Herrscher über Wotans Maschinenraum

Tobias Geismann ist Notenbibliothekar am Staatstheater Kassel. Nun ändert sich sein Betätigungsfeld: Ab Januar übernimmt er das Orchestermanagment – als Nachfolger der scheidenden Orchesterdirektorin Insa Pijanka.

Tobias Geismann. Foto: Mario Zgoll

Vor mehr als einem halben Jahrtausend konnte der gute Hensel Dethynger nicht ahnen, dass sein Name in die Geschichte eingehen wird. Vor 516 Jahren erhielt der Musiker seine Bestallungsurkunde als „Trumpter“ in der Kasseler Hofkapelle von Landgraf Wilhelm II. 1502 gilt als offizielles Gründungsjahr des Staatsorchesters Kassel, das aus der Kapelle der Landgrafen von Hessen hervorgegangen ist. Heute gehört es zu den ältesten Orchestern Europas.

Was wäre ein Orchester ohne Noten?
Eng mit der Kasseler Orchestergeschichte verbunden sind illustre Namen wie Louis Spohr (1784–1859) und Gustav Mahler (1860–1911). Der eine war langjähriger Hofkapellmeister, bedeutender Komponist und berühmtester Geiger seiner Zeit neben Niccolò Paganini; der andere wirkte als junger Dirigent in Kassel, ehe er das Genre der Sinfonie zu neuen Gipfeln führte. Das Staatsorchester begeistert heute in vielen Stilen. Die Musikerinnen und Musiker reüssieren mit Mahler und Richard Wagner genauso wie mit Filmmusik, mit Musicals wie mit Disco-Rhythmen. Doch was wäre ein Orchester ohne Noten, nach denen es die Stücke spielt? Dann wäre alles still, würde kein Ton erklingen.

Launige Anspielung
Tobias Geismann hat eine wichtige Aufgabe am Staatstheater. Der gebürtige Oberpfälzer kümmert sich als Notenbibliothekar darum, dass der Spielbetrieb läuft und die Noten da sind. Er ist Herrscher über „Wotans Maschinenraum“ – ein Schild mit der launigen Anspielung auf Wagners „Ring des Nibelungen“ hängt an der Bibliothekstür. In der Notenbibliothek lagern zahlreiche Partituren, Stimmen, Klavierauszüge, darunter allein drei verschiedene Ausgaben der neun Beethoven-Sinfonien.

Lebende Geschichte
Als wir den gut gelaunten Notenfachmann in seinem Büro neben der Bibliothek besuchen, gewinnen wir faszinierende Einblicke in die Orchesterpraxis. Zum Beispiel, was Wagners „Ring“ anbelangt, der seit dieser Spielzeit wieder am Staatstheater geschmiedet wird. Für die Wagner-Tetralogie verwenden die Kasseler Musiker altes Hausmaterial – aus dem Jahr 1896! „Das ist lebende Geschichte“, sagt Geismann mit Blick auf die Anmerkungen, die diverse Musiker im Laufe der Jahrzehnte in die Noten geschrieben haben. Er arbeitet viel mit dem Computer. Wenn jemand eine „Ring“-Stimme nach Hause zum Üben mitnimmt, gibt es nicht das Material aus dem späten 19. Jahrhundert, sondern einen von Geismann digitalisierten Scan.

Heikle Stellen im Blick
Noten können ihre Tücken haben. Ein nicht unerhebliches Problem betrifft das Umblättern. Es ist beispielsweise unmöglich, dass ein Musiker ein Solo darbietet und gleichzeitig Notenblätter umwendet. Derartige Komplikationen hat Geismann im Auge zu behalten. Außerdem schreibt er Arrangements, richtet Bühnenmusiken ein, beschäftigt sich mit heiklen Wagner-Stellen. In den Werken des Bayreuther Meisters kommen Passagen mit weit aufgefächertem Geigenklang vor. Wagner konzipierte die Stellen für 32 Geigen. Da seine Musikdramen in Kassel mit 22 Geigen erklingen, besteht die Aufgabe darin, die betreffenden Takte so zurechtzulegen, dass Wagners Intention in kleinerer Besetzung erfüllt wird.

Ab Januar neuer Orchestermanager
Tobias Geismann ist seit 2013 Notenbibliothekar, Konzertdramaturg und Arrangeur am Staatstheater. Ab dem 1. Januar 2019 wechselt er das Betätigungsfeld: Er wird neuer Orchestermanager. Damit tritt er die Nachfolge von Orchesterdirektorin Insa Pijanka an, die im Januar als Intendantin der Südwestdeutschen Philharmonie nach Konstanz geht. Zu Geismanns neuen Aufgaben gehört etwa in Abstimmung mit dem Orchesterbüro das Organisieren von Aushilfen, zum Beispiel, wenn man fünf Saxofone braucht. Er wird auch Einführungen vor den Sinfoniekonzerten halten. In anderen Formaten wird die Vorgängerin als Moderatorin auftreten. „Wir werden Insa Pijanka noch ganz oft in Kassel erleben“, versichert er.

Faible für goldenes Ding mit Zug
Der designierte Orchestermanager ist mit der Kasseler Staatsorchester-Geigerin Katja Geismann verheiratet, mit den vier Töchtern leben die beiden in Lohfelden. Geboren wurde Tobias Geismann 1975 im oberpfälzischen Sulzbach-Rosenberg. Er entdeckte früh sein Faible für das „goldene Ding mit Zug“, wie er die Posaune nannte. Nach der Ausbildung an der Berufsfachschule für Musik seiner Heimatstadt und am Nürnberger Meistersinger-Konservatorium studierte er Posaune an der Münchner Musikhochschule. Er war Stipendiat der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker und musizierte in dem Elite-Orchester unter Leitung von Dirigiergrößen wie Claudio Abbado und Mariss Jansons.

Entscheidung für die Familie
Schon zwölf Jahre bevor er Notenbibliothekar wurde, hatte er Kontakt zum Kasseler Theater. 2001 spielte er für ein Jahr im Staatsorchester und lernte hier seine künftige Frau Katja kennen. Nach dem ersten Kasseler Engagement ging er als Orchestermusiker nach München, doch dann hieß es Prioritäten setzen, sich zwischen der Musikerlaufbahn und dem Vorrang für die Familie zu entscheiden – die erste Tochter war bereits geboren. Für Tobias Geismann war die Familie wichtiger, so kehrte er zurück nach Nordhessen, war Hausmann, unterrichtete an der Uni, ehe er die Stelle am Staatstheater antrat. Dass er die Laufbahn als Orchestermusiker aufgab, hätten seine Lehrer nicht verstanden, sagt er – und ergänzt: „Es war die absolut richtige Entscheidung für meine Familie und mich.“

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