Das Staatstheater-Projekt – Wo beginnen Machtstrukturen?

Na gut, so unverblümt hätte ich es nicht fragen sollen: „Was macht eine Tanz- und Theaterpädagogin?“ Sabine Simon reagiert genervt: „Müssen wir jetzt auf dieses Thema kommen, oder was? Können wir über dieses Stück reden, nicht über meine Profession!“ Manche Künstler sind im Umgang (mit Journalisten) nicht ganz einfach. Aber erwiesenermaßen muss dies kein schlechtes Zeichen für die Qualität ihrer Arbeit sein. Frühere Produktionen von Sabine Simon wurden im Theater im Fridericianum (tif) vor stets ausverkauftem Haus gezeigt und fanden viel Anerkennung unter Theaterleuten. Ihr neues Projekt „Raumbefragung: Posen für die Macht“ wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert, was sie selbst im Gespräch nicht erwähnt: Sich mit Auszeichnungen und Förderungen zu schmücken, liegt ihr offenbar fern – ein sympathischer Zug.

Fotos: Nils Klinger

Fotos: Nils Klinger

Ihre Raumbefragung bezieht sich auf das Spielzeitmotto „Macht/Rausch“ des Staatstheaters Kassel und bringt Schauspieler zusammen mit Studentinnen der hiesigen Kunsthochschule, Kindern aus Bettenhausen, Erwachsenen fremder Herkunft und „Einheimischen“ aus der Kasseler freien Szene auf die Bühne des Schauspielhauses. Es gibt keine Textvorlage, keine Geschichte. Sabine Simon: „Ich habe als Symbol ein abgeklebtes Kreuz in der Mitte des Raumes gefunden. Alle Akteure versuchen, diesen Mittelpunkt einzunehmen, sind aber eben mehr oder weniger geübt im Umgang mit dem Machtraum Bühne. Daraus entwickelt sich ein Spiel. Manche schaffen es, in eine Pose zu kommen, manche scheitern schon vorher. Letztendlich geht es  darum, eine Haltung zu finden.“

„Macht“, so erläutert der Dramaturg Horst Busch, „haben nach landläufigem Verständnis Politiker oder Chefs. Hier ist eine andere Frage zentral: Wo fangen Machtstrukturen an und wo kippen sie in kleine Bewegungen?“ Neben dieser Mikrophysik der Macht verheißt der kulturübergreifende Ansatz spannende Erfahrungen. „Es gibt“, so Sabine Simon, „russische Tänzer, die – sehr salopp gesagt – anders ticken, und das gilt auch für die türkischen Frauen. Mich interessiert in diesem Zusammenspiel: Worauf bauen sie eigentlich ihre Sicherheit auf, was ist die Grundlage ihrer Ausstrahlung?“

Zur theatralischen Komposition gehören neben einem finalen Fest im Foyer auch Videos von Mustafa Gündar, Klanginstallationen von Christine Weghoff und Musik von Berthold Mayrhofer, Gunter Fuhr und Ünal Deniz. Es soll eine „Musik ohne Kategorien“ werden. Als ich nach dieser Formulierung vielleicht eine Spur zu süffisant lächle, fragt Sabine Simon streng: „Brauchst du Kategorien?“

Premiere: Samstag, 16. Mai, 19.30 Uhr, Schauspielhaus. Weitere Vorstellungen: Freitag, 22. Mai und Samstag, 23. Mai, jeweils 19.30 Uhr, Schauspielhaus. Karten: 0561/1094-222.
www.staatstheater-kassel.de

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