Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



„Ich hatte eine Leiche im Keller“

9. Juni 2018 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Dr. Dirk Pörschmann im Gespräch über seine neue Aufgabe als Direktor Sepulkralkultur und wie er dazu kam
Seit Januar 2018 ist Dr. Dirk Pörschmann Direktor des Museums für Sepulkralkultur und damit einhergehend Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal. Der 47-Jährige stammt aus Worms, wohnte eine Zeit lang in Essen, von wo aus er zu seiner Arbeitsstelle an der Kunsthochschule Kassel pendelte, verlegte schließlich seinen Lebensmittelpunkt nach Kassel, wo er seine Frau kennengelernt hatte, bekam eine Stelle in Düsseldorf, zu der er von Kassel aus pendelte und ergriff dann die Gelegenheit beim Schopf, als die Stelle des Direktors für das Museum für Sepulkralkultur ausgeschrieben wurde. Er wohnt und arbeitet seitdem in Kassel. Warum er sich auf seine neue Aufgabe freut und wie er das Museum weiterentwickeln möchte, erzählte er im Jérôme-Interview.

Dr. Dirk Pörschmann im Gespräch mit Jérôme. Foto: Mario Zgoll

Dr. Dirk Pörschmann im Gespräch mit Jérôme. Foto: Mario Zgoll

Jérôme: Sie sind seit Januar in Amt und Würden, aber erst in der zweiten Februarhälfte offiziell vorgestellt worden. Wie kam es dazu?

Dr. Dirk Pörschmann: Bei meinem Vorgänger, der das Museum nur kurz geleitet hat, wurde dessen Amtseinführung mit der Verabschiedung des langjährigen Museumsdirektors Dr. Reiner Sörries verbunden. Das war bevor er wirklich angefangen hatte. Bei mir war es umgekehrt und das war vom Gefühl her auch besser, weil ich mir schon sieben Wochen lang ein Bild zu meiner neuen Aufgabe machen konnte.

Jérôme: Sind Sie schon angekommen?

Pörschmann: Total. Wenn ich überlege, dass ich erst sieben Wochen hier bin, kann ich das gar nicht so recht glauben.

Jérôme: Sie kommen ursprünglich aus Worms?

Pörschmann: Ja, da bin ich geboren, habe in Heidelberg studiert, mein Studium in Bochum beendet und dann erst mal dort gearbeitet. Irgendwann bin ich nach Essen gegangen und habe später eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Kunsthochschule Kassel bekommen, zu der ich von Essen aus gependelt bin.

Jérôme: Wann war das?

Pörschmann: Von 2005 bis 2009, die Anstellung war auf vier Jahre befristet. Drei Jahre lang pendelte ich zwischen Essen und Kassel, bis ich 2008 tatsächlich hierhergezogen bin. Der Vertrag endete 2009 und ich bekam einen Job in Düsseldorf. Also pendelte ich dann sechseinhalb Jahre lang in die andere Richtung. Zuerst auf der A44, die ich irgendwann ziemlich auswendig kannte, später mit dem Zug.

Jérôme: Warum sind sie nicht umgezogen?

Pörschmann: Weil ich in Kassel meine heutige Frau kennengelernt hatte, die hier Lehrerin ist. Und weil es mir in Kassel gefällt. Ich dachte, den Job in Düsseldorf mache ich mal zwei oder drei Jahre und dann war’s spannend, große Projekte, und ich bin sechseinhalb Jahre geblieben.

Jérôme: Was waren Ihre ersten Berührungspunkte mit dem Museum für Sepulkralkultur?

Pörschmann: Ich habe das Haus 2009 zu der Ausstellung „Und Cut!“ zum ersten Mal besucht, deswegen hängt dieses Plakat auch hier [zeigt auf die Wand seines Büros]. Ich habe dieses Museum gleich als Ort geschätzt, wo viel passiert, wo man querdenkt und wo die Möglichkeiten kultur- und kunsthistorisch einfach sehr vielfältig sind. Als einziges Museum seiner Art in Europa ist es auch ein sehr besonderes Haus.

Jérôme: Haben Sie damals schon damit gerechnet, das Haus eines Tages zu leiten?

Pörschmann: Nicht im Entferntesten. Es ist ganz schön, dass man nicht in die Zukunft schauen kann. Aber nein, darüber habe ich mir wirklich keine Gedanken gemacht.

Jérôme: Es wäre auch merkwürdig, wenn Sie sich zu diesem Zeitpunkt darüber Gedanken gemacht hätten. Aber dass sich das so ergeben hat, ist schon ein Ding. Wie kam das?

Pörschmann: Ich war bis Mai 2016 in Düsseldorf und habe einfach gemerkt, dass meine Zeit in dieser Stiftung in der Weise abgelaufen ist, dass es mir zu viel auf Eventkultur ging. Der wissenschaftliche Ansatz fehlte mir immer mehr. Und gleichzeitig hatte ich noch eine Leiche im Keller, denn ich wollte noch meine Dissertation beenden. Dafür reichte die Zeit neben Job und der Pendelei einfach nicht und deshalb bin ich ins kalte Wasser gesprungen, habe meine unbefristete Anstellung gekündigt und mich meiner Dissertation gewidmet. Währenddessen habe ich mich bundesweit beworben und, als einzige Station hier vor Ort, auch auf die Stelle des Direktors des Museums für Sepulkralkultur. Dass das geklappt hat, ist für mich mehr wert als ein Sechser im Lotto.

Jérôme: Als Kunsthistoriker haben Sie wahrscheinlich noch mal einen anderen Blick auf die Dinge hier.

Pörschmann: Noch habe ich den Blick von außen und glaube, das ist ganz gut. Ich habe selbst schon viele Ausstellungen gemacht, bin Kurator, und von daher denke ich, dass es die größte Herausforderung hier sein wird, den Ort neu zu gestalten. Das ist eigentlich auch das, was ich die nächsten Jahre tun will.

Jérôme: Wie soll es weitergehen?

Pörschmann: Die Vielfältigkeit und die Kooperationen in alle gesellschaftlichen Bereiche waren und sind toll. Das wird so bleiben, sofern man es nicht noch ausbauen kann. Vor zwei Wochen war zum Beispiel der Verein Kasseler Hospital hier, der Hospiz- und Palliativarbeit leistet. Das war schon etwas Besonderes mit 80 Ehrenamtlichen zusammenzusitzen, die Sterbebegleitung machen. Im Gegensatz zur Kunst hat man da natürlich ganz direkt und stark den Eindruck, dass man in die Gesellschaft wirkt, indem man solche Dinge unterstützt.

Jérôme: Nehmen Menschen aus der Sterbehilfe ihr Angebot anders auf?

Pörschmann: Wie konkret sie hier Gast sind, kann ich Ihnen nicht so genau sagen. Dazu haben wir keine Besucherbefragung, die nach den Berufen schaut. Aber es hat mich fasziniert, dass da Menschen sitzen, die das Momento mori und die Erinnerung an die Vergänglichkeit ständig vor Augen haben. Man könnte sagen, sie brauchen in so ein Museum eigentlich gar nicht zu gehen. Aber sie sind dem Museum gegenüber sehr aufgeschlossen und gleichzeitig sehr freundlich-zurückhaltend. Ich finde es spannend, dass man die Möglichkeit hat, nicht nur Kunst und Kultur, sondern auch den Bereich des Sozialen und des in die Gesellschaft Hineinwirkenden zu bedienen. Das hat mir in der reinen Kunst am Ende auch gefehlt.

Jérôme: Vorne im Museum liegt das Gästebuch aus und ganz oben ist ein Eintrag „like mich snapchat“. Das spricht ja für einen jüngeren Besucher. Wie wichtig ist es, alle Altergruppen zu bedienen?

Pörschmann: Das ist extrem wichtig und auch in der Vergangenheit so passiert. Man kann zum Beispiel Kindergeburtstage hier veranstalten. Für viele ist das erst mal befremdlich, aber ich glaube, da unterschätzt man Kinder in ihrer Wahrnehmung. Ich bin noch großgeworden in einer Zeit, wo man die Kinder vom Tod fernhielt. Als meine Großmutter gestorben war, die mir sehr viel bedeutete, wollte man nicht, dass ich sie noch mal sehe. Das bedauere ich bis heute. Jede menschliche Kultur hat sehr früh Rituale entwickelt, um mit diesem Verlustschmerz umgehen zu können. Dazu gehört auch das Sehen und das Wahrnehmen der Toten. Ich glaube, dass Kinder da keine Ausnahme sein sollten.

Jérôme: Worauf freuen Sie sich in Ihrer neuen Funktion besonders?

Pörschmann: Ich freue mich darauf, diesen Ort neu zu gestalten. Dieses Haus wurde 1992 eröffnet, es gibt zum Teil erheblichen Sanierungsbedarf, im Sommer auch klimatische Probleme und die Dauerausstellung muss aktualisiert werden. Aktualisierung heißt auch wirklich noch mal zu überlegen, was die Kernthemen sind und in welchem Bereich man diese hier behandeln sollte. Das wird uns die nächsten Jahre beschäftigen und da fange ich gerade an zu träumen und diese Träume aufzuschreiben, um einen handfesten Antrag an unsere Zuwendungsgeber daraus machen zu können.

Jérôme: Welches große Thema möchten Sie gerne behandeln?
Pörschmann: Das Thema Suizid finde ich höchstspannend und ich möchte es gerne in einer großen Ausstellung bearbeiten. Die Zahl der Suizid-Toten ist dreimal höher als die der Toten durch Autounfälle. Wenn man dann noch bedenkt, wie viele Menschen versuchen, sich umzubringen – man geht davon aus, dass diese Zahl mindestens zehn Mal höher liegt. Wie viele Menschen in unserer Gesellschaft also wirklich mit Suizid konfrontiert sind und wie wenig darüber gesprochen wird, das ist schon interessant. Nach wie vor ist das ein Tabuthema und wird im wahrsten Sinne des Wortes totgeschwiegen.

Jérôme: Wann könnte diese Ausstellung zu sehen sein?

Pörschmann: Die Planungen werden über die nächsten zwei bis drei Jahre laufen. Ich schätze, dass wir die Ausstellung 2020, 2021 zeigen können. Bis dahin möchte ich durch kleinere Interventionen Objekten, die bereits im Haus sind, in neue Perspektiven rücken. Wie unsere Leichenkutsche, die wir aus der Rotunde im Altbau auf die Mittelebene gehoben haben. Und natürlich gibt es immer wieder Sonderausstellungen wie die zum Thema gewaltsamer Tod mit Fotografien von Jens Umbach und Dieter Huber und einer Video-Installation von Herlinde Koelbl. Eröffnet wird sie am 25. Mai. Kommen Sie vorbei!

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