für Flugrekorde
Der Abschnitt „Menschliche Flugversuche“ schließlich bietet neben einem an Exponaten reichen historischen Abriss sowohl physikalische Experimente zum Mitmachen wie auch Leuchttische mit Anleitungen zum Bau von Papierfliegern. Welcher davon es am weitesten schafft, kann sofort im Anschluss auf einer Wettkampf-Startbahn samt echten Flugzeugsitzen als Zuschauertribüne ausprobiert werden. Dr. Kai Füldner: „Da basteln auch die Väter begeistert mit!“ Nur einer inmitten all dieser Flugbegeisterten hebt nicht ab; seine Vitrine bleibt zwar unverhüllt, wird aber dennoch – trotz starker Fürsprecher – nicht geziert von dem Hinweisschild „Ich war Dumbo!“: der Goethe-Elefant.

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