Finne dich selbst

Bernd Gieseking über sein neues Soloprogramm, sein neues Buch und alte Freundschaften

Jérôme: Du hast ein neues Soloprogramm: Hin & weg. Was erwartet uns?

Am 26. August stellte Bernd Gieseking sein neues Buch „Finne dich selbst“ in der Kasseler Ekstase Bar vor. Foto: Mario Zgoll

Gieseking: Ich habe einen Kabarettabend zum Thema Reisen zusammengestellt. Ich habe mir überlegt, dass die Freizeit des Menschen ja essentiell ist – was sein Leben und seine Jahresgestaltung betrifft. Für meine Jahresgestaltung ist es essenziell, dass es einen politisch-satirischen Jahresrückblick gibt, der von Dezember bis in den Februar hinein auf der Bühne läuft. Danach mache ich selbst immer Urlaub. Und ich habe immer wieder Texte geschrieben, die in so ein ganz normales Kabarettprogramm gar nicht rein passen. Die habe ich jetzt zusammengefasst, aber auch spezielle Texte dafür geschrieben und so ist „Hin & weg“ eine Mischung aus ein paar Erinnerungen und vielem Neuem – ein literarisches Kabarett, das sich eben dadurch auch vom Jahresrückblick unterscheidet, der sich dem aktuellen Politisch-Satirischen des gerade abgelaufenen Jahres verpflichtet fühlt.

Jérôme: Birgt das Reisen ein besonderes komisches Potenzial?

Gieseking: Die Frage, was nimmt man mit, wie packt man – ganz allgemeine Sachen sind natürlich total lustig, zum Beispiel sich selbst bei seinen eigenen kleinen Macken zu beobachten. Dann gibt es die schöne Redewendung der Indianer, die sagen, dass die Seele langsamer reist als der Körper. Manche sind früher tagelang an Bahnhöfen sitzen geblieben, um auf ihre Seele zu warten. Das ist natürlich ein wunderschönes poetisches Bild und hat mich dazu gebracht, ein bisschen zu reflektieren. Es streiten in diesem Programm immer wieder mein Körper und meine Seele. Meine Seele zum Beispiel möchte gern arabische Länder bereisen, mein Körper aber hat Angst. Und das Programm mischt dabei auch ein bisschen die Formen. Es gibt Dialogisches, genauso wie Erzählendes und es gibt ein paar sehr lustige Gedichte. Ich hab in diesem Programm einfach so richtig Lust gehabt, sozusagen den schönsten Wochen im Jahr nachzugehen.

Jérôme: Du hast nicht nur ein neues Soloprogramm, im Juli erschien auch dein neues Buch „Finne dich selbst“. In beiden geht es ums Reisen…

Gieseking: Ja, ich habe schon immer davon geträumt, mal ein Buch zu schreiben. Und mein kleiner Bruder ist nach Finnland ausgewandert und meine Eltern haben sich ein bisschen Sorgen gemacht und wollten mit eigenen Augen sehen: Wie geht’s denn dem jüngsten Sohn. Also überraschten sie mich dann mit der Mitteilung, dass sie nach Finnland fahren würden. Meine Eltern sind schon etwas betagt und gesundheitlich nicht so ganz auf der Höhe und ich wollte sie nicht allein fahren lassen. Also habe ich sie hingefahren und wir hatten tolle Begegnungen mit den Finnen dort vor Ort, der Familie meines Bruders und total lustige Erlebnisse. Ich habe über die Finnlandreise eine Kolumne für die taz geschrieben und die ist dem Fischer-Verlag aufgefallen und so hat man mich gefragt, ob ich daraus ein Buch machen wolle. Das war natürlich ein Sechser im Lotto, dass ein Verlag mich bittet, zu schreiben. Im Normalfall sitzt der Autor zu Hause, schreibt ein Manuskript und versucht dann, monatelang mindestens, wenn nicht jahrelang das Manuskript einem Verlag anzubieten. Das war ein unglaublicher Glücksfall.

Jérôme: Dein Buch wurde sofort sehr erfolgreich und befindet sich aktuell auf Platz 29 der Spiegel-Bestsellerliste …

Gieseking: Ja, ich habe grade vom Verlag die Mitteilung bekommen, dass ich auf der Bestsellerliste Sachbuch auf Platz 29 eingestiegen bin, wird glaub ich bis Platz 100 geführt und das ist natürlich eine große Überraschung, eine große Freude.

Jérôme: In „Finne dich selbst“ besuchst du mit deinen Eltern deinen in Finnland lebenden Bruder. Ist Familie für dich wichtig?

Gieseking: Ja, unbedingt. Ich hab ja im Grunde genommen mehrerlei Familien, die jeweils für mich irgendwie zusammengehören. Auf der einen Seite ist das natürlich die biologische Familie – es sind aber auch die Freundeskreise. Wenn ich hier im Plural rede, liegt es daran, dass es da tatsächlich einen Freundeskreis hier in Kassel gibt, der sich in meinen Kasseler Jahren entwickelt hat, es gibt aber auch weiterhin den engen Freundeskreis in Minden, meiner Heimat, und es gibt auch den in meiner Wohnstadt Dortmund. Und jeweils dort, sozusagen in so eine beinah dörfliche Struktur zu kommen, wo auch jeweils mein vieles Wegsein akzeptiert wird und ich, wenn ich da bin, jederzeit an den Grill gebeten werde, in all diesen Städten sozusagen Familienmitglied zu sein, ist ein großes Geschenk.

Jérôme: Du hast es gerade schon angedeutet: Du stammst aus Minden, in Ostwestfalen und lebst seit geraumer Zeit in Dortmund. Wie ist dein Verhältnis zu Kassel?

Gieseking: Ich lebe zwar im Augenblick in Dortmund, bin aber Kassel nach wie vor sehr verbunden, im Grunde genommen bin ich jede Woche mindestens ein, zwei Tage hier. Ich betrachte mich immer noch als Teil der Kasseler Kulturszene. Viel stärker eigentlich, als ich mich in die Dortmunder Kulturszene eingebracht habe. Und dazu muss ich sagen, dass in Kassel natürlich auch ein wichtiger Bereich meines Lebens stattfindet, vor allem meine ehrenamtliche Tätigkeit für die Caricatura. Die Komische Kunst ist Teil meiner Leidenschaften und meiner Interessen. Ich hab ja damals, Anfang der 80er, hier mit Caricatura-Gründer Achim Frenz zusammen studiert. Wir haben Seminare zusammen mitgemacht bei F. K. Waechter und bei F.W. Bernstein. Ich hab dann irgendwann festgestellt, dass ich einfach besser schreibe als ich zeichne.

Jérôme: Was macht Bernd Gieseking in zehn Jahren?

Gieseking: Oh … Möglicherweise stehe ich in zehn Jahren vor dem 30. Jahresrückblick. Ich wünsche mir oder ich denke, dass ich weiterhin Kabarett machen werde, dass es weiterhin Bühnenauftritte geben wird, und ich werde weiterhin parallel schreiben – für Kinder und für Erwachsene. Mir macht das großen Spaß. Ich glaube, dass mein Leben sich in den Grundzügen in zehn Jahren von dem heute gar nicht so unterscheiden wird. Das würde mich ehrlich gesagt auch freuen. Ich halte das, was ich im Augenblick gerade mache, für ein großes Lebensgeschenk.

Teilen, drucken, mailen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.