Das war noch ne Krise

„Unsern Kurfürst hab´n wir dick!“
Wer heutige Zustände beklagt, sollte mal einen Blick noch weiter zurück werfen als 1968, auf unsere erste (gescheiterte) Revolution von 1848, Ursache, Verlauf und Folgen.

Das tun die beiden Autorinnen recht gelungen anhand einiger Biographien der heute vergessenen Protagonisten und der hiesigen Zustände: Kurhessen war, aufseiten der Fürsten, ein Sündenpfuhl und eine reaktionäre Jauchegrube, aufseiten des Volkes ein zurückgebliebenes Armenhaus, zwei Drittel „dicht am Existenzminimum“. „Die staatliche Sozialpolitik beschränkte sich auf die Beratung der Auswanderer nach Amerika.“ Dagegen rebellierten ein paar Gebildete aus dem sehr, sehr schmalen Bürgertum, anfangs mit größerem Erfolg als anderswo in Deutschland, der leider nicht von Dauer war, denn sie erwiesen sich nun mal nicht als Helden, sondern als „Epikuräer in Schlafrock und Pantoffeln“. Trotzdem: verblüffend, faszinierend, was damals hier passierte, weil heute fast gänzlich unbekannt. Die spektakuläre Flucht eines der Protagonisten aus dem Kastell, der „Kasseler Bastille“ (heute steht da das Haus der Jugend) erregte sogar weltweites Aufsehen. Allerdings: Das Werk ist akademisch, nicht literarisch, es fehlen die Gerüche; wer von Biedermeier und Romantik träumt, hätte sich in der Realität die Nase zuhalten müssen.

Charlotte Müller-Reisener, Sibylle Heise:
Die Rolle der Demokraten in der kurhessischen Konfliktzeit von 1848 bis 1852
Verlag Winfried Jenior, 2017, 288 Seiten, 24 Euro

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