F.K. Waechter – Der Anti-Struwwelpeter

„Noch nie ist, denke ich, soviel Schrott auf Kinder gekippt worden wie heutzutage. Ich meine damit vor allem die Produkte, in denen Erwachsene Menschen sich auf ein eingebildetes oder bereits bewährtes Kinderniveau herunterschrauben. Das mag ja auch in Ordnung sein, wenn’s darum geht, den Kindern unsere komplizierten gesellschaftlichen Spielregeln über- und durchschaubarer zu machen.

Adele zeigt ihren Brüsten die Männer.

Adele zeigt ihren Brüsten die Männer.

Aber wenn es um Leben und Tod geht, um Liebe, Hass, Eifersucht, Lügen, List, Hoffnung, Sehnsucht, Wünsche und so weiter, da wissen diese kurzen Menschen doch verdammt gut Bescheid. Da könnten wir doch eher manches wieder lernen. Weil sich aber Kinder offenbar gerne mit solchem Schrott bekippen lassen, in dem alles neckisch, lustig, trallala, zugeht, scheint diese Frage, ob Kunst für Kinder, so schrecklich normal, dass ich mich manchmal wie von einem anderen Stern fühle, wenn ich keinen Unterschied machen will zwischen Erwachsenen und Kindern, wenn ich Kinder ernst nehmen will und mich, weil meine Erinnerung ans Kindsein und meine Erfahrung mit Kindern mich lehrt, dass Spielen, wie es Kinder tun, dem Tun des Künstlers zum Verwechseln ähnelt.

Ich denke, sobald Erwachsene im Namen von Kindern reden, lügen sie zwangsläufig. Vielleicht wollen sie die Verzauberung, die sie durch die Weihnachtsmärchen ihrer Kindheit erfahren haben, nun auch ihren Kindern zuteil werden lassen und begreifen nicht, dass das nicht geht, dass das lediglich dem sentimentalen Verhältnis zu ihrer eigenen Kindheit entspringt und dass wahrscheinlich die Wirkung eines unverfälschten Märchens auf Kinder heute viel größer sein könnte, als die eines süßlich aufgemotzten Weihnachtsmärchens auf die Eltern damals, wenn Kinder heute nicht viel zu viel Zeit damit verbrächten, sich von den täglichen »Weihnachtsmärchen« aus dem Fernsehen überschütten zu lassen, statt zu spielen. …“
Auszug, F. K. Waechter

Die meisten Künstler aus dem Kreis der Neuen Frankfurter Schule sind mit ihren Arbeiten für Erwachsene renommiert und erfolgreich, sei es als Cartoonist, Maler, Dichter, Dramatiker, Drehbuchautor, Kritiker, Satiriker oder Romancier und gehören zu den Besten und Hochdekoriertesten ihres Fachs im deutschen Sprachraum. Gerade deshalb ist es spannend, auf die Kinderbücher aus dem Kreis der NFS einen besonderen Blick zu werfen. Denn fast alle Künstler der NFS und viele aus deren Umfeld haben Bücher für Kinder verfasst.

Den Anfang machte Friedrich Karl Waechter (1937–2005) mit seinem legendären Buch „Der Anti-Struwwelpeter oder listige Geschichten und knallige Bilder“. Das Original Struwwelpeter von Heinrich Hofman (1809–1894) war zu diesem Zeitpunkt immer noch der deutschsprachige Kinderbuchklassiker und auch deshalb in progressiven Kreisen ein besonders verabscheutes Beispiel für autoritäre Erziehung. Von F. K. Waechter umgeschrieben und in Reimform gebracht, werden nun bisher selbstverständliche Autoritäten lächerlich gemacht, während im Original die Kinder von den Erwachsenen grausam zurecht gezogen werden. Ursprünglich von F. K. Waechter nicht unbedingt für junge Leser gedacht, wurde es sein erfolgreichstes Kinderbuch.

F. K. Waechter wurde nicht nur durch den Anti-Struwwelpeter zu dem Hauptvertreter des antiautoritären Kinderbuchs. Angeregt durch die Arbeit in einem selbst verwalteten Kinderladen, die in dieser Szene für die Eltern verpflichtend war, schuf er eine große Anzahl. Wie etwa „Die Kronenklauer“, ein Buch, das F. K. Waechter zusammen mit Bernd Eilert verfasste, und das als Meilenstein der Kinderliteratur dieser Zeit gilt. Gerade dadurch, dass es die Kinder schelmisch dazu animiert, in das Buch hinein zu zeichnen und dieses so selber mit zu gestalten. Sein Bilderbuch „Wir können noch viel zusammen machen“ erhielt 1975 den Deutschen Jugendliteraturpreis und erschien auch in der DDR. Dort wurde allerdings die Piratenflagge geschwärzt, die auf dem Titelbild den Kahn ziert, in dem die Hauptpersonen Schweinchen Inge und Vogel Philip sitzen. Liebe, Nacktheit und Sexualität sind selbstverständliche Bestandteile des Lebens und für F. K. Waechter daher auch selbstverständlicher Teil seiner Kinderbücher. Ebenso zeichnete er auch Religionskritisches für Jugendliche.

F. K. Waechter verfasste mehrere Spiele- und Rollenspielbücher. Nach ersten Erfahrungen mit dem Kindertheater arbeitete er ab 1975 hauptsächlich in diesem Bereich und schrieb über 70 Miniaturen, Kurzdramen und abendfüllende Stücke. Sein erfolgreichstes Stück ist wohl „Schule mit Clowns“. Ab den 1990 er Jahren schrieb er Kinderbücher, in denen weniger Komik als märchenhafte Poesie Stilmittel waren, wie „Da bin ich“ und „Der Rote Wolf“, in dem auch seine eigenen Erfahrungen als Kind mit Flucht und Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkriegs eingeflossen sind. Für dieses Werk erhielt er 1999 den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Bilderbuch. Der Auslöser für die Arbeit an Da bin ich war der Bürgerkrieg in Jugoslawien, dem ersten Mal nach 1945 in Europa, dass Kinder wieder massenhaft Opfer gewalttätiger Auseinandersetzungen wurden.

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