Expeditionen mit Tiefgang

„unter wandern“ bietet unterirdische Stadtführungen

Unter der Stadt liegt noch eine Stadt, und die wurde kaum zerstört, anders als die da oben: Felsenkeller, Bunker, ein „U-Bahn“-Abschnitt, alte Stollen, geheime Gänge. VHS Region Kassel und DGB Nordhessen bieten die Möglichkeit, die Stadtgeschichte zu „unter wandern“.

Die Straßenbahnunterführung am Kasseler Hauptbahnhof ist seit Jahren stillgelegt, existiert aber noch. Foto: Kappmeyer

Die Straßenbahnunterführung am Kasseler Hauptbahnhof ist seit Jahren stillgelegt, existiert aber noch. Foto: Kappmeyer

Es ist kühl unter der Erde, so zehn bis zwölf Grad, und zwar immer, egal wie kalt oder heiß es oben sein mag. Außerdem kann es feucht und rutschig sein, entsprechende Kleidung und festes Schuhwerk sind also angesagt. Und natürlich wäre eigentlich alles stockfinster. Da ist es nett, dass verschiedene Kasseler Künstler nicht nur für historische Anekdoten, Zeitzeugenberichte, Filme, Performances und Installationen sorgen, sondern vor allem für LICHT. Extrem aufwendig ist das alles aber auch, deshalb finden die Führungen von „unter-wandern“ selten statt, nur zwei Mal im nächsten Jahr, später vielleicht öfter. Initiiert wurde das Ganze von der Filmemacherin Heidi Sieker und dem Tonkünstler Bernd Tappenbeck, der sich als „hauptberuflichen Papa und Zeitreiseleiter“ bezeichnet. Kennengelernt haben die beiden sich über ein Filmprojekt, bei dem es unter anderem um einen Bunker unter dem Haus der Jugend ging. Langsam kamen sie dahinter, was es unter der Stadt noch so alles gibt.

Noch nicht vollständig erfasst
Kassels ausschweifender Underground ist allerdings noch längst nicht vollständig erfasst. „Wenn Sie in einer entsprechenden Gegend ein Haus kaufen“, erzählt Tappenbeck, „kann es durchaus sein, dass man Ihnen noch einen Schlüssel für irgendeine vergessene Tür in die Hand drückt, und dahinter finden Sie dann Gänge, die wer weiß wohin führen und wo Sie wer weiß was entdecken können.“ Vieles ist aus Schutzgründen zugemauert, „aber vielleicht“, ergänzt Heidi Sieker, „krabbeln Sie plötzlich an der Schönen Aussicht ans Licht“. Diverse Fürsten und andere betuchte Leute legten seit dem Mittelalter unterirdische Gänge und Schatzkammern an, manche Keller in der Altstadt waren seit Jahrhunderten miteinander verbunden, später kamen die Felsenkeller der Brauereien, Gastwirtschaften und Weinhandlungen hinzu. Aber erst die Nazis bestimmten schon Jahre vor Kriegsausbruch mit einem „Reichsluftschutzgesetz“, dass sämtliche Keller durch Mauerdurchbrüche zu vernetzen seien. Kassel ist eine der wenigen Städte, in denen das tatsächlich beinahe lückenlos geschah; und heute die einzige, in der es solche zusammenhängenden unterirdischen Stadtführungen mit künstlerischem „Event-Charakter“ gibt. Leider erwies sich so manche Untertunnelung dann aber doch als zu schwach, als die ganze Stadt brannte, fraß sich die Hitze bis unter die Erde, und an sichere Fluchttunnel auf breite Straßen oder Plätze hatte keiner gedacht: über 10000 Menschen starben.

Eiskunst oder Eingemachtes – beides gibt es im Felsenkeller tief unter der Stadt. Während über der Erde im Krieg viel zerstört wurde, blieb darunter einiges erhalten. Foto: Sieker

Eiskunst oder Eingemachtes – beides gibt es im Felsenkeller tief unter der Stadt. Während über der Erde im Krieg viel zerstört wurde, blieb darunter einiges erhalten. Foto: Sieker

Tödliches Vertrauen und Atombunker
Die aktuelle Tour beginnt im „Kulturbunker“, damals für NS-Funktionäre und Direktoren der Reichsbahn, heute ist der „Schutzgedanke“ umgedreht: Nicht die Insassen werden vor der Außenwelt geschützt, sondern die Außenwelt vor dem Lärm der hier probenden Musiker. Dann geht es in einen Felsenkeller unter der Kölnischen Straße, in dem noch Bodenproben vom Bau der A44 in Einmachgläsern lagern; in einen weiteren Keller unter der Engelsburg, in dem Szenen für den Kassel-Krimi „Tödliches Vertrauen“ gedreht wurden; in Kassels frühere „100 Meter U-Bahn“ unterm Hauptbahnhof, wo noch ein alter Waggon steht; in den früheren Atombunker, nach dem Mauerfall Schlafstätte zahlloser Besucher aus dem Osten; und schließlich in die „Weinkirche“, ein Backsteingewölbe einer alten Weinhandlung, das einer gotischen Kathedrale nachempfunden ist. Hier und da finden sich noch uralte Flaschen.

Die ca. dreistündige Tour kostet 22 Euro, die nächsten Touren finden statt vom 2. bis 5. Juni 2011 und vom 30. September bis 3. Oktober 2011.

Anmeldung ab Januar 2011 nur über die Volkshochschule Region Kassel, Telefon (0561) 1003-1681, www.vhs-region-kassel.de, Suchbegriff „unter-wandern“, pro Tour 20 Teilnehmer, fünf Touren täglich, es wird baldige Anmeldung empfohlen, da die 800 Plätze oft schnell ausgebucht sind. Weitere Infos: www.unter-wandern.de

Anmeldung für Schulklassen:
VikoNauten e.V., Projekt Tiefgänge, c/o Thomas Gudella, Murhardtstr. 33, 34119 Kassel, (0160) 94831378, info@tiefgaenge.de, www.tiefgaenge.de. Für das neue Projekt Tiefgänge sucht der VikoNauten e.V. dringend Sponsoren!

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