Mehr als nur brillant

Die chinesische Geigerin Tianwa Yang ist ein junger Klassikstar und unterrichtet an der Kasseler Musikakademie

Mit vier Jahren begann sie mit dem Geigenspiel, mit 13 spielte sie als jüngste Interpretin überhaupt die höllischen schweren Capricen des Teufelsgeigers Niccolò Paganini auf CD ein. Mittlerweile gastiert Tianwa Yang (25) an den bedeutendsten Podien wie der Berliner Philharmonie oder der Wigmore Hall London. Seit 2012 lehrt die Chinesin als Dozentin an der Kasseler Musikakademie „Louis Spohr“.

Sie nahm mit 13 Jahren ihre erste CD auf und schätzt Kassels Vorderen Westen: Klassikstar Tianwa Yang. Foto: Mario Zgoll

Sie nahm mit 13 Jahren ihre erste CD auf und schätzt Kassels Vorderen Westen: Klassikstar Tianwa Yang. Foto: Mario Zgoll

Jérôme: Frau Yang, wie viele CDs haben Sie bisher aufgenommen?

Tianwa Yang: 15 oder 16. Ich habe, ehrlich gesagt, nicht mehr gezählt.

Jérôme: Neulich haben Sie bei dem Label Naxos mit dem Pianisten Nicholas Rimmer eine Gesamtaufnahme der Werke für Violine und Klavier des zeitgenössischen Komponisten Wolfgang Rihm vorgelegt. Was reizt Sie an Rihms Musik?

Yang: Ich finde sie sehr sensibel. Rihm hat zwar viele große Werke geschrieben, die klanglich teilweise sehr kraftvoll bis zum Massiven sind und sehr dramatische Harmonien verwenden. Aber bei ihm ist außerdem eine altmodische romantische Seite zu bemerken – altmodisch im positiven Sinn. Seine Musik hat auch öfters verletzliche Momente, die mich besonders bewegen.

Jérôme: Spielen Sie viel zeitgenössische Musik?

Yang: Viel ist es noch nicht, aber dieser Bereich interessiert mich total. Neben Rihm habe ich zum Beispiel Musik von Jörg Widmann aufgeführt. Dieses Jahr kommt noch der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas hinzu. Bei den Schwetzinger SWR-Festspielen werde ich im Mai ein Solostück von ihm aufführen.

Jérôme: Toll, denn Haas gilt zurecht als einer der interessantesten Komponisten der Gegenwart. Haben Sie vor den Ausflügen in die Moderne mehr virtuos-brillante Violinmusik eingespielt?

Yang: Tja, das ist mein Problem (lacht). Ich habe ja mit 13 die Paganini-Capricen aufgenommen – da wird man leicht in eine Schublade gesteckt. Ich möchte aber nicht als nur virtuose Geigerin abgestempelt werden. Nur Brillanz zu zeigen, ist nicht meine bevorzugte Richtung. Auch das klassische und romantische Repertoire ist mir sehr nahe. Ich freue mich viel mehr darauf, das Brahms-Konzert zu spielen als auf ein reines Virtuosen-Programm. Außerdem finde ich Programme spannend, die klassisch-romantische Stücke mit Moderne mixen. Im Januar habe ich in der Kasseler Musikakademie Beethoven und Schumann mit Rihm gekoppelt.

Jérôme: Woher kommt es, dass aus China viele bekannte klassische Musiker kommen?

Yang: Ich denke, dass es mit der Ein-Kind-Politik zu tun hat. Die Eltern haben nur ein Kind und fördern es dann bis zum Gehtnichtmehr. Die ganze Energie und finanziellen Mittel werden in die Förderung gesteckt. Daraus resultiert zwar ein riesiger Druck auf das Kind, aber es erhält auch eine solide technische Basis, was in der Musik sehr wichtig ist.

Jérôme: Sind Ihre Eltern Musiker?

Yang: Nein, ich bin die einzige Musikerin in der Familie.

Jérôme: Wie kam es, dass Sie mit vier Jahren die Geige entdeckt haben?

Yang: Totaler Zufall, wenn man so will: Schicksal. Mein Vater arbeitete in der Nähe eines Kindergartens. Er brachte mich dorthin, und es stellte sich heraus, dass es der einzige Musik-Kindergarten in Peking war. Dort fand man heraus, dass ich das absolute Gehör habe. Und so habe ich eine Geige bekommen.

Jérôme: Absolutes Gehör meint die Fähigkeit, die Tonhöhe ohne Hilfsmittel zu bestimmen. Wer als Kind eine Tonsprache wie das chinesische Mandarin erlernt, bei dem die Bedeutung eines Wortes von der Tonhöhe des Gesprochenen abhängt, soll leichter diese Fähigkeit entwickeln. Stimmt es, dass mehr Asiaten absolut hören als Europäer?

Yang: Ja, das stimmt. Ich bemerke es auch beim Unterrichten.

Jérôme: Wie war Ihre frühe Ausbildung?

Yang: Ich habe immer sehr wenig geübt, weil ich von Natur her kein braves Kind war. Aber ich konnte gut spielen und hatte Glück bei Wettbewerben. Außerdem passten meine Eltern auf, dass ich doch etwas übe. Sonst wäre ich nicht hier.

Jérôme: Kein braves Kind?

Yang: Ich konnte und kann Musik sehr schnell auswendig lernen. So legte ich Bücher auf das Notenpult, spielte meine Etüden auswendig und las währenddessen. Ich war ein richtiger Büchernarr.

Jérôme: Sind Sie es noch heute?

Yang: Ich lese alles, was unter meine Finger kommt. Momentan begeistert mich der norwegische Schriftsteller Lars Saabye Christensen. Sehr feinfühlige Literatur.

Jérôme: Haben Sie einen Lieblingsplatz in Kassel?

Yang: Ich mag den Stadtteil Vorderen Westen sehr. Ich mag alte Häuser, das finde ich stimmungsvoll. Deshalb werde ich auch in den Vorderen Westen ziehen.www.tianwayang.com

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