Eugen Egner – Kafka unter LSD

Egner rockt den Kopf“ ist unter den Rezensionen auf amazon.de zu lesen. Und dies tut er auf vielfältige Weise: sein Oeuvre umfasst neben Bild- und Cartoonbänden auch Romane und Storysammlungen. Außerdem betätigt er sich im Trio „Gorilla Moon“, das sich dem freien, improvisierten Jazz und Rock verschrieben hat, als Gitarrist und tritt auf mit „Olga La Fong“, einer sogenannten ‚Sparoper‘.

Anständig trinken
„Aus dem Tagebuch eines Trinkers“ ist Egners wohl bekanntestes Werk und auch sonst setzt er sich häufig mit dem Thema Alkohol auseinander. 2008 illustrierte er den humoristischen Alkohol-Genießer-Guide „Anständig trinken“ des 1995 verstorbenen britischen Schriftstellers Kingsley Amis. Das von Egner „reich verzierte“ Buch, wie es im Untertitel heißt, wurde zu einem Verkaufsrenner, wohl auch aufgrund der originellen Idee, die es sich von üblichen Büchern abheben ließ. Bei Kingsleys Erben stieß diese Ausgabe allerdings auf wenig Gegenliebe. Der Verlag Rogner & Bernhardt schrieb an Egner: „… leider haben wir uns einigen Ärger um das von Ihnen so wunderbar illustrierte Amis-Buch eingehandelt: Die Amis-Erben konnten sich im Nachhinein so gar nicht mit den Illustrationen anfreunden und haben die Agentur nun dazu bewegt, dass wir diese schöne Ausgabe nicht mehr verkaufen dürfen.“

Chlorschnaps und Holzmönche
Egners Texte, wie auch seine Zeichnungen, sind vorwiegend im Bereich des grotesken Humors angesiedelt. Seine Texte offenbaren einen prägnanten Sinn für Sprache. Sie leben von ganz eigenen Satz- und vor allem Wortkonstruktionen. Er versteht es, Wortschöpfungen zu kreieren, die sich dadurch auszeichnen, dass sie dem Leser vertraut erscheinen, wie etwa „Holzmönche“ oder „Chlorschnaps“. Mit seinem ganz eigenen Stil hebt sich Egner vom gängigen Literaturbetrieb ab, was ihm neben Kritikern wie den Amis-Nachkommen auch viele Verehrer einbringt. Der Schriftsteller Herbert Rosendorfer etwa fordert „Herrn Egner den Nobelpreis zu verleihen, zumindest aber, ihn zum Papst zu wählen (Eugen V.)“. Keine dieser Würden war ihm bisher vergönnt, wohl aber 2003 der „Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor“. Damit befindet er sich in der Gesellschaft von Größen der komischen Literatur wie Robert Gernhardt, Gerhard Polt, Max Goldt und Loriot.

Wie Kafka unter LSD
In Egners frühen Werken, die mittlerweile nur noch schwer zu bekommen sind, lagen Komik und Schrecken selten weit auseinander. In späteren Werken jedoch vollzieht sich eine Hinwendung zu einer makabren und unheimlichen Phantastik. Fortan schafft Egner in seinen Texten skurrile Welten, in denen „nichts ist, wie es scheint, und alles ist, als ob es nicht sein sollte“ (taz). Auch final findet keine Auflösung der absurden Szenarien statt. Der Leser sieht sich einem plötzlichen und offenen Ende gegenüber.

In „Nach Hause“ (2007) widmet sich Egner beispielsweise der dunklen Seite der menschlichen Psyche. Die Protagonisten, allesamt Durchschnittsmenschen, durchleben scheinbar alltägliche Situationen, eine Straßenbahnfahrt etwa. Doch plötzlich sehen sie sich einer neuen Situation gegenüber, die ihren Erfahrungshorizont sprengt. Folglich finden sie sich nicht mehr zurecht, „wie in einem Traum, den sie nicht begreifen können“ (literaturkritik.de). Ähnlich ergeht es dem Leser, dessen einziger Anhaltspunkt in einer erzählten Welt voller Unsicherheiten die Perspektive des jeweiligen Protagonisten ist. Die leise Ahnung, dass etwas nicht in Ordnung ist, verdichtet sich schließlich in einem Stakkato von Verstörendem und Grausamen. Doch die Protagonisten befinden sich nicht auf einem unerklärlichen Horrortrip. Vielmehr ist es das Verdrängte, das zutage gefördert wird.

Das Schweizer Nachrichtenmagazin Facts findet, Egner schreibe wie „Kafka unter LSD“.

Werdegang
Eugen Egner wurde 1951 im Baden-Württembergischen Ingelfingen geboren und lebt seit 1955 in Wuppertal. Angefangen hat er als Grafiker. Außerdem übersetzte er unter anderem Texte der legendären britischen Komikergruppe „Monty Python“ ins Deutsche. Bald folgten Zeichnungen und Hörbeiträge für den WDR, zum Beispiel für „Die Sendung mit der Maus“. Die ersten gedruckten Zeichnungen erschienen 1978 in der Wuppertaler Stadtillustrierten Kulturmagazin, bei der er auch für das Layout verantwortlich zeichnete. Ab 1988 erschienen seine Zeichnungen und Texte schließlich in einschlägigen Literatur- beziehungsweise Satirezeitschriften wie Der Rabe, Kowalski und Eulenspiegel, aber auch in Die Zeit, Junge Welt, Rolling Stone, Italien sowie der taz und vor allem in Titanic, wo er noch immer zu jeder Ausgabe eine Zeichnung beisteuert und als fester Mitarbeiter geführt wird.
Von Eugen Egner erschienen u.a.: „Nach Hause“ (2007, Zweitausendeins), „Schmutz“ (2008), „Die Traumdüse“ (2009, beide Edition Phantasia).

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