Die chinesische Sopranistin LinLin Fan lässt mit anmutigen Tönen aufhorchen

Toll gesungen, bezaubernd gespielt: Ein glänzendes Operndebüt legte LinLin Fan im September als junge Witwe Norina in Donizettis „Don Pasquale“ hin. Norina ist eine Paraderolle im Stimmfach des lyrischen Koloratursoprans und verlangt eine agile und höhensichere Stimme. Genau das Richtige für die chinesische Sängerin, die seit Beginn der Spielzeit dem Staatstheater Kassel als festes Ensemblemitglied angehört.

Da geht die Sonne auf: Die Opernsängerin LinLin Fan ist neu am Staatstheater Kassel. Dort zeigt sie, welches Vergnügen schnelle Koloraturen und hohe Spitzentöne machen können. Foto: Mario Zgoll

LinLin Fan stammt aus Shenyang, dem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum im Nordosten Chinas. Sie kam mit 18 nach Deutschland und gewann bereits einige Jahre später den Lortzing-Wettbewerb in Leipzig. Bis 2009 war sie im Jungen Ensemble der Semperoper Dresden. In Kassel wird sie in dieser Spielzeit unter anderem als Elfenkönigin Titania in „Ein Sommernachtstraum“, als Costanza in der Barockoper „Griselda“ und als Blumenmädchen in „Parsifal“ zu hören sein. Ab dem 10. Dezember spielt und singt sie die Papagena in Mozarts „Die Zauberflöte“.

Jérôme: Frau Fan, Sie kommen wie der Pianostar Lang Lang aus der Millionenstadt Shenyang. Welchen Stellenwert hat europäische klassische Musik in China?

LinLin Fan: Da tut sich sehr viel bei uns. Wir haben mehrere Opern- und Konzerthäuser gebaut. In meiner Heimatstadt gibt es ein großes, neues Konzerthaus und die Leute gehen ständig dorthin. Zum chinesischen Klassikboom hat Lang Lang sicher einiges beigetragen. Wegen ihm ermuntern viele Eltern ihre Kinder zum Klavierspiel. Die Eltern haben die Hoffnung, dass ihre Kinder so berühmt werden wie Lang Lang.

Jérôme: Wie haben Sie die europäische Oper kennengelernt?

Fan: Ich habe chinesischen Volksgesang studiert, wunderschöne Lieder, ich habe sie alle gern gesungen. Doch eines Tages störte mich, dass man dabei nur auf der Bühne steht und bestimmte Handbewegungen ausführt. Mit 17 sah ich dann DVDs von „Die Hochzeit des Figaro“ und der „Fledermaus“. Da dachte ich: Das möchte ich kennenlernen, das ist lustig, so will ich auf der Bühne spielen. Also sagte ich meinen Eltern, dass ich zur westlichen Oper wechseln möchte. Und meine Eltern, die sehr offen sind, erwiderten: Dann mach das.

Jérôme: Wie kamen Sie nach Deutschland?

Fan: Ich hatte im Musikinternat einen Klavierlehrer, dessen Sohn in Berlin studierte. Der Lehrer sagte mir, dass er mir helfen könne, einen Studienplatz in Deutschland zu bekommen. Wir sollten es versuchen. Und es hat geklappt.

Jérôme: Es war sicher nicht einfach, mit einer vollkommen anderen Sprache konfrontiert zu werden…

Fan: Ich kann mich noch gut an ein Erlebnis erinnern: Mit 18 war ich in Berlin und musste ganz allein mit einer Karte eine U-Bahn-Haltestelle finden, obwohl ich zuvor noch nie eine solche Karte gelesen hatte. Gott sei Dank halfen mir die Leute weiter. Es stimmt: Deutsch ist schwer zu lernen, aber mein Deutsch wird immer besser. Wenn man hier leben möchte, muss man die Sprache unbedingt beherrschen.

Jérôme: Wie viele Sänger bewerben sich für einen Platz im Jungen Ensemble der Semperoper Dresden, wo Sie nach Ihrem Studium tätig waren?

Fan: Sehr viele, und das Vorsingen dauert nicht nur einen einzigen Tag. Ich hatte Glück. Glück gehört zu meinem Beruf.

Jérôme: Was führte Sie ans Staatstheater Kassel?

Fan: Nach eineinhalb Jahren in Dresden, wo ich mit großen Leuten zusammenarbeitete und viel lernte, war ich freischaffende Sängerin. Irgendwann wollte ich aber ein festes Engagement, um neue Erfahrungen zu erleben. Meine Agentin machte mich aufmerksam auf die offene Stelle in Kassel und erzählte mir von ihren positiven Eindrücken: ein interessantes Haus mit gutem Ruf in der deutschen Opernlandschaft. Da sagte ich mir, dann versuche ich es mal.

Jérôme: Wie haben Sie Kassel bisher erlebt?

Fan: Am Staatstheater fühle ich mich sehr sicher. Ich möchte Schritt für Schritt mein Repertoire entwickeln, und man gibt mir hier die Freiheit dazu. Ich finde die Nordhessen auch bedeutend netter, als sie mir geschildert wurden. Manchmal komme ich einfach so mit einer Dame auf der Straße oder mit einer Verkäuferin in der Bäckerei ins Gespräch.

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