Deutsche Grammatik – Büchels Spiegel polarisiert

Am 5. September begann eine neue Ära in der bewegten Geschichte des Fridericianums. Seiner Funktion als Museum beraubt, wurden die Räume für verschiedene Zwischennutzungen freigegeben. Unter anderem zogen eine Filiale des Discounters Mäc-Geiz, eine Spielothek sowie ein Sonnenstudio und ein Fitness-Center in das Fridericianum ein. Ein kompletter Flügel wurde als Veranstaltungsort für die erste Messe politischer Parteien Deutschlands, die politica, genutzt. In einem weiteren Flügel wurden die zerrissenen Akten des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik rekonstruiert.  Auch der Friedrichsplatz, auf dem bis Mitte des 20. Jahrhunderts militärische Paraden abgehalten wurden, erhielt eine neue Funktion. Aber keine Sorge, das wird nicht für immer so sein. Die Teils provokanten Umbauarbeiten gehören zu der umstrittensten Ausstellung, die das Fridericianim seit langem gesehen hat: Deutsche Grammatik von Christoph Büchel.

Foto: Mario Zgoll

Foto: Mario Zgoll

Mit der Ausstellung Deutsche Grammatik thematisiert Büchel die jüngere deutsche Ge-schichte und aktuelle politische und gesellschaftliche Strukturen des Landes. 1818 schrieb Jacob Grimm, damals Bibliothekar im Kasseler Fridericianum, den ersten Band seiner Deutschen Grammatik; 2008 fungiert eben dieser Titel als Metapher für eine Ausstellung zur aktuellen deutschen Kultur. Christoph Büchel bespielt die 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche der Kunsthalle Fridericianum und bezieht den Außenraum mit ein. Mit einer Gesamtinstallation, in der Realitäten detailgetreu rekonstruiert und raumgreifend geschaffen wurden, widmet er sich der Situation des Landes und der Bedeutung und Funktion des ältesten Museumsgebäudes des europäischen Festlandes. In diesem Rahmen fand auch am 6. und 7. September im Fridericianum die politica statt, die erste Parteienmesse Deutschlands.

Mit Büchels Metapher zur aktuellen deutschen Kultur eröffnete die Kunsthalle Fridericianum ihre Spielzeit bis Dezember 2011. Unter der neuen Künstlerischen Leitung von Rein Wolfs versteht sich die Kunsthalle als Ort der Auseinandersetzung über Kunst, Humanität, Identität und gesellschaftspolitische Relevanz.  Rein Wolfs hat sich für eine Ausstellung mit Christoph Büchel entschieden‚ „weil er imstande ist, die Verbindung zwischen Kunst und Gesellschaft offen zu legen, die momentane Condition Humaine zu markieren und den Diskurs über die Rolle und Bedeutung der Kunst anzukurbeln“. In der künftigen Programmierung der Kunsthalle Fridericianum werden genau diese Themen einen zentralen Stellenwert einnehmen. Die Ausstellung Deutsche Grammatik ist noch bis zum 16. November zu sehen. Ein Besuch lohnt sich.

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