Getuschte Poesie nach Melodie  

Virtuos Virtuell – ein Filmprojekt von Maja Oschmann und Thomas Stellmach

„Weiches Taumeln“, „Seerosensequenz“ oder „klaustrophobische Enge“ – diese Beschreibungen stammen nicht aus einem klassischen Gedicht, sondern beschreiben musikalische Sequenzen einer Ouvertüre von Louis Spohr, die in einem Trickfilm mit Tusche sichtbar gemacht werden. Ein eigenwilliges, ein einmaliges Projekt der Künstler Thomas Stellmach und Maja Oschmann, die erst mit Worten beschreiben, was später mit Pinsel und Kamera im Bild umgesetzt wird.

Die beiden Filmkünstler Thomas Stellmach und Maja Oschmann. Foto: Mario Zgoll

Die beiden Filmkünstler Thomas Stellmach und Maja Oschmann. Foto: Mario Zgoll

Seit drei Jahren arbeiten die beiden gemeinsam daran, die Ouvertüre aus der romantischen Oper „Der Alchymist“ von Louis Spohr in Bilder umzusetzen – mit Tusche und viel Phantasie. Louis Spohr wurde 1822 Hofkapellmeister in Kassel, wurde verehrt als virtuoser Geiger und Komponist. Sein Denkmal ziert den Opernplatz. Das Spohr Museum im Südflügel des Kasseler Kulturbahnhofs würdigt diesen leidenschaftlichen Musiker und engagierten Bürger. Trickfilmer Thomas Stellmach entdeckte Louis Spohr als Thema für seine Arbeit. Und er entdeckte die Zeichnerin Maja Oschmann als künstlerische Partnerin für das Film-Projekt „Virtuos Virtuell“.

Virtuos Virtuell mit Pinselschwung
Die beiden Regisseure haben mit dieser Arbeit künstlerisches Neuland betreten. Thomas Stellmach tauchte in das Werk von Louis Spohr ein und wählte die Ouvertüre „Der Alchymist“ aus. Die Autoren begannen mit der Analyse der Musik. Mit Tusche und Wasser, mit Papier und Glas wurden viele tausend Einzelzeichnungen erstellt, die die Ouvertüre erzählen. Doch wer mit Tusche und Wasser arbeitet, der weiß: Trotz aller Planung hat auch Kollege Zufall mitgespielt – und immer wieder für überraschende Ergebnisse gesorgt.

Ein Pinselstrich als Hauptdarsteller
Ein Pinselstrich, virtuoser Hauptdarsteller, wird im Film lebendig und rast, fegt, wandert oder gleitet zur Musik übers Papier und Noten werden zu Bildern. Dabei entstehen phantastische Bilder, die den Betrachter in das Werk von Louis Spohr eintauchen lassen. „Wir haben während der Entwicklung des Films nie nach Noten gearbeitet“, sagt Maja Oschmann. Kaum zu glauben, scheint der Pinselstrich die schwarze Tusche doch nach Noten zu dirigieren …

Aus 180 Tusche-Zeichnungen auf Papier wurde eine Film-Sekunde. Tausende von Zeichnungen lagern in den Schubladen des Ateliers von Thomas Stellmach. Geordnet nach einem Stichwortverzeichnis in dem „Äste“, „Bäume“ oder „Blumen“ katalogisiert sind.

Film-Denkmal für Louis Spohr
Das Aufwändigste, so sagt Maja Oschmann, sei es gewesen, diese Bilder-Bibliothek im Kopf zu haben. Im Künstler-Team des Film-Projektes stammen die Tuschezeichnungen und die Choreographie weitgehend von Maja Oschmann. Thomas Stellmach, Produzent von Virtuos Virtuell, entwickelte den dramaturgisch schlüssigen Handlungsablauf und übernahm die digitale Bildverarbeitung.

180 Zeichnungen für eine Sekunde
Der 47-jährige ist Kassels einziger Oscar-Preisträger: Für den Zeichentrickfilm „Quest“ bekam er 1997 den Oscar für den besten animierten Kurzfilm. Studiert hat er, genau wie Maja Oschmann, an der Kasseler Kunsthochschule. 3 Jahre Arbeit haben sie schon in den Film investiert. 3 Jahre, in denen sie sich gut verstanden und ergänzt haben. 3 Jahre, in denen sie 7, 10, 15 Stunden pro Tag an diesem Film gearbeitet haben.

Der Film wurde übrigens zu einer Aufnahme des Rundfunksinfonie-Orchesters Berlin unter dem Dirigat von Christian Fröhlich, Präsident der Louis-Spohr-Gesellschaft, hergestellt.

Ein Experiment der Extraklasse
Mittlerweile ist der Film fertig, als DVD zu erwerben und es gibt umfangreiches Begleitmaterial. Gezeigt wurde der Film erstmals beim Festakt des Kasseler Stadtjubiläums am 18. Februar 2013. Weiter ist der Film im Rahmen einer „Making of – Gesprächsrunde“, am 20. April 2013, im Kasseler Gloria-Kino um 15 Uhr zu sehen.

Auf der homepage www.virtuosvirtuell.com gibt es umfangreiche Informationen rund um das Film-Experiment aus Kassel, das seinesgleichen sucht.

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