Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



„Ich fahre einfach los“

26. Mai 2018 | Von | Kategorie: Feuilleton 

MHK-Direktor a.D. Bernd Küster im Interview
In Bremen und dem Bremer Umland, wo er schon über viele Jahre für Verlage und Museen gearbeitet hat, ist Prof. Dr. Bernd Küster am ehesten anzutreffen, seitdem er im Ruhestand ist. Fast neun Jahre lang war er Direktor und Wegbereiter der Museumslandschaft Hessen-Kassel (MHK), bevor ihn Kunst- und Kulturminister Boris Rhein im Januar verabschiedete. Doch Bernd Küster bleibt Kassel und Nordhessen verbunden, hat im Schwalm-Eder-Kreis sogar ein Haus gekauft. Was macht er mit der gewonnenen Zeit und wie blickt er auf die vergangenen Jahre zurück? Bei hauseigenem Kuchen, frisch gebacken im Café Jérôme im Schloss Wilhelmshöhe, haben wir ihn gefragt.

Seit einigen Jahren ist Prof. Dr. Bernd Küster mit Hannes Wader befreundet. Als unser Fotograf Mario Zgoll Küster wegen der Fotos zum Interview im Schloss Wilhelmshöhe besuchte, war Wader gerade ebenfalls vor ort, um mit dem ehemaligen MHK-Direktor die Alten Meister zu bestaunen. Foto: Mario Zgoll

Jérôme: Sie pendeln heute zwischen Bremen und Hessen. Wie kamen Sie dazu, vor vielen Jahren in der Schwalm ein Haus zu kaufen, weit vor Ihrer Kasseler Zeit?

Prof. Dr. Bernd Küster: Ich habe es einmal erworben, um es unter Schutz stellen zu lassen und als Kulturdenkmal zu erhalten, das ist alles. Dabei handelt es sich um ein Atelierhaus, einen sehr speziellen und raren Gebäudetypus, den es nur in einer bestimmten Phase gab, etwa zwischen 1880 und 1914. Das war die Zeit, in der sich akademisch ausgebildete Künstler in ihren Motivlandschaften niederließen, weil diese Regionen sie am Leben halten konnten. Nach 1918 kommt so etwas eigentlich nicht mehr vor, die betreffende Generation war nach dem Ersten Weltkrieg künstlerisch abgemeldet, viele von ihnen waren gefallen – und die neue Zeit brauchte eine andere Kunst.

Jérôme: Kommen wir mal zu Ihnen. Sie haben die MHK in den knapp neun Jahren als ihr Direktor geführt und geformt. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Küster: Wir blicken alle mit etwas Stolz zurück, meine Mitarbeiter und ich. Wir konnten in dieser Zeit viele Dinge bewegen, um den vorgegebenen „Masterplan“ zur Neuaufstellung der Kasseler Museen umzusetzen. Die Bildung einer Museumslandschaft ist auf der einen Seite ein formaler Verwaltungsakt, aber es muss ja auch eine inhaltliche Tragweite haben und passen.

Jérôme: Was hat Ihnen am Masterplan besonders gefallen?

Küster: Das Großartige dieses Planes war, den gesamten historischen Kontext im Auge zu haben und zu fragen, welche Liegenschaften und welche Sammlungen zusammengehören. Diese Dichte der bedeutenden Kasseler Sammlungen zu erhalten und an den Originalschauplätzen zu präsentieren ist wirklich fantastisch. Das kann nicht an andere Orte übertragen werden, weil die Sammlungskultur in anderen Städten gleicher Größenordnung nicht derart ausgeprägt ist. Was man in Kassel vorfindet, ist eine historische Einmaligkeit, und das war für mich ein entscheidender Grund, nach Kassel zu kommen. Museen kann man woanders auch leiten, aber diesen Masterplan umzusetzen, das war eine große Herausforderung und bleibt eine wahrhaft schöne Aufgabe.

Jérôme: Der Masterplan ist 2005 verabschiedet worden. Inwiefern konnten Sie ihn mitgestalten?

Küster: Nicht ich, sondern wir. Ich habe viele Fachkollegen, die in Themen wie Bau oder Sanierung eingebunden und vertraut sind. Wir konnten zum Beispiel durch die Auswahl der Architekten das innere Gesicht der Neuen Galerie entscheidend mitbestimmen. Bei der reinen Restaurierung wie dem Herkules gibt es für einen leitenden Architekten oder Planer natürlich wenig Spielraum, aber bei der Neuen Galerie, dem Landesmuseum und jetzt auch beim Tapetenmuseum schon. Wir konnten uns wirklich die besten Architekten nehmen, die es landesweit gab, und das hat die Qualität des Gesamtprojekts ausgemacht.

Jérôme: Es gibt ja immer einen Unterschied zwischen Theorie und Praxis, und so ein Masterplan ist zunächst mal Theorie. Ist Ihnen die Überführung in die Praxis in allen Punkten so gelungen, wie Sie sich das vorgestellt haben?

Küster: Die Strategie war klar, die großen Prioritäten gesetzt. Was den Prozess immer etwas entschleunigte, waren die zwei Widersacher jeden Bauvorhabens, nämlich Kostensteigerung und Bauverzögerung. Die Zeit ist aber nicht untätig verstrichen, sondern diente dazu, das neue Konzept ausreifen zu lassen und passgenau auf den Baukörper umzusetzen. Zum Beispiel beim Landesmuseum, einem ehrwürdigen und prachtvollen Gebäude, das wir zweckgerichtet mit großem Aufwand in ein Museum des 21. Jahrhunderts verwandelt haben.

Jérôme: Das Land hat für die Umsetzung des Masterplans die größte Kulturinvestition in seiner Geschichte getätigt: 200 Millionen Euro.

Küster: Das wird es wohl in dieser Größenordnung nie mehr geben. Aber damit wurde das Fundament gelegt, um diesen ganzen Plan in Gang zu setzen und ihm auch eine Solidität zu verleihen. Hätte man jedes Einzelprojekt anmelden müssen, wäre das unmöglich gewesen. Die Investition war politisch abgesegnet und verkündet, und damit hatte man eine gewisse Planungssicherheit.

Jérôme: Aber auch eine enorme Verantwortung.

Küster: Ja, der Kuchen wird nicht größer, und Sie müssen immer wieder neue Stücke herausschneiden. Das Staatliche Baumanagement, heute LBIH, hat als Partner bewundernswert und zuverlässig funktioniert. Es gab keinerlei Abstriche in der Qualität und keine Kompromisse, die dem gesamten Projekt hätten schaden können.

Jérôme: Welches Teilprojekt lag Ihnen besonders am Herzen?

Küster: Mein Favorit ist die Löwenburg. Sie ist ein exotisches, eigentlich unmögliches Bauwerk, das aber trotzdem Wirklichkeit geworden ist. Der Gedanke, dass man im 19. Jahrhundert eine Burg nach mittelalterlicher Vorstellung plant und schließlich auch hinstellt, aus Vergnügungssucht oder warum auch immer, hat etwas Beeindruckendes. Parallelen sucht man in vergleichbarer Form vergeblich. Es ist schon etwas merkwürdig, um nicht zu sagen bizarr, dass sich ein hessischer Landgraf, den nicht gerade ein überschäumendes Temperament auszeichnete, in Sichtweite seiner Residenz ein Liebesnest hinsetzt, auch, um sich zurückzuziehen und einsam in der Vergangenheit zu schwelgen. Aber je mehr man über diesen Bau und seine Geschichte weiß, desto faszinierender wird er.

Jérôme: Was waren für Sie die wichtigsten Meilensteine in Kassel?

Küster: Da kann man immer noch mal auf das Welterbe-Thema zurückgehen, aber dazu ist vielleicht genug gesagt. Ich bin seit Marburger Studienzeiten sehr vertraut mit den Kasseler Sammlungen, vor allem mit der Neuen Galerie. Deren unzulängliche bauliche Qualität habe ich immer bedauert, die Bilder litten unter den dunklen Farben und der Tristesse im Innern. Gerade dieses Haus mit seiner wertvollen Sammlung neu aufzustellen und wieder einrichten zu können, in der klaren, hellen Atmosphäre einer modernisierten Architektur, das war für mich ein Hochgenuss.

Jérôme: Fällt es Ihnen schwer, jetzt im Ruhestand zu sein?

Küster: Ich bin ständig unterwegs, frage heute aber niemanden mehr. Man ist in dieser Situation viel mehr Herr der eigenen Zeit. Ich lehre in Osnabrück, betreue Dissertationen, plane Buchprojekte und Ausstellungen und kann es mir leisten, Dinge gleichzeitig in Norddeutschland und in Süddeutschland anzupacken. Ich muss nur vom einen zum anderen Ort fahren, aber die Zeit bestimme ich selbst.

Jérôme: Was wird Ihnen besonders fehlen?

Küster: Die Menschen. Ich habe 25 Jahre lang Museen geleitet, und dieses vertraute Kommunizieren von morgens bis abends, weil man keine einsamen Entscheidungen trifft, sondern den Austausch pflegt und die Dinge bespricht, das vermisse ich schon.

Jérôme: Sie haben immer sehr eng und vertrauensvoll mit ihren Mitarbeitern zusammengearbeitet, das merkt man.

Küster: Ich glaube, das ist sehr entscheidend für das innere Klima. In einer kleineren Einrichtung ist es natürlich einfacher, das so zu machen. Ich habe angefangen mit vier Mitarbeitern, dann waren es 60, dann 280. Ich habe mir aber einen ganz antiautoritären Führungsstil erhalten können, habe nie einen Mitarbeiter beschimpft oder bin laut geworden. Selbst, als vor meinen Augen ein Hausmeister ein Kunstwerk irreparabel zerstört hat. Das war nicht hier in Kassel und es war auch einfach eine Tollpatschigkeit, ein wirklicher Fehltritt. Aber wenn Sie sich in so einer Situation falsch verhalten, überschreiten Sie eine Schwelle, hinter die Sie nicht wieder zurückkommen. Und das wollte ich niemals riskieren. Ich bin davon überzeugt, dass Museen heute nur im kollegialen Kollektiv funktionieren, nicht über Einzelpersonen, die meinen, sich selbst verwirklichen zu müssen. Ich halte es für falsch, wenn Leute sich einer solchen Einrichtung als Bühne bedienen und die Eitelkeit das Maß aller Dinge ist.

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