Jackpot für den Spieler – Urs Lüthi erhält Arnold-Bode-Preis 2009

Das mit Abstand eindrucksvollste und authentischste Porträt von Urs Lüthi – Teilnehmer der documenta 6 von 1977 – zeigt den Schweizer Künstler so, wie es seinem vielschichtigen Wesen wohl am gerechtesten wird: von hinten. Unbemerkt aufgenommen hält es ihn auf dem Weg zu einer Ausstellungseröffnung fest, gemeinsam mit seinen Künstlerkollegen Balthasar Burkhard, Markus Raetz und Kunstkurator Jean-Christoph Ammann, im Entstehungsjahr 1970 Leiter des Kunstmuseums Luzern, später Leiter der Kunsthalle Basel und des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt/Main. Mitgänger Franz Gertsch verwandelte seinen kongenialen Schnappschuss kurz darauf in das 2 x 3 Meter große, fotorealistisch angelegte Gemälde „Kronenburg“, das seither zu den bedeutendsten Werken der jüngeren Schweizer Kunst zählt. Was den besonderen Reiz des darin enthaltenen Lüthi-Porträts ausmacht, ist insbesondere der Umstand, dass es dem damals 22-Jährigen nicht den Hauch einer Chance ließ, sich dabei in irgendeiner Form künstlich in Szene zu setzen. Denn in erster Linie so kennt die Kunstwelt den umtriebigen Künstler seither: als posenden, sich selbst permanent zum lustvoll präsentierten Objekt erklärenden Taschenspieler, der sich einer Festlegung seiner Positionen – und seien sie lediglich festgemacht an der Wahl seiner künstlerischen Techniken, die er wechselt wie andere ihr Hemd – vorzugsweise entzieht. Da fügt es sich fast nahtlos, dass der Künstler – so zumindest die Information seines ehemaligen Studenten und heutigen persönlichen Assistenten Jens Nedowlatschil – inzwischen auch keine Interviews mehr gibt.

Foto: Dieter Schwerdtle

Foto: Dieter Schwerdtle

Ob umgesetzt per Grafik, per Malerei, per Fotografie, Video, Skulptur oder Rauminstallation: Gewiss ist im Werk von Urs Lüthi daher nur, dass es darin keine Gewissheiten gibt. Sondern einzig das endlos variierte Spiel mit der Maskerade, der kalkulierten Irritation, der zwingenden Verunsicherung des Betrachters – offenbar als zum Vexierspiegel der laufenden Ereignisse transformierter Reflex auf die eher schlichte Erkenntnis, dass es in einer immer komplexer erscheinenden Welt scheinbar immer weniger verbindliche Sicherheiten gibt. Das gilt natürlich auch für die ohnehin auf Risiko angelegte Position des Künstlers. Und so nimmt es nicht Wunder, dass die zahlreichen Lüthi-Schüler – Urs Lüthi ist, nach einer Ausstellung im Kasseler Kunstverein 1990 und diversen Gastprofessuren, seit 1994 Professor für Bildende Kunst an der Kunsthochschule Kassel – im Gegensatz zu ihm selbst unter heutigen Bedingungen ebenfalls ein Leben in Ungewissheit führen. Konnte sich ihr „Meister der Masken“ – nach einer kurzen Ausbildung an der Züricher Kunstgewerbeschule mehr oder weniger als hoffnungsvoller Autodidakt gestartet – schon 1968 im Amsterdamer Stedelijk Museum platzieren, gefolgt von zahllosen Ausstellungen von Paris über Chicago und Sao Paolo bis nach Sydney, ist eine auch nur ähnlich verlaufende Karriere ihnen bislang versagt geblieben. Sucht man im Internet nach den Lüthi-Schülern von 1998, die ihre Werke damals im Rahmen der höchst programmatisch betitelten Schau „Das Verschwinden der Kunst wird aus gesellschaftlichen Gründen auf unbestimmte Zeit verschoben“ im Kasseler Kunstverein ausstellen konnten, so ist das Ergebnis ausgesprochen übersichtlich. Die Aussicht, wie Urs Lüthi bereits mit 49 Jahren einen Kunstpreis für das offenbar früh vollendete „Lebenswerk“ zu erhalten – an diesen seinerzeit verliehen vom Kanton Zürich – hat vermutlich keiner. Beim heutigen Nachschlagen im Katalog („Werkbuch“) von 1998 wird dafür wohl so manchem einer der dort zitierten Aussprüche Lüthis in den Augen brennen: „Ich halte es für gut, wenn man ein gut diskutierter Außenseiter ist.“

Weniger außenseitig, dafür eher inwändig im Zentrum des aktuellen Kunstmarktinteresses, kann Professor Lüthi – der seit 1986 in München wohnt, wo er bemerkenswerter Weise keinen Lehrstuhl hat – hingegen schon bald wieder seine Trophäensammlung erweitern: Das Kuratorium der Arnold-Bode-Stiftung, derzeit besetzt mit Prof. Karl Oskar Blase, Carolyn Christov-Bakargiev, Prof. Heiner Georgsdorf, Dr. Klaus Lukas, E.R. Nele und Alfred Nemeczek, schlug ihn zum Träger des mit 10000 Euro dotierten Arnold-Bode-Preises vor, und der Kasseler Magistrat, als letztlich entscheidender Vorstand der Bode-Stiftung, folgte diesem Vorschlag. Ende des Jahres wird Urs Lüthi seinen Preis, wie es die vergleichsweise kurze Tradition will, im Kasseler Kunstverein erhalten. Bis dahin haben alle Beteiligten und sonstig Interessierten Zeit herauszufinden, was es wohl mit der von der Jury an Lüthis Werk besonders hervorgehobenen „moribunden Drolerie“ auf sich hat. Um zumindest eine Gewissheit zu haben.

Von Jan Hendrik Neumann

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