„Ein Meilenstein“ – Familie Bode und die documenta

Kathrin Bode ist freiberuflich im Marketing tätig und ein großer Kunstfan, „wie alle in der Familie. Das prägt, wenn man mit Kunst aufgewachsen ist.“ Warum dieser „Ausrutscher“, öffentlich etwas über eine aktuelle documenta zu sagen? „Weil es nur Positives zu sagen gibt. Das war diesmal ein echter Meilenstein. Eine documenta der Superlative. Wir Bodes sind ja heute übers ganze Land verteilt, aber immer wenn documenta ist, kommen alle in Kassel zusammen und sehen sich die neue Schau an. Diesmal waren wirklich alle begeistert. Sicher, es gibt immer ein paar Sachen, die man nicht versteht oder von denen man nicht so beeindruckt ist, das kann ja gar nicht anders sein. Aber insgesamt war es großartig.“

Eigentlich kommentiert der weitverzweigte Clan des legendären documenta-Gründers und Leiters der ersten vier Ausstellungen moderner Kunst in Kassel die Arbeit seiner Nachfolger nicht. Arnold Bodes Großnichte Kathrin Bode hat trotzdem exklusiv mit Jérôme gesprochen. Nicht nur über dOCUMENTA 13, auch über die Familiengeschichte. Foto: Mario Zgoll

Bode hatte eine Dauerkarte und war sehr oft da, immer nur in jeweils einem der Ausstellungsorte, zwei bis drei Stunden, „dann ist es vorbei mit der Aufnahmefähigkeit. In der Neuen Galerie fand ich es besonders interessant.“ „Leaves of Grass“ von Geoffrey Farmer war ihr Lieblingskunstwerk. Dass in der erste Hälfte das Wetter so unbeständig war, fand sie gar nicht schlecht, da gab es keine Schlangen, war es noch nicht so voll in den Räumen, man konnte sich ganz entspannt dem Kunstgenuss hingeben. Vielleicht hätte tatsächlich an der Million gekratzt werden können, wenn der ganze Sommer schön gewesen wäre. „Ich habe eigentlich keinen getroffen, der die ganze Schau nicht gut fand. Und es waren ja nicht nur die normalen Besucher da, sondern auch zwölftausend Medienleute und fünftausend Fachbesucher von Museen und Galerien. Die Atmosphäre in der ganzen Stadt war diesmal besonders toll. Das war eine großartige Leistung von CCB. Auch mit diesen lustigen Äußerungen. Das mit dem Wahlrecht für Erdbeeren war doch ein schöner Gag.“

Stimmt. Ich hätte übrigens gar nichts gegen ein Wahlrecht für Erdbeeren einzuwenden – sofern die Erdbeere nachweisen kann, dass sie 18 Jahre alt und in der Lage ist, ihre Stimme abzugeben. Aber wie kommt es denn, dass bei einer documenta immer der Leiter der eigentliche Star ist? „Das war schon bei Arnold Bode so, und das prägt bis heute. Er muss ein außergewöhnlicher Mensch gewesen sein. Ich war ja noch ein Baby, als er 1977 gestorben ist, aber seine Frau Marlou habe ich noch erlebt, eine großartige Frau. Bei Arnold gab es aber auch viel Kritik, vor allem, weil er immer den Etat überzogen hat. Mit Geld hatte er es sowieso nicht so. Wenn er mal Geldprobleme hatte, schnappte er sich eins seiner eigenen Bilder und marschierte damit zur Bank, um es zu verkaufen. Die hat heute eine Menge seiner Werke.“

Vier Brüder
Wie viele Bodes gibt es denn eigentlich heute? Erst mal stellt Kathrin Bode klar, dass es keinerlei Verwandtschaft mit der anderen bekannten Kasseler Bode-Familie gibt, denen von Krauss-Maffei Wegmann, auch nicht um soundso viele Ecken. Dreißig bis vierzig, schätzt sie, müssten es heute sein, ein Dutzend noch in Kassel und Umgebung. Ursprünglich waren es vier Brüder, Arnold, Paul, Theo und Egon, deren Eltern eine Zimmerei in der Nordstadt betrieben. Die Firma gibt es immer noch, über hundert Jahre alt, inzwischen Bode Holzbau, jetzt in Kaufungen, der jüngste Bruder Egon hat sie übernommen, nach dessen frühem Tod hat „Oma Maria das Geschäft geleitet, sie ist jetzt 94 und immer noch fit“. Sohn Stephan ist jetzt der Inhaber, Kathrin Bodes Vater. „Er wirkt bis heute an der Ausstellungsarchitektur mit und baut im Auftrag der documenta GmbH die Ausstellungsräume nach Wünschen der Künstler um.“

Künstler und Architekt
Fast alle anderen Bodes haben irgendwas mit Medien oder Kunst zu tun, Arnolds Tochter Nele zum Beispiel ist Künstlerin in Frankfurt, „die turnt mit ihren achtzig Jahren noch mit Schweißgeräten rum.“ Arnold, der Künstler, und Paul, der Architekt, haben beide für die Familienfirma Stühle entworfen, sich aber irgendwann verkracht und bis zu ihrem Tod kein Wort mehr miteinander gewechselt. „Die Firma hatte eine Halle an der Fiedlerstraße in der Nordstadt, und bei den ersten documentas war das das Lager, wo die ganze Kunst bis zur Eröffnung rumstand. Das war alles noch ziemlich improvisiert damals.“

Gibt es denn überhaupt etwas, das Kathrin Bode bei dieser documenta nicht so gut gefiel? „Also, einen Wunsch hätte ich schon für 2017. Nämlich dass man, wie für eigentlich alle anderen Ausstellungen oder Museen inzwischen auch, die Tickets online kaufen und sich ausdrucken kann. Sie haben ja die Schlangen gesehen, besonders in der zweiten Hälfte, als das Wetter besser war. Die Leute mussten erst mal eine Stunde an diesen Ticket-Containern anstehen, und dann stundenlang vor dem Fridericianum, da hat sich die Schlange über den ganzen Friedrichsplatz gewunden. Wäre doch angenehmer, wenn man sich wenigstens die erste Schlange schenken könnte.“

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