Kumm rewwer Beethoven

Wie der berühmte Komponist fast Kasseler wurde
Nur ein Haufen Goldstücke lag zwischen Ludwig van Beethoven und Kassel. Nachdem er kurz zuvor seine 5. Symphonie (»Schicksalssymphonie«) wie auch seine 6. Symphonie (»Pastorale«) vollendet hatte, wäre der damals 38-jährige, bereits hochberühmte Komponist Anfang 1809 auf Initiative von Friedrich Ludwig III. Graf Truchsess zu Waldburg um ein Haar von Wien nach Kassel gewechselt, um dort am Hofe Jérôme Bonapartes, König von Westphalen, fortan als Kapellmeister zu wirken – mitten in seinen produktivsten Jahren von 1806 bis 1813. Nur aufgrund eines Manövers von Beethovens engsten Wiener Adelsfreunden sollte es schließlich anders kommen. Ganz, ganz anders kommt es hingegen in einer Filmkomödie von 1989 mit Keanu Reeves (»Matrix«), bei der Ludwig van Beethoven – aus seiner doch angetretenen Kasseler Wirkungsstätte heraus – 1810 per Zeitreise entführt wird.

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Endlich bin ich von den Ränken und Kabalen und Niederträchtigkeiten aller Art gezwungen, das noch einzige deutsche Vaterland zu verlassen. Auf einen Antrag seiner Königlichen Majestät von Westphalen gehe ich als Kapellmeister mit einem jährlichen Gehalt von 600 Dukaten in Gold dahin ab – ich habe eben heute meine Zusicherung, dass ich komme, auf der Post abgeschickt und erwarte nur noch mein Dekret, um hernach meine Anstalten zur Reise, welche über Leipzig gehen soll, zu treffen. Deswegen, damit die Reise desto brillanter für mich sei, bitte ich Sie, wenn’s eben nicht gar zu nachteilig für Sie ist, noch nichts bis Ostern von allen meinen Sachen bekannt zu machen“, schreibt Ludwig van Beethoven aus Wien am 7. Januar 1809 an Gottfried Christoph Härtel, in dessen Leipziger Verlag Breitkopf & Härtel, dem ältesten Musikverlag der Welt, zwischen 1808 und 1812 sämtliche Beethoven-Werke von op. 67 (5. Symphonie) bis op. 86 (C-dur-Messe) als Erstausgaben erscheinen. „Es werden vielleicht wieder von hier Schimpfschriften über meine letzte musikalische Akademie an die Musikalische Zeitung geraten“, so Beethoven an anderer Stelle. „Ich wünsche eben nicht, dass man das unterdrücke, was gegen mich. Jedoch soll man sich nur überzeugen, dass niemand mehr persönliche Feinde hier hat als ich. Dies ist umso begreiflicher, da der Zustand der Musik hier immer schlechter wird. Wir haben Kapellmeister, die so wenig zu dirigieren wissen, als sie kaum selbst eine Partitur lesen können.“

Ein Künstler für den Modellstaat
Beethoven gilt schon seit 1792, als er mit 22 Jahren seine Geburtsstadt Bonn verlässt, um in Wien ein kurfürstliches Stipendium anzutreten, als ausgesprochen schwieriger Charakter: Reizbar, rebellisch, überheblich, geringschätzend, herrschsüchtig, von jähen Stimmungsumschwüngen geleitet, liegt ihm der Konflikt im Blut. Und so ist es nur kühle Berechnung, als Friedrich Ludwig III. Graf Truchsess zu Waldburg, seit Mai 1808 Oberhofmeister bei Jérôme Bonaparte, einen dieser vielen Zerwürfnismomente des Musikers nutzt, um ihn Ende 1808 nach Kassel abzuwerben – was diesem sehr entgegenkommt, hat er sich doch mit seinem langjährigen Gönner Fürst Karl Lichnowsky überworfen und zudem vergeblich um eine feste Anstellung bei den Wiener Hoftheatern ersucht. Bereits Anfang Juli 1808 spielt Beethoven daher mit Abwanderungsgedanken. Das als Modellstaat geplante Westphalen soll er um einen Künstler bereichern und hier den Posten des Komponisten und Musikschriftstellers Johann Friedrich Reichardt übernehmen, zu dessen Kasseler Hofkapelle einige der damals besten Musiker Deutschlands gehören. Reichardt hat es jedoch in seinem ersten Jahr am Hofe nicht geschafft, sich dort zu etablieren, ist vielmehr negativ aufgefallen und wird schließlich Ende Oktober 1808 beurlaubt und nach Wien geschickt, um sich dort nach neuem Theaterpersonal umzusehen – er kehrt nicht zurück. Beethoven scheint leicht als dessen Ersatz anzuwerben zu sein, weil er aufgrund seiner zunehmenden Taubheit offenbar starke Zukunftssorgen hat und deshalb nicht nur ungewöhnlich hohe Honorarforderungen stellt, sondern selbst minderwertige Werke zu exorbitanten Preisen veräußern lässt. Doch kaum wird die Kasseler Offerte in Wien bekannt, werden von dortigen Adeligen energische Gegenmaßnahmen eingeleitet, um den Künstler in der Stadt zu halten. Initiiert von seinen Freunden Baron Ignaz Freiherr Gleichauf von Gleichenstein und Gräfin Anna Maria von Erdődy geb. Gräfin von Niczky, gelingt ihnen dies, indem sie Erzherzog Rudolph – Beethovens einzigen Kompositionsschüler –, Fürst Franz Joseph von Lobkowitz und Fürst Ferdinand von Kinsky dazu bewegen, eine jährliche Leibrente von 4000 Gulden für Ludwig van Beethoven auszusetzen, was schließlich am 1. März 1809 mit einem Vertrag besiegelt wird. Dessen einzige Bedingung: Beethoven lehnt das Angebot aus Kassel ab und bleibt in Wien.

Entführt aus dem Kassel von 1810
Dass Beethoven damit nicht unbedingt weise gehandelt hat, stellt sich schon bald heraus: Als Folge der napoleonischen Kriege schmelzen auch 4000 Gulden nach der Geldentwertung von 1811 schnell zusammen, die Erben des 1812 verstorbenen Fürsten Ferdinand von Kinsky stellen ihre Zahlungen ein und auch Fürst Franz Joseph von Lobkowitz wird 1813 zahlungsunfähig, woraufhin Beethoven gegen sie prozessiert. Nur Erzherzog Rudolph zahlt sein Drittel der Apanage weiter bis ans Lebensende des Komponisten. Dieser hätte, soviel ist gewiss, in seiner Kasseler Zeit weit mehr Spuren als die Brüder Grimm hinterlassen, wechselt er doch in 35 Jahren Wien – aufgrund von Differenzen mit den Vermietern – allein etwa 40 Mal seine Wohnung. Leicht mysteriös wie die Filmemacher wohl darauf gekommen sind, wird Ludwig van Beethoven in der überdrehten US-Filmkomödie »Bill & Ted’s Excellent Adventure« indes tatsächlich im Kassel von 1810 verortet, um von dort per Zeitreise in eine Shopping Mall von 1989 entführt zu werden, wo er verzückt die Vorzüge elektronischer Keyboards testet und dem Rock’n’Roll zugetan ist: Kumm rewwer Beethoven – oder so.

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