Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Hauptsache, es funktioniert

25. April 2013 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Grimms-Gramms in der documenta-Halle

Die Brüder Grimm verbrachten nach eigenen Angaben die „arbeitsamste und vielleicht fruchtbarste Zeit“ ihres Lebens in Kassel. Da ist es nur logisch, dass das Land Hessen seine große Landesausstellung als Höhepunkt des Grimm-Jahres hier ausrichtet. Es geht um viel mehr als nur die Märchen, die sie hier gesammelt haben: Leben und Geschichte, Werk und Wirkung.

Blick in die laufenden Umbauarbeiten in der documenta-Halle. Foto: Mario Zgoll

Blick in die laufenden Umbauarbeiten in der documenta-Halle. Foto: Mario Zgoll

Gestern Abend habe ich einen neueren Film von Woody Allen gesehen. Der schwächelte ja in letzter Zeit ein bisschen, doch bei zwei Dialogzeilen bin ich vor Lachen aus dem Sessel gerutscht: Alter Mann erwacht aus einem Alptraum und hat eine Panikattacke. Junge Frau macht zur Beruhigung den Fernseher an.

Alter Mann (in Panik): „Ich habe den Abgrund des Todes gesehen!“ Junge Frau: „Keine Sorge, wir gucken was anderes.“ Können Sie das toppen? Also, ich könnte das nicht toppen. Und wie wär’s mit den Grimms?

Keinen Blick für eine schöne Aussicht
Kaum jemand weiß, dass das auch ganz humorige Burschen waren. Zur Zeit des Namenspatrons dieses Magazins schrieb Wilhelm Grimm (ich weiß nicht mehr, ob an Achim von Arnim oder Clemens Brentano): „Diese Franzosen haben gar keinen Blick für eine schöne Aussicht. An der schönsten Stelle hier, der Bellevue, haben sie Stallungen errichtet, um die Pferde zur Betrachtung der Natur anzuleiten.“ An eine Wand der hohen Halle haben die Ausstellungsmacher sogenannte „Wortwolken“ gepinselt, mit Exemplaren aus ihrem Deutschen Wörterbuch: „dada“ kannten sie verblüffenderweise schon hundert Jahre vor der Erfindung in Zürich, auch „Damenbefreier“, „Dalderadei“, „Dunderlo“ und, das beste, den „Entlassungsbückling“. Ist das nicht ein Brüller? Vermutlich haben die beiden auch öfter mal gekichert bei den eigenen Werken.

Außerdem hatten sie ein ziemlich abenteuerliches, abwechslungsreiches Leben, vor allem Jakob: Erst vom Kurfürsten beschäftigt, dann von König Jérôme, dann wieder im Auftrag des Kurfürsten Teilnahme am Wiener Kongress, Reisen nach Paris, um von Napoleon geraubte Kunstschätze wieder aufzuspüren, später in Diensten des Königs von Hannover in Göttingen, wo sie sich als zwei der „Göttinger Sieben“ empörten, als der einfach die Verfassung brach, gefeuert wurden und zurück nach Kassel flohen, schließlich nach Berlin gingen, Jakob war dann noch Abgeordneter in der Paulskirche. Dies alles zeigt die Ausstellung anhand von 140 Originalobjekten, von Erstausgaben bis zu persönlichen Objekten, Bildern und Büsten in drei den Hauptwerken gewidmeten Kabinetten, es gibt auch Mitmachstationen auf einem Expeditionspfad durch eine künstliche Landschaft in der Hohen Halle, in der die auf dem Hinterkopf ruhenden Profile der Brüder als Berge aufragen, einen Kinoraum und einen virtuellen Rundgang durch ihre Wohnung am Wilhelmshöher Tor, die 1943 ausgebombt und nun erstmals in 3D rekonstruiert wurde.

Blick in die laufenden Umbauarbeiten in der documenta-Halle. Foto: Mario Zgoll

Blick in die laufenden Umbauarbeiten in der documenta-Halle. Foto: Mario Zgoll

Seriös wie museale Ausstellungsmacher
Noch ist nicht viel zu sehen, als Kurator Dr. Thorsten Smidt durch die Räumlichkeiten führt, außer geschäftig herumwuselnden Menschen, die mit dem Aufbau beschäftigt sind. Smidt ist übrigens kein Unbekannter: Er war schon Kurator der „König Lustik“-Ausstellung vor fünf Jahren, die Inspiration für unseren damals erstmals erschienenen Magazintitel war. „Klar hab ich das mitgekriegt“, meint er fröhlich, „war ich richtig stolz drauf.“ Nach fünf Jahren Wilhelmshöhe wechselte er zu einer Firma nach Bonn, die sich als „Dienstleister für Kultur und Tourismus“ versteht. Und diese Firma ist es, die nun als Generalunternehmer für Konzeption, Planung und Durchführung die ganze Ausstellung auf die Beine stellt. Eine Firma? Ich hatte gar nicht gewusst, dass es so was gibt. Smidt versichert: „Wir machen das genauso seriös wie museale Ausstellungsmacher auch, sind vielleicht ein bisschen freier und kreativer. Diese Halle ist ja kein Museum, sondern ein Ausstellungsort. Wir haben uns auf eine internationale Ausschreibung beworben und gewonnen. Na ja, dass man mich kannte, hat wohl auch geholfen.“ Vorgegeben waren der Ort, ein Etat und ein Zeitrahmen. „Ein gutes Jahr von der Auftragserteilung bis zur Eröffnung, ein unglaublich enger Zeitrahmen, aber die Herausforderung hat viel Spaß gemacht.“

Was Dr. Thorsten Smidt und seine Mitstreiter sich einfallen ließen, um eine lebendige, „erlebbare“ Ausstellung auf die Beine zu stellen, kann sich sehen lassen. „Expedition, das war die erste Idee. Expedition heißt ja, man soll sich in Bewegung setzen. Die Besucher sollen nicht einfach andächtig vor irgendwelchen Objekten stehen, sondern was tun, was erleben.“ So gibt es zum Beispiel Originalausgaben der Grimmschen Werke „zum Anfassen, das sind keine Museumsstücke, wir haben sie antiquarisch gekauft. So etwas bekommt man sonst nirgends geboten“. An der Mitmachstation „Zutritt erst ab 18?“ erfährt man, welche Passagen der Erstausgabe der Märchen Wilhelm Grimm später zensierte, was genau er veränderte, strich oder ersetzte; das 19. Jahrhundert wurde ja immer bürgerlicher und damit spießiger, zunächst war es in brutaler wie sexueller Hinsicht noch ziemlich drastisch zur Sache gegangen. Eine andere Station ist ein überdimensionierter Computer, eine Geschichtsstunde in Form einer Facebookseite, nur dass sie natürlich „Gesichtsbuch“ heißt, schließlich haben die Grimms ein Deutsches Wörterbuch und eine Deutsche Grammatik verfasst. Hier erfährt, wie die Grimms in sozialen Netzwerken des 21. Jahrhunderts auf ihren Rausschmiss als Göttinger Professoren reagiert haben könnten. „Aber alle Posts sind Originalzitate“, erklärt Smidt. „Man kann zum Beispiel eine Rechtfertigungsschrift von Jakob anklicken, Wilhelm likes it natürlich, aber man findet dazu auch einen ziemlich kritischen Kommentar von Karl Friedrich Gauß.“ Das war der berühmte Mathematiker aus der „Vermessung der Welt“, politisch weniger revolutionär gesinnt.

Der Eingangsbereich der documenta-Halle. Foto: Mario Zgoll

Der Eingangsbereich der documenta-Halle. Foto: Mario Zgoll

Offenbar ist den Machern ein richtig großer Wurf als Höhepunkt des Grimm-Jahres gelungen. Ob das stimmt, lässt sich ab dem 27. April feststellen. Der Woody-Allen-Film hieß übrigens „Whatever Works“: Hauptsache, es funktioniert.

Expedition Grimm
Hessische Landesausstellung
27. April bis 8. September 2013
Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr,
Donnerstag 10 bis 21 Uhr
Eintritt 8 Euro, ermäßigt 6 Euro
documenta-Halle

www.expedition-grimm.de

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