Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Klassiker der literarischen Hochkomik

30. Juni 2018 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor für Eckhard Henscheid
Eckhard Henscheid ehrt Kassel durch sein Erscheinen bei der Preisverleihung“, so fasste es sein Laudator, der ehemalige Titanic-Chefredakteur Oliver Maria Schmitt, zusammen. In der Tat gilt Henscheid als hartnäckiger Preisverweigerer. Erst deren zwei hat er bisher angenommen: Den „Italo-Svevo-Preis“ im Jahr 2004 und den „Jean-Paul-Preis“ 2009 – weil er sich mit den namensgebenden Autoren und ihrem Werk verbunden fühlte, so Henscheid. Auch für den „Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor“ machte der 76-jährige nun eine Ausnahme.

Preisträger Eckhard Henscheid. Wie Laudator Oliver Maria Schmitt darlegte, „der Größte im Kleinen“. Foto: Stiftung Brücker-Kühner

Preisträger Eckhard Henscheid. Wie Laudator Oliver Maria Schmitt darlegte, „der Größte im Kleinen“. Foto: Stiftung Brücker-Kühner

Familie Kühner anwesend
Dessen Verleihung fand am 3. März im Kasseler Rathaus statt. Neben zahlreichen Ehrengästen, darunter die vormaligen Preisträger Ulrich Holbein (2012) und Frank Schulz (2015) sowie Vorjahres-Preisträgerin Karen Duve, war auch die komplette Familie des 1996 verstorbenen Schriftstellers Otto Heinrich Kühner angereist – allen voran die drei Monate alte Urenkelin Klara . Kühner hatte den „Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor“ 1985 gemeinsam mit seiner Frau und Kollegin Christine Brückner gestiftet. Er wird seitdem jährlich von der Stiftung Brückner-Kühner und der Stadt Kassel vergeben. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und zeichnet Schriftsteller aus, deren Werk von Komik und Groteske auf hohem künstlerischen Niveau geprägt ist.

Kassel als Komik-Zentrum
Hausherr und Oberbürgermeister Christian Geselle begrüßte die Gäste der 33. Preisverleihung und bekannte sich trotz der Niedrigzinslage zur Stiftung-Brückner-Kühner und damit auch zum „Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor“. „Wir wissen, was wir an der Stiftung haben“, gab Geselle zu Protokoll und betonte die Bedeutung des Preises unter den deutschen Literaturpreisen und die Relevanz der Stadt Kassel als Zentrum der Komischen Kunst.

Förderpreis
Der Verleihung des Hauptpreises voran geht seit 2004 die des mit 3.000 Euro dotierten „Förderpreises Komische Literatur“. Diesen erhielt in diesem Jahr die Lyrikerin und Übersetzerin Dagmara Kraus. „Mit ihrer ebenso kunstfertigen wie unterhaltsamen Dichtung zeigt Dagmara Kraus eindrucksvoll, wie sehr auch experimentelle Poesie vom Humor profitieren kann“, heißt es in der Begründung der Jury. Auch ihr Verleger und Laudator Urs Engeler versäumte es nicht, die Einzigartigkeit seiner Autorin zu preisen. Bei ihr seien Wörter Lebewesen mit einer eigenen Natur. Selten habe er Sprache so körperlich erlebt, so Engeler.

Wagnerianer seit 60 Jahren
Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung vom Kasseler Musikkabarettisten Martin Lüker, der sich dem Hauptpreisträger zu Ehren und im Sinne der Komischen Kunst dem Werk Richard Wagners annahm. Eckhard Henscheid gilt als Opern-Liebhaber und bezeichnet sich selbst als „Wagnerianer seit 60 Jahren“. 1979 schrieb er mit „Mozart ist der Verdi Wagners“ einen „Opernführer für Versierte und Versehrte“.

Musikalische Texte
Ursprünglich wollte Henscheid Musiklehrer werden, entschloss sich dann aber für ein Studium der Germanistik und Publizistik in München. Der Sinn fürs Klangliche geht auch seinem literarischen Schaffen nicht ab. Oliver Maria Schmitt stellte etwa die Musikalität henscheid‘scher Texte heraus und attestierte ihm das „absolute Gehör für den Scheiß der Welt“. Nur Henscheid komponiere die deutsche Sprache wie Henscheid.

Dostojewski als Vorbild
Auch nach Vorbildern in der Weltliteratur sucht der geneigte Leser nicht vergebens. Insbesondere Fjodor M. Dostojewski erweise Henscheid des Öfteren die Reverenz und gelte nicht erst seinem Roman „Die Vollidioten“ als ausgewiesener Kenner des russischen Schriftstellers, so Oliver Maria Schmitt. Schon der Titel dieses ersten Teils seiner „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ verweist auf dessen Klassiker „Der Idiot“. Zuletzt erschien im Jahr 2014 mit „Dostojewskis Gelächter: Die Entdeckung eines Großhumoristen“, eine Publikation, die „dem versierten Leser es als gut recherchierte Dostojewski-Sekundärliteratur dienen kann“, so der Münchner Merkur.

Stilbildender Humorist
Die Jury ehrte Henscheid als „Klassiker der literarischen Hochkomik“ – eine Attribution, die schwerlich von der Hand zu weisen ist. Bereits in seiner Begrüßung betonte der Dichter und Medienwissenschaftler Christian Maintz stellvertretend für die Jury, Henscheid habe ganze Generationen beeinflusst und geprägt. Er sei ein „stilbildender Humorist“, der eine „kunstvolle Sprachmüllaufbereitung“ betreibe, bekräftigte Laudator Schmitt.

Werkausgabe zu Lebzeiten
Nach Robert Gernhardt im Jahr 1991 und F.W. Bernstein 2008 ist Henscheid der dritte Vertreter der Neuen Frankfurter Schule, der mit dem „Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor“ ausgezeichnet wird. Gleichwohl gilt er als deren erfolgreichster Autor. Charakteristisch für sein Werk ist die Vielzahl der von ihm gepflegten Gattungen und Genres. Die Arbeiten des Titanic-Mitbegründers umfassen Romane, Erzählungen, Satiren, Essays und Glossen, um nur einige zu nennen. Nach zahlreichen Einzelpublikationen erschien Anfang der 2000er-Jahre bereits zu Lebzeiten eine Gesamtausgabe mit Henscheids Werken. Vor allem aber ist er seit 2014 der erste und einzige lebende deutsche Autor, nach dem ein Lokal benannt wurde – das „Henscheid“ im Frankfurter Stadtteil Bornheim.

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