Der große Unterschied

Geschlechter-Verwirrung im Spiegel der Biologie

Brauchen wir in Zukunft tatsächlich Toiletten für das sogenannte „dritte Geschlecht“? Und kann es sinnvoll sein, Kindern bereits in der Grundschule – oder gar noch früher – „geschlechtliche und sexuelle Vielfalt“ nahezubringen, um sie damit „zu unterstützen, ihre sexuelle Identität und Orientierung zu entwickeln“? Inzwischen greifen solche Konzepte schon bis in die Lehrpläne der Bundesländer hinein, zumeist unter Bezug auf das sogenannte „Gender Mainstreaming“, deren Befürwortern es vorgeblich um die „Gleichstellung der Geschlechter“ geht. Im Gespräch mit Jérôme hat der streitbare Kasseler Evolutionsbiologe Prof. Dr. Ulrich Kutschera dazu eine klare Position.

Prof. Dr. Ulrich Kutschera mit seinen Forschungsobjekten: Zwittrige Pflanze und hermaphroditischer Egel. Foto: Jan Hendrik Neumann

Prof. Dr. Ulrich Kutschera mit seinen Forschungsobjekten: Zwittrige Pflanze und hermaphroditischer Egel. Foto: Jan Hendrik Neumann

Dass es plötzlich erheblich mehr als die zwei bislang vertrauten Geschlechter »Mann« und »Frau« geben soll, erfuhr eine breitere Öffentlichkeit vermutlich am nachhaltigsten durch Facebook. Das weltweit größte soziale Netzwerk ermöglicht seinen Nutzern – in deren Profil unter »Geschlecht« einzutragen – nunmehr die freie Wahl aus Zuschreibungen wie »Pangeschlecht«, »gender variabel«, »Two Spirit drittes Geschlecht«, »XY-Frau«, »Viertes Geschlecht«, »transmaskulin«, »Frau zu Mann (FzM)«, »Drag« und »Transmensch« – bis hin zu »Butch« und »weder noch«. Kann die Biologie da noch mithalten, kann sie diese scheinbare Explosion der Identitäten wissenschaftlich untermauern?

Primäres Geschlecht ist weiblich
„Die Geschlechts-Identität, mithin die »Gender Identity«, ist bei über 99 Prozent aller Babys bereits vorgeburtlich festgelegt“, sagt Ulrich Kutschera. „Und diese sind entweder eindeutig männlich oder eindeutig weiblich“, wie der Evolutionsforscher auch in seinem 2018 erschienenen Fachbuch »Das Gender-Paradoxon – Mann und Frau als evolvierte Menschentypen« argumentiert. Da das primäre Geschlecht nach Erkenntnis der Entwicklungsbiologie weiblich sei, entwickle sich die befruchtete Eizelle bis zur sechsten Schwangerschaftswoche entsprechend, erst dann werde gegebenenfalls, zunächst durch Umpolung in den Keimdrüsen, später im Hirn, eine Vermännlichung eingeleitet.

Geschlechtsausbildung hat nicht funktioniert
Nur in äußerst seltenen Fällen, bei sogenannten Intersex-Menschen, sei aufgrund einer angeborenen Chromosomenstörung keine eindeutige Zuordnung möglich. „Es gibt Männer, die fühlen sich als Frauen“, so der Biologe. „Da hat dann die sekundäre, Testosteron-abhängige, Y-Chromosomen-gesteuerte Vermännlichung des Gehirns nicht funktioniert.“ Betroffen seien auch Menschen mit Klinefelter-Syndrom, die vom Körperbau männlich aussehen, jedoch über zwei aktive X-Chromosomen und ein Y-Chromosom verfügen (XXY), oder Personen mit Turner-Syndrom, die zwar weiblich erscheinen, indes kein zweites X-Chromosom besitzen (X0). „Das ist natürlich kein »drittes Geschlecht«. So etwas zu behaupten, wäre völliger Unsinn“, erläutert der Professor. „Das sind Menschen, bei denen die Geschlechtsausbildung nicht funktioniert hat und die deshalb auch nicht fortpflanzungsfähig sind. Denen muss man helfen.“

Homosexualität ist angeboren
Und wie sieht es, aus Sicht des Biologen, mit den sonstigen Anreizen der derzeit allgegenwärtig im Blickpunkt stehenden „geschlechtlichen und sexuellen Vielfalt“ aus? Ist die entsprechende Orientierung tatsächlich frei wählbar, zum Beispiel gleichgeschlechtliches Verlangen? Kutschera: „Nach eingehendem Studium der entsprechenden Fachliteratur argumentiere ich auch in meinem Fachbuch wie folgt: Homosexualität ist angeboren, sie ist weder an- noch ab-erziehbar. Von 100 Frauen und 100 Männern einer beliebigen ethnischen Gruppe sind es jeweils mindestens 95 heteronormale Individuen, die sich erotisch zum anderen Geschlecht hingezogen fühlen, alles evolutionär herausgebildet – sonst wären wir längst ausgestorben.“

Selbstmord nach Umbau zur Frau
Und was wäre demnach von der Behauptung zu halten, dass der Mensch bei seiner Geburt sozusagen noch ein »leeres Gefäß« sei und erst durch sozio-kulturelle Einflüsse zu Mann oder Frau erzogen werde, wie dies etwa die Philosophin Judith Butler vertritt, was Kritiker als »Gender Ideologie« bewerten? Ein solcher Ansatz, der den seit über 200 Jahren biologisch verwendeten Begriff »Gender« als »soziales Geschlecht« uminterpretiert, gehe auf den klinischen Psychologen und Sexualforscher John Money (1921–2006) zurück, erklärt Evolutions-Experte Kutschera. „Money hat gesagt: Kleine Jungs können durch Sterilisation und Hormonbehandlung problemlos in heterosexuelle Frauen verwandelt werden.“ Mit dieser 1972 popularisierten These ging ein letztlich tödlicher Menschen-Versuch einher: 1967 wurde der damals zweijährige Bruce Reimer auf Anraten von John Money kastriert, „Brenda“ genannt und ab dem zwölften Lebensjahr mit Hormonen behandelt. Diese ihm im Rahmen einer Zwillingsstudie zugewiesene Rolle konnte der Junge, von Money als „normales, glückliches Mädchen“ beschrieben, jedoch nie akzeptieren. Als er mit 14 Jahren von seiner unfreiwilligen Verwandlung erfuhr, ließ sich Bruce Reimer sofort mit entsprechenden Gegeneingriffen behandeln und versuchte fortan wieder als Junge zu leben. 2004 beging er Selbstmord.

Männer denken völlig anders
Dem „Frau-gleich-Mann“-Ansatz, wie ihn Prof. Dr. Kutschera als Zentralthese des 1995 bei einer Welt-Frauen-Konferenz in Peking geprägten Begriffes »Gender Mainstreaming« sieht, stehen aus seiner Sicht überdies zahlreiche biologische Fakten entgegen. So verweist der Biologe etwa auf die genetische Differenz von Mann und Frau. „Mann und Mann, Frau und Frau, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit, sind zu 99,9 Prozent identisch“, erklärt der Forscher. „Zwischen Mann und Frau haben wir jedoch einen Unterschied von 1,5 Prozent, das ist fünfzehnmal mehr. Mithin: Mann und Frau unterscheiden sich bezüglich proteinkodierender Gene wie Schimpanse und Mensch.“ Doch damit nicht genug: „Entsprechende Körperhöhen-Studien in den USA – sie gelten für 65 ethnische Gruppen – haben zudem ergeben, dass Männer durchschnittlich sechs bis zehn Prozent größer sind als Frauen“ und: „Ebenso ist die Vernetzung im Großhirn grundlegend verschieden: Männer denken völlig anders als Frauen.“ Detaillierte Berechnungen und Quellen dazu finden sich in seinem Gender-Buch, wie auch der Verweis auf Studien aus dem Jahr 2014, nach denen die Biologie nun die Gewissheit hat, dass der Einfluss der Geschlechts-Chromosomen (XX bzw. XY) im gesamten Körper wirkt, bis in die kleinste Ebene des Organismus. „Daraus folgt: Wir sind, von der Zehenspitze bis zum Haaransatz, in über 99 Prozent aller Fälle Mann oder Frau.“

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